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EcoKinder: „Wir möchten Kindern die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit näher bringen“

El Salvador, das kleinste der Länder Mittelamerikas, hat mit massiven Umweltproblemen zu kämpfen. Das Team „EcoKinder“ wollte etwas dagegen tun und gewann mit seiner Idee – einem digitalen Lernspiel zum Thema Nachhaltigkeit – das Praxisprojekt 2015. Inzwischen wurde das Videospiel „EcoAventuras“ fertiggestellt, und seit Ende Januar 2017 können Schüler nun spielerisch lernen, wie sich die Umwelt schützen lässt.

Vor allem Entwaldung, Bodenerosion, der Verlust an biologischer Vielfalt und die Verschmutzung seiner Gewässer machen dem El Salvador zu schaffen. Die verschiedenen Naturkatastrophen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass diese Anfälligkeit des Landes auch das Ergebnis eines schädlichen Umgangs mit der Umwelt ist. Die Auswirkungen der Naturkatastrophen behindern außerdem die Armutsbekämpfung in El Salvador.

Die Umweltprobleme haben also eine direkte gesellschaftliche Wirkung: El Salvador gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Im Jahr 2015 kamen hier 6.500 Menschen durch Gewalttaten ums Leben. Das entspricht einer Rate von 105 Menschen pro 100.000 Einwohner – das ist die höchste Mordrate weltweit. Zum Vergleich: Die weltweite Rate liegt bei 6,2 pro 100.000, in Deutschland bei weniger als 1. Besonders die Bandenkriminalität macht dem Land zu schaffen und ist nach Medienberichten für schätzungsweise 60 Prozent der Gewalttaten verantwortlich.

Carolina Baiza, Francisco Soriano und Rosa Melendez stammen alle aus El Salvador und wollten etwas verändern. Sie schlossen sich zum Team „EcoKinder“ zusammen und nahmen am Praxisprojekt 2015 des Alumniportals Deutschland teil – einem jährlich stattfindenden Online-Wettbewerb. Ihre Idee: Die Entwicklung eines interaktiven Lernspiels für Schüler zu den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Durch ein populäres Medium – den Computer – wird den Kindern spielerisch das nötige Wissen vermittelt, wie man die Umwelt schützen kann, dadurch für ein besseres soziales Umfeld sorgt und schließlich auch der Gewalt vorbeugt. Das ist zumindest die Hoffnung der EcoKinder.

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Das Videospiel „EcoAventuras“ trägt zur Bildung für nachhaltige Entwicklung bei. Damit ist die Vermittlung von Wissen gemeint, das Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt:

  • Wie beeinflussen meine Entscheidungen Menschen nachfolgender Generationen oder in anderen Erdteilen?
  • Welche Auswirkungen hat es beispielsweise, wie ich konsumiere, welche Fortbewegungsmittel ich nutze oder welche und wie viel Energie ich verbrauche?
  • Welche globalen Mechanismen führen zu Konflikten, Terror und Flucht?

Bildung für nachhaltige Entwicklung ermöglicht es jedem Einzelnen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

UNESCO-Weltaktionsprogramm: Bildung für nachhaltige Entwicklung

Diese Idee überzeugte die Jury und brachte dem Team aus El Salvador den 1. Platz im Praxisprojekt 2015. Sabine Olthof, Leiterin des Alumniportals Deutschland, sagt: „Das Team ‚EcoKinder‘ zeigt einmal mehr, wie Deutschland-Alumni als wichtige Impulsgeber in ihren Heimatländern fungieren können und wie jeder einzelne von uns ein wenig zu einer besseren und lebenswerteren Zukunft beitragen kann.“

Das aus dem Praxisprojekt entstandene Videospiel „EcoAventuras“ wurde im Januar 2017 offiziell vorgestellt und stößt auf großes Interesse – sowohl bei den Schülern als auch bei der Regierung El Salvadors. Bis 2018 soll es auf 300.000 Computern laufen, aber auch als App für Smartphones und Tablets erhältlich sein. Anlässlich der Veröffentlichung des Spiels haben wir noch einmal mit den drei „EcoKindern“ gesprochen.

Das Praxisprojekt 2015 – ein Leuchtturmprojekt

„Der Austausch mit unseren Mitgliedern auf dem Alumniportal Deutschland zeigt uns, dass viele Deutschland-Alumni sich weltweit für soziale und ökologische Belange engagieren und zur Verbesserung der Lebensumstände in ihren Heimatländern beitragen möchten. Im Rahmen des Praxisprojektes 2015 war es uns daher ein besonderes Anliegen, Projektideen von Teilnehmern so entwickeln zu lassen, dass sich diese am Ende als konkrete digitale Lösungen zum Themenfeld ‚Nachhaltig leben‘ umsetzen lassen.

