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Wikipedia – reine Männersache?

Auf Wikipedia schreiben und redigieren weitaus weniger Frauen als Männer. Wir sprachen mit Eszter Hargittai über die Gründe für dieses Missverhältnis. Sie ist Professorin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich, wo sie die Abteilung Mediennutzung und Gesellschaft leitet.

Wikipedia ist eine der beliebtesten Webseiten der Welt und hat die vielbändigen Enzyklopädien aus den Bücherregalen verdrängt. Mit Wikipedia begann ein neues Zeitalter des Wissensaustauschs, denn dort schreiben und redigieren die Nutzer ihre Inhalte selbst. Allerdings steuern manche Menschen weitaus mehr zu Wikipedia bei als andere. Besonders auffällig ist die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Die Beiträge auf Wikipedia stammen mehrheitlich von Männern. Wie groß ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen tatsächlich?

Eszter Hargittai: In den Vereinigten Staaten sind ungefähr 25 Prozent der Wikipedia-Redakteure und -Autoren weiblich. Es ist allerdings schwer, das weltweit einzuschätzen, weil es von Land zu Land enorme  Unterschiede gibt. In den meisten afrikanischen Ländern beispielsweise ist der Anteil der Frauen, die Zugang zum Internet haben, weitaus kleiner als in Europa. Also ist die Situation dort ganz anders. Geschätzt wird das Verhältnis weltweit auf ungefähr 20 Prozent weibliche und 80 Prozent männliche Wikipedia-Autoren.

Sie konzentrieren sich bei Ihrer Forschung auf die Gründe für dieses Ungleichgewicht. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Eszter Hargittai: Es ist eher eine Frage der Kompetenzen als des Geschlechts. Man beteiligt sich bei Wikipedia, wenn man weiß, wie das funktioniert. Überraschenderweise geht es dabei weniger um Wikipedia-spezifische Kenntnisse, sondern um allgemeine Internetkenntnisse. Weil Frauen tendenziell weniger Online-Kompetenz haben als Männer, ist dieses Ungleichgewicht eigentlich vor allem ein Kompetenzgefälle.

Und natürlich stehen diese Kenntnisse in einem engen Zusammenhang mit dem Bildungsstand. Unsere Forschungen haben ergeben, dass Menschen mit einem abgeschlossenen Studium normalerweise bessere Internetkenntnisse haben als weniger ausgebildete Menschen.

Wie schwierig ist es, bei Wikipedia mitzuwirken?

Eszter Hargittai: Einen Beitrag zu bearbeiten ist keine so schwierige Angelegenheit, wenn man weiß, dass dies möglich ist und man nur nach dem „Bearbeiten“-Link suchen muss. Einen neuen Beitrag zu verfassen ist dagegen alles andere als einfach und stellt sehr oft eine enorme Barriere dar. Ich finde, hier gibt es für die Wikimedia-Stiftung noch einiges zu tun.

Warum haben Mädchen und Frauen noch immer weniger Internetkenntnisse?

Eszter Hargittai: Mädchen werden nicht im gleichen Maße wie Jungen dazu ermuntert, sich mit Technologie zu beschäftigen. Auch wenn man zur Nutzung des Internets keine Kenntnisse in Programmierung oder Hardwaretechnologie braucht, so sind doch eine Reihe von technischen Aspekten damit verbunden, in die man eine gewisse Zeit investieren muss. Frauen haben in der Regel weniger Freizeit als Männer, weil sie noch immer vorwiegend für Haushalt und Familie verantwortlich sind. Sie verbringen daher weniger Zeit online und haben weniger Gelegenheiten, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln. Das führt wiederum dazu, dass sie weniger darüber wissen, wie man im Netz Inhalte generiert.  

Fast jeder kann heute im Internet aktiv sein. Es gibt aber viel weniger weibliche als männliche Blogger, Hacker oder Wikipedia-Autoren. Wie können sich Frauen aktiver einbringen, damit nicht nur die Männer Themen setzen und das Netz gestalten?

Frauen im Internet
In vielen Teilen der Welt wächst die junge Generation mit dieser Technologie auf. Werden sich die von Ihnen beschriebenen Muster bald ändern?

Eszter Hargittai: Verschiedene Studien, die andere Forscher und ich durchgeführt haben, zeigen, dass junge Leute längst nicht so umfassende Internetkenntnisse haben, wie man annimmt. Daher müssen wir viel mehr in ihre digitale Bildung investieren und Online-Kompetenz noch stärker in die Lehrpläne der Schulen integrieren.

