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Digitales Schweigen: Warum äußern sich Frauen so wenig im Internet?

Jeder kann heute Wissen, Meinungen und Erfahrungen twittern, podcasten, bloggen, posten und kommentieren und so die Inhalte und Diskurse im Internet aktiv mitgestalten. Es gibt aber viel weniger weibliche als männliche Blogger, Hacker oder Wikipedia-Autoren. Woran liegt das? Und wie können sich Frauen aktiver einbringen, damit nicht nur die Männer Themen setzen und das Netz gestalten?

Weltweit nutzen Frauen das Internet im Schnitt 12 Prozent weniger als Männer; in Afrika sind es sogar 25 Prozent. In Deutschland verbringen Männer täglich 153 Minuten und Frauen 104 Minuten online.

Bei der aktiven Beteiligung im Netz ist die digitale Kluft zwischen Männern und Frauen deutlich. Ein Großteil der Internet-Inhalte stammt immer noch von Männern. Sie veröffentlichen mehr Tutorials, Podcasts, Kommentare oder Kaufempfehlungen als Frauen und drücken dem Netz damit immer noch einen männlichen Stempel auf. Laut einer aktuellen amerikanischen Studie zur Plattform change.org initiieren Frauen wesentlich seltener Petitionen – diese sind dann allerdings häufiger erfolgreich. Der Anteil von Frauen bei Programmierern in Open-Source-Projekten beträgt gerade einmal elf Prozent, wie die Plattform netzpolitik.org berichtet. Bei Wikipedia sind schätzungsweise weniger als 20 Prozent der Autoren weiblich.

Fehlende Internetkenntnisse, weniger Selbstvertrauen

In vielen Entwicklungsländern fehlen einem großen Teil der Frauen die finanziellen und technischen Möglichkeiten sowie die Fähigkeiten, das Internet für den Alltag zu nutzen, geschweige denn es aktiv mitzugestalten. In Ländern wie Brunei, Palästina oder der Türkei ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern bei der Nutzung des Internets besonders hoch. Zwar sind Frauen in Industrie- und Schwellenländern digital besser gebildet, aber auch hier ist ihr Interesse an einer aktiven Mitgestaltung deutlich geringer. Der Frauenanteil in den 1.700 IT-nahen Studiengängen in Deutschland beträgt laut dem Verband der digitalen Wirtschaft in Deutschland (Bitkom) gerade einmal 23 Prozent.

Um sich aktiv im Internet einzubringen, braucht es eigentlich keine besonderen technischen Fähigkeiten. Die meisten Tools sind auch für Laien leicht zu bedienen. Trotzdem erscheint offenbar vielen Frauen die Erstellung von Webseiten, Podcasts und Blogs als Männerdomäne, deshalb halten sie Abstand.

Hinzu kommt: Frauen kommunizieren in der Öffentlichkeit generell zurückhaltender und weniger polarisierend als Männer und treten weniger dominant auf. Ihr oft niedrigeres Selbstvertrauen sowie häufig eine Scheu vor Konflikten machen sich auch im Internet bemerkbar und ihre Meinungen geraten mitunter in den Hintergrund. Vielen Frauen missfällt auch der vielfach raue oder gar aggressive Umgangston im Netz. Dieses Verhalten wird zum Teufelskreis: Je weniger sich Frauen an der Kommunikation im Internet beteiligen, desto männlicher und damit oft härter wird der Umgangston.   

Auf Wikipedia schreiben und redigieren weitaus weniger Frauen als Männer. Wir sprachen mit Eszter Hargittai, Professorin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich, über die Gründe für dieses Missverhältnis.

Wikipedia – reine Männersache?

Diskriminierung von Frauen und Hate Speech

Gründe für die weibliche Zurückhaltung im Internet sind sicher auch Diskriminierung und „Hate Speech“. Besonders junge Frauen sehen sich sexuellen Belästigungen im Internet ausgesetzt. Mehr als die Hälfte der vom Pew Research Center 2017 befragten jungen Frauen haben schon einmal ungewollt anstößige Fotos erhalten. Die internationale Frauenrechtsorganisation Terre des femmes beobachtete, dass an Frauen gerichtete Netzkommentare seltener sachlich Bezug auf Inhalte nehmen, sondern meistens auf deren äußere Erscheinung. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ berichtet: „Ungeachtet des Themas wird auf Artikel, die von Frauen geschrieben wurden, häufiger mit Beschimpfungen und Trolling reagiert als auf Artikel von männlichen Autoren.”

Solche Erfahrungen macht auch die deutsche Fernsehjournalistin Dunja Hayali. Sie wird nicht nur als Frau, sondern auch aufgrund ihrer irakischen Wurzeln in sozialen Netzwerken häufig beschimpft, beleidigt und bedroht. Inzwischen hat sie ihren eigenen Umgang mit „Hate Speech“ gefunden, indem sie damit an die Öffentlichkeit geht und den Verfassern mitunter provokativ antwortet.

Weniger gesellschaftliches und politisches Gehör

„Ohne die Inklusion und Mitwirkung von Frauen und Mädchen in Führungspositionen bleibt die Informationsgesellschaft unvollkommen”, sagt Phumzile Mlambo-Ngcuka, Exekutivdirektorin von UN Women. Die geringe digitale Partizipation von Frauen wirkt sich auch negativ auf die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele aus. Das gilt laut UN Women besonders für Entwicklungsländer: „Wenn Frauen und Mädchen besseren Zugang zu den Informations- und Kommunikationstechnologien bekommen, ihre Kenntnisse ausbauen und Führungspositionen erlangen können, kann dies enorm positive Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Selbstbestimmung haben.”

