Drei Fragen zu Nachhaltiger Entwicklung: Ziel 8 – Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

Wir sprachen mit Zakia