Das Gewinner-Team ‚EcoKinder‘ dabei zu begleiten und zu unterstützen, wie sie Schritt für Schritt ihre Projektidee entwickeln und mit Leben füllen, war eine spannende Erfahrung für uns. Das Ergebnis, ein interaktives Videospiel mit dem Namen ‚EcoAventuras‘, macht uns stolz und kann sich mehr als sehen lassen. Insbesondere die Reaktionen aus El Salvador, dem Heimatland der ‚EcoKinder‘, sind beeindruckend und vielversprechend. Sie zeigen einmal mehr, wie Deutschland-Alumni als wichtige Impulsgeber in ihren Heimatländern fungieren können und, mit Blick auf die Agenda 2030, wie jeder einzelne von uns ein wenig zu einer besseren und lebenswerteren Zukunft beitragen kann. Das Alumniportal wird diese Unterstützung und Förderung von Ideen und Projekten, die auf eine nachhaltige Entwicklung einzahlen, sicherlich fortsetzen und weiter ausbauen.“

Sabine Olthof, Leiterin des Alumniportals Deutschland

Sie haben ein ereignisreiches Jahr mit viel Arbeit hinter sich. Welche waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung des Spiels „EcoAventuras“?

EcoKinder: Eine Herausforderung stellte die Kontaktaufnahme und die Kommunikation mit den Kindern dar, die ja unsere Zielgruppe sind und geholfen haben, das Spiel zu entwickeln. Die Region, in der sie leben und zur Schule gehen, wird von Gangs kontrolliert. Sie in ihrem Umfeld zu besuchen war wegen dieser gefährlichen Bedingungen keine Option für uns.

Eine andere Herausforderung war es, Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen, um gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten. Die Spannbreite reichte vom Erzieher bis hin zum IT-Entwickler, außerdem haben Menschen aus verschiedenen Ländern mitgewirkt. Da dies unser erstes Projekt zur Entwicklung eines Videospiels war, hatten wir eine scharfe Lernkurve, die – bildlich gesprochen – manchmal schwierig zu nehmen war.

Wie hat sich die Arbeit im Team „EcoKinder“ seit Ihrem Aufenthalt in Deutschland verändert?

EcoKinder: Carolina und Francisco leben in El Salvador, Rosa in den USA. Nachdem wir in Deutschland die Chance zu einem persönlichen Treffen bekommen hatten, gab es einen größeren Zusammenhalt in unserem Team. Der Austausch von Angesicht zu Angesicht zwischen den Teammitgliedern, die sich teilweise vorher noch nie getroffen hatten,  hat unserem Arbeitsverhältnis sehr gut getan und geholfen, die weitere Zusammenarbeit zu verbessern.

Viele Menschen haben ihre Zeit und Energie kostenlos zur Verfügung gestellt

Wie konnten Sie den Kontakt zu Ihren Netzwerken aufbauen?

EcoKinder: Alle Teammitglieder haben umfangreiche berufliche Kontakte. So konnten wir auf Kollegen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Fachrichtungen setzen – wie Wissenschaftler, Künstler, Autoren und Universitätsprofessoren. Dadurch, dass das Projekt sich einem sozialen Aspekt gewidmet hat, haben all diese Menschen ihre Zeit und Energie kostenlos zur Verfügung gestellt.

Welche Rolle haben die Schüler bei der Entwicklung des Spiels gespielt? Wie sah ihre Reaktion beim Testen des Spiels aus?

EcoKinder: Wir haben die Schüler in einen Computerraum mitgenommen, um das Spiel noch während seiner Entwicklung zu testen. Es war eine Freude, ihren Enthusiasmus zu sehen. Später haben wir den Input, der von den Schülern kam, in das Spiel einfließen lassen.

Test des Videospiels „Eco Aventuras“ mit Schülern

An der Auftaktveranstaltung am 23. Januar in San Salvador haben auch der stellvertretende Minister für Wissenschaft und Technologie sowie die stellvertretende Ministerin und für Umwelt und natürliche Ressourcen teilgenommen. Gibt es eine Förderung von staatlicher Seite aus?

EcoKinder: Nein. Unser im Kern aus drei Personen bestehendes Team hat mit einer großen Energie- und Konzentrationsleistung die Produktion des Spiels geleitet und koordiniert. Das Spiel wurde aber mit finanzieller Unterstützung des Alumniportals Deutschland durch das Entwicklerteam der salvadorianischen Agentur ArtCode programmiert.

Die Verbreitung des Spiels wird von der Regierung El Salvadors unterstützt. Was verspricht sich das Umweltministerium davon?

EcoKinder: Das Ministerium fokussiert sich momentan auf die Vermittlung und das Vermarkten einer „Kultur der friedlichen Koexistenz im Einklang mit der Natur“. Das Spiel wird als ein nützliches Instrument angesehen, diese Ziele zu erreichen.

