0 Finde ich gut

MOOCs im Spannungsfeld zwischen globalen Bildungschancen und Digital Divide

Informatik, Chemie oder Philosophie an einer Elite-Universität wie Princeton, Harvard oder Berkeley studieren? Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, scheint durch MOOCs, also Massive Open Online Courses, Wirklichkeit zu werden: Allen Interessierten eröffnen sich neue Möglichkeiten, am Lernen teilzunehmen, und das überall auf der Welt. Ist das der nachhaltige Weg in eine Zukunft, in der Bildung auch Chancengleichheit bedeutet? Oder tut sich hier eher eine Bildungskluft (Digital Divide) auf?

Das Internet hat die klassische Hochschullehre revolutioniert. Universitäten wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Harvard mit edX, aber auch deutsche Plattformen wie iversity bieten kostenlose Massive Open Online Courses (MOOCs) an. Das sind webbasierte Lehrveranstaltungen, die für jedermann offen sind. Die Befürworter sehen darin eine riesengroße Chance, auch bisher benachteiligte Gruppen an Bildung nachhaltig teilhaben zu lassen, etwa Studierende in Entwicklungsländern. MOOCs sind auch eine Chance für die Universitäten, sich zu öffnen und mit anderen Institutionen zu kooperieren. An einigen Hochschulen wurden schon Konzepte entwickelt, die Online-Angebote mit Präsenzveranstaltungen zu kombinieren.

MOOCs – ein Weg zur Chancengleichheit und Demokratisierung der Bildung?

„Amazing talents can be everywhere. Maybe the next Albert Einstein or Steve Jobs is living somewhere in a remote village in Africa“. So zeichnet Daphne Koller, Gründerin des MOOC-Anbieters Coursera, ein Bild der Hoffnung für alle diejenigen, denen bisher die namhaften Universitäten verschlossen geblieben sind. Für sie und andere sind MOOCs eine Lösung zur Demokratisierung von Hochschulbildung, denn die Kurse sind kostenlos und weltweit zugänglich.

Daphne Koller: Was wir vom Online-Lernen lernen

Einer der Vorreiter für Chancengleichheit und Bildung für alle ist Salman Khan: Nachdem seine Cousine 2006 in der Schule Probleme in Mathematik hatte, gab er ihr Nachhilfeunterreicht in Form selbstproduzierter kurzer Videos. Praktischerweise stellte er die Filme auf YouTube ein – mit einem unerwarteten Erfolg und viel Zuspruch von Schülerinnen und Schülern aus aller Welt. Daraus entstand die Khan Academy, eine der bekanntesten Online-Akademien weltweit. Sie bietet in erster Linie Kurse für Schüler in allen Fächern an, kostenlose Nachhilfe also. Die gewonnene Zeit können Lehrer und Schüler für mehr Vertiefung, mehr Diskussionen und Interaktion statt Frontalunterricht nutzen. Der Erfolg gibt Khan Recht: Bildung ist auch für Unterprivilegierte verfügbar – sofern sie einen Internetanschluss, eine stabile Leitung und einen multimediafähigen Computer haben.

Kritik an den MOOCs: Digital Divide

Den begeisterten Befürwortern der MOOCs stehen jedoch zahlreiche Kritiker gegenüber. Hauptkritikpunkt in der internationalen Debatte ist der erforderliche Zugang zum Onlinemedium. Wer über veraltete Hardware, eine schlechte Internetverbindung und kein Geld für eine Flatrate verfügt, hat schlechtere Zugangschancen als materiell Bessergestellte mit dem neuesten technischen Equipment.

„Digital Divide“, zu Deutsch die digitale Bildungskluft, ist das Schlagwort, das in diesem Zusammenhang häufig fällt. Diese hat sich laut Universität Bielefeld durch das Web 2.0 sogar noch vergrößert. Der Begriff beruht auf der sogenannten Wissensklufthypothese. Sie wurde 1970 von Philip J. Tichenor, George A. Donohue und Clarice N. Olien an der Minnesota University entwickelt und besagt Folgendes: Wirtschaftlich bessergestellte soziale Gruppen, die zusätzlich über einen höheren Bildungsabschluss verfügen, nehmen den wachsenden Informationsfluss durch die Massenmedien schneller auf als die, die wirtschaftlich schwächer gestellt sind und über einen niedrigeren Bildungsabschluss verfügen. Dadurch wird die Wissenskluft zwischen diesen beiden Gruppen tendenziell größer.

Deutsche Welle: Lernen auf der Khan Academy

MOOCs: Chance oder Gefahr für kleinere Universitäten?

Gut gemachte und genutzte MOOCs sind eine Chance auch für kleinere Universitäten, sich in der Bildung zu behaupten. Christina Maria Schollerer von der Fachhochschule Potsdam, die den englischsprachigen MOOC „The Future of Storytelling“ auf der Online-Plattform iversity durchführt, erklärte in einem Interview: „Wir haben den Kurs nicht gemacht, um die Reichweite der Hochschule zu vergrößern und so groß wie Stanford zu werden. Es ist aber wichtig, dass die Wissensvermittlung nicht monopolisiert wird. Dazu können MOOCs beitragen.“

Dem schließt sich allerdings gleich ein „Aber“ an: Wenn Studierende über MOOCs die Chance haben, an einer Elite-Universität wie Princeton zu lernen, werden sie dann überhaupt noch Interesse an kleineren Studieneinrichtungen haben? Denn ob diese sich MOOCs leisten können ist fraglich. Schlimmstenfalls – so  heißt es in der Publikation „Digitales Lernen“ der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen  – könnten kleinere Universitäten sogar in ihrer Existenz bedroht werden.

Eine weitere negative Entwicklung könnte auch sein, dass zugunsten der MOOCs Präsenzveranstaltungen reduziert und Dozentenstellen abgebaut werden. Nur wirtschaftlich starke Universitäten würden sich dann noch „echte Professoren“ leisten.

Open Educational Resources

Im Zusammenhang mit MOOCs fällt auch immer wieder der Begriff der OER – Open Educational Resources. OER bieten eine schnelle und unkomplizierte, in jedem Fall kostenlose Nutzung von Lernmaterialien. Die UNESCO sieht im offenen Zugang zu Bildungsmaterialien die Chance zur Förderung von Bildung und Wissen für alle Menschen. Dazu gibt es in der Community-Gruppe „Zukunftsthema Nachhaltigkeit“ eine Präsentation, die sich mit OER und MOOCs beschäftigt.

Zur Präsentation

März 2014

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Möglicherweise unterliegen zusätzliche Inhalte wie Bilder und Videos jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie einverstanden. Zudem gilt folgende Regelung für die korrekte Benennung der Urheber und Quelle sowie Übersetzungen.

Jetzt kommentieren