Gemeinsam für mehr Gleichberechtigung im Netz

„Das Internet soll weiblicher werden!“ – dafür setzen sich viele nationale und internationale Initiativen ein. Sie wollen nicht nur die gleichen Möglichkeiten für Frauen, Inhalte im Internet zu konsumieren. Entscheidend ist für sie auch, dass Frauen Inhalte selbst erstellen und das Internet als Plattform für die Durchsetzung ihrer Rechte nutzen. So gründeten etwa die Internationale Fernmeldeunion (International Telecommunication Union, ITU) und UN Women 2016 gemeinsam EQUALS, eine globale Partnerschaft für Geschlechtergerechtigkeit im digitalen Zeitalter, die viele Ideen für eine aktivere Rolle von Frauen im Internet entwickelt. Dabei konzentriert sich die Initiative auf drei Kernthemen:

  • Access: Verbesserung des Zugangs zu digitalen Technologien für Frauen und Mädchen
  • Skills: Kompetenzentwicklung von Frauen und Mädchen in den Bereichen Naturwissenschaft, Technik und Mathematik
  • Leadership: Förderung von Frauen in Entscheidungspositionen im IKT-Sektor

Video: Wiki Loves Women

Bei Wikipedia ist die digitale Kluft zwischen Frauen und Männern schon lange ein großes Thema. Das 2016 gemeinsam mit dem Goethe-Institut gestartete Projekt „Wiki Loves Women“ soll die Beteiligung von Frauen an dem Online-Lexikon in Afrika verbessern.

Auch die IT-Industrie will die digitale Kluft zwischen den Geschlechtern reduzieren. Schließlich sind im Netz aktive Frauen eine interessante Zielgruppe für sie. So hat Google etwa das Projekt Womenwill ins Leben gerufen und Intel will mit dem Programm She Will Connect die Partizipation von Mädchen und Frauen im Internet fördern.

Jeder kann im Web 2.0 fast grenzenlos twittern, bloggen, posten. Für Frauen ist das eine große Chance. Sie sollten sie nutzen!

Autorin: Susanne Reiff, to the point communication

Männerdomäne Internet? Diskutieren Sie mit!

Wie nehmen Sie das Internet wahr, wie groß ist die Kluft zwischen den Geschlechtern? Wie kann das Internet weiblicher werden? Kennen Sie aktive Frauen im Netz? Wir freuen uns auf Ihre Ideen und Beiträge in der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft“!

Community-Gruppe

November 2017

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Kommentare

Daniel Ingunza
15. November 2017

Ich empfinde es mittlerweile fast als Syntom psychologischer Unreife, davon auszugehen, dass Männer oder die Gesellschaft an der Situation oder am Benehmen der Frauen schuldig sind.

Erstens wird fast jedes Mitglied jeder Gesellschaft von einer Frau erzogen. Die prägendsten Ûberzeugungen und Eindrûcke davon, wie die Welt und das Leben sind und sein sollen und wie die Rollen von Männern und Frauen sind, bekommen wir von Frauen (Mutter, meistens)

Somit sind Frauen dafür verantwortlich, was sie den Kindern in dieser Hinsicht mitteilen. Und somit sind sie für das Verantwortlich, was an der Gesellschaft auf diese mitgeteilten Paradigmata zurückzuführen ist.

Und zweitens werden Internet-Kommentare, die nicht zur Sache gehen, sondern eher emotionell sind, genauso gegen Männer wie gegen Frauen gerichtet sein. Das ist jedenfalls unwichtig, denn jeder (Mann oder Frau) ist in der Lage, frei zu entscheiden, ob er/sie sich davon einschüchtern lässt.

Und drittens, das PHänomen der geringeren Frauenbeteiligung ist darauf zurückzuführen, wie Mann und Frau Stress abbauen. Wir Männer bauen Stress ab, indem wir Sport machen. Aber auch durch Schreiben. Wir bringen dadurch unsere Gedanken in Ordnung. Und das beruhigt.

Frauen hingegen, bauen Stress durch Reden ab. Das ist auch der Grund, warum eine normale Frau zwanzig Tausend bis dreiundzwanzig Tausend Wörter am Tag sagt. Und ein Mann nur dreitausend oder viertausend, im Durchschnitt. Insofern ist es wahrscheinlich, dass Frauen wenig im Internet posten oder schreiben, weil sie viel lieber reden.

Also wäre es interessant, eine Studie zu organisieren, die feststellt, wieviel Zeit eine durchschnittliche Frau am Telefonieren oder einfach am Reden verbringt, im Vergleich zu der Zeit, die sie am Schreiben am Computer verbringt. Und dasselbe für Männer. Und dann beides vergleichen.

Die Redezeit für Frauen wird bestimmt das Sechsfache sein, wie bei Männern. Bloss wir werden dann nicht auf die Idee kommen, dass die Gesellschaft uns diskriminiert oder uns vom freien Reden ausgrenzt, bwz. inklusiver werden soll, sondern wir werden einfach weiterarbeiten, etwas essen oder schlafen.

Klaus Prehn
15. November 2017

Die Frauen meiner Jahrgänge, und zuvor die unserer Mütter,Omas etc. waren durchweg schreibfauler, aber nie redefauler!? Frauen können sich schon sehr stark mitteilen, wenn Sie denn wollen. Und heute,was ich so in meinen Bekanntenkreisen sehe und erlebe muss ich sagen: Frauen teilen sich und Ihre Meinung mehr im Internet,Facebook.Instagram+WhatsApp etc.pp. mit als Männer...!? Es tut sich was!!

Mario Griffey
15. November 2017

Mann und Weib und Weib und Mann/
reichen an die Goettheit an.......
Diese schlichte Worte aus Schikaneder/Mozart machen mich denken: lass uns machen keine Sorgen darueber. Meine Frau und Ich helfen miteinander und wer mehr internet benutz, nicht wichtig ist.

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