An der Auftaktveranstaltung am 23. Januar 2017 in San Salvador, auf der das Lernspiel „EcoAventuras“ offiziell vorgestellt wurde, nahmen fast 100 Menschen teil, davon 17 Journalisten – ein Großteil der Presse in El Salvador. Gesprochen haben unter anderem die stellvertretende Ministerin für Wissenschaft und Technologie, Erlinda Handal, und der stellvertretende Minister für Umwelt und natürliche Ressourcen, Angel María Ibarra, sowie Rubeena Esmail-Arndt, Leiterin des GIZ-Programms „Jugendgewaltprävention in Zentralamerika“

Lesen Sie hier verschieden Pressestimmen zur Veranstaltung (spanisch):

Video zur Auftaktveranstaltung (spanisch)

„EcoAventuras“ bis Ende 2018 auf 300.000 Computern

Welche Perspektiven sehen Sie für das Spiel? Auf wie vielen Computern und in wie vielen Schulen wird das Spiel zunächst installiert?

EcoKinder: Da das Programm des Bildungsministeriums „Ein Kind, ein Computer“ heißt, ist unser Ziel, das Spiel bis Ende 2018 auf 300.000 Computern zu installieren.

Welche Effekte für die Gewaltprävention erwarten Sie?

EcoKinder: Wir sehen das Spiel als einen Schritt in einem größeren Traum an – wir möchten Kindern die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit näherbringen. Schließlich ist unsere Hoffnung, dass sie durch das Spiel theoretisch etwas lernen, das sie dann in die Praxis umsetzen können.

Unsere Hoffnung ist: Wenn sich mehr Einwohner El Salvadors für die Umwelt interessieren, wird sich auch automatisch das soziale Umfeld verbessern. Das trägt dann auch zur Reduktion von Gewalt bei.

Wie hat Sie Ihre Verbindung nach Deutschland bei der Entwicklung des Projekts beeinflusst?

EcoKinder: Während des Studienaufenthaltes in Deutschland haben  alle Teammitglieder viel über nachhaltiges Verhalten gelernt. Nach diesem Prinzip wird in San Salvador jedoch wenig gelebt. Wir hatten den Ehrgeiz, sehr notwendige Dinge auf diesem Gebiet wie etwa das System des Recyclings oder die Erzeugung von Solarenergie zu Hause bekannt zu machen.

Hoffnung für die Zukunft

Planen Sie bereits ein weiteres Projekt zu Nachhaltigkeit und Gewaltprävention oder soll es bei einem Lernspiel bleiben?

EcoKinder: Dies wird unser einziges Videospiel bleiben. Wir werden EcoAventuras mit Updates auf dem neuesten Stand halten, aber wir haben keine Pläne, ein komplett anderes Projekt zu entwickeln.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der vorhat, ein Videospiel zu entwickeln?

EcoKinder:

  • Erstens zu akzeptieren, dass der Weg lang und schwierig sein wird.
  • Zweitens, dass die Einigkeit im Team von äußerster Wichtigkeit ist.
  • Drittens, den Blick für Details zu haben. Es gibt viele von ihnen und es wird sich so anfühlen, als ob sie Überhand nehmen. Aber jedes Detail ist entscheidend für den Erfolg des Ganzen.
  • Viertens, sich bei einem guten deutschen Bier vom Stress zu erholen.

Was nehmen Sie persönlich aus dem Projekt für sich mit?

EcoKinder: Wir haben unser Wissen sowohl im Bereich Nachhaltigkeit als auch im Bereich Technologie immens erweitert. Es war inspirierend zu entdecken, dass sich so viele Einwohner San Salvadors für die Verbesserung der Umwelt und des sozialen Umfeldes einsetzen möchten. Das Spiel bringt schon heute positive Effekte und macht Hoffnung für die Zukunft.

Autorin: Verena Striebinger

April 2017

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Kommentare

APD Redaktionsteam
17. Mai 2017

Lieber Herr Haede,

das Videospiel ist leider noch nicht als App erhältlich. Gerne informieren wir Sie, sobald die App veröffentlicht ist.

Bei weiteren Fragen können Sie sich auch gerne direkt an Carolina Baiza, Francisco Soriano und Rosa Melendez wenden.

Herzliche Grüße
Das Praxisprojekt-Team

Michael Haede
17. April 2017

Wo kann man das Spiel bekommen? Ich finde keine Quelle zum laden bzw. kaufen

Heide Berger
13. April 2017

Wunderbar! Dass der Einsatz für die Umwelt ein entscheidender Faktor für die Lösung gravierender gesellschaftlicher Probleme ist, das begeistert mich! Rücksicht auf die Natur zu nehmen, im Einklang mit der natürlichen Umwelt zu leben, das macht zufrieden! Mögen das sehr viele Menschen erkennen, auch in den hoch-zivilisierten Ländern!

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