Wir sollten uns zudem mehr auf die wichtige Zielgruppe der älteren Menschen konzentrieren, denn sie haben üblicherweise mehr Zeit als Erwachsene anderer Altersstufen. Sie sind vielleicht im Hinblick auf ihre Internetkenntnisse nicht ganz auf der Höhe der anderen, aber hier könnte man mit mehr Unterstützung ansetzen.

Warum ist es problematisch, dass hauptsächlich Männer Inhalte zu Wikipedia beisteuern?

Eszter Hargittai: Wikipedia ist eine der weltweit beliebtesten Webseiten und hat eine enorme Reichweite. Aber noch wichtiger ist, dass die Menschen Wikipedia hauptsächlich nutzen, um Wissen zu erlangen. Das heißt, dass Wikipedia ihr Wissen prägen kann! Frauen finden dort weniger Inhalte zu Themen, die für sie wichtig sind, als Männer.

Aber auch hier ist das Geschlecht nicht der einzige relevante Faktor. Bestimmte Arten von Menschen tragen eher zu Wikipedia bei als andere und bilden mit ihren Beiträgen ihre ganz spezifischen Interessen ab. So gibt es zum Beispiel unglaublich detaillierte Einträge zu Star Wars, aber viel weniger über Themen wie die Sonnenfinsternisse  des 20. Jahrhunderts.

Wie sind Sie zu Ihren Ergebnissen gekommen?

Eszter Hargittai: Es ist schwierig, relevante Daten zu bekommen. Sich nur die Community anzuschauen, die bereits zu Wikipedia beiträgt, ist problematisch, weil man mit diesem Ansatz diejenigen ausschließt, die es nicht tun. Deshalb haben Aaron Shaw und ich bei unserer Erhebung die allgemeine US-amerikanische Bevölkerung angesprochen, das heißt in diesem Falle mehr als 1.500 Erwachsene über 18 Jahre.

Wir bemaßen  ihre allgemeinen Internetkenntnisse mit einem Fragebogen, auf dem sie einschätzen sollten, wie gut sie sich mit einer Reihe von Internetbegriffen auskennen. Außerdem stellten wir ihnen einige Multiple-Choice-Fragen zu Wikipedia. Durch eine dieser Fragen konnten wir feststellen, ob die Menschen wissen, dass man an der Wikipedia-Webseite selbst mitwirken kann. 68 Prozent der Befragten war dies bekannt. Auch wenn die Geschlechterungleichheit hier vielleicht nicht riesig ist, ist sie doch statistisch signifikant : 71,5 Prozent der Männer und 65 Prozent der Frauen kannten die „Bearbeiten“-Option.

Welche wichtigen nächsten Schritte leiten Sie aus Ihren Erkenntnissen ab?

Eszter Hargittai: Vor allem müssen wir dafür sorgen, dass mehr Menschen bessere Computerkenntnisse haben – auch die mit geringerer Bildung. Wie dies am besten zu erreichen ist, muss noch weiter erforscht werden. Außerdem sollten sich die Betreiber von Webseiten wie Wikipedia bei ihrer Nutzerfreundlichkeit mehr an der breiten Bevölkerung orientieren und nicht nur an denjenigen, die sich schon mit Computern auskennen. So kann man hoffentlich die Barrieren abbauen, die Frauen davon abhalten, ihr Wissen auf Wikipedia und in anderen Internetforen zu teilen.

Autorin: Susanne Reiff, to the point communication

Schluss mit dem Ungleichgewicht der Geschlechter!

Wie kann die geringe Beteiligung von Frauen auf Wikipedia erhöht werden? Haben Sie Ideen dazu? Oder haben Sie vielleicht schon Erfahrungen damit gemacht, wie man die digitale Teilhabe  von Frauen stärken kann? Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Meinung in der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft“ mit uns teilen!

Community-Diskussion

November 2017

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Kommentare

Sergei
15. November 2017

Der Computer ist z.Zt. ein untrennbarer Teil unseres Lebens und gibt allen die neuen merkwürdigen Möglichkeiten. Wieso sollen die Menschen darauf verzichten?
Es entsteht solch ein Eindruck, was, dass den Computer zu benutzen ist
genauso einfach ist, wie auf egenen Beinen zu gehen. Aber erinnern Sie sich, wie viele Bemühungen das Baby macht, bevor es auf die Beine kommt, um selbst zu laufen!
Es ist doch kein Meister vom Himmel gefallen. So es ist möglich, in einem beliebigen Alter mit einem beliebigen Anfangsniveau den Computer zu meistern. In diesem Zusammenhang gibt es kostenlose Online-Computerkurse, die helfen, allen Einsteigern auf die Sprünge zu kommen. Solche Kenntnisse sollen aber in allen Sprachen beigebracht und stimuliert werden.

Kirstin Mbohwa-Pagels
15. November 2017

Zur Information:
http://www.wikiloveswomen.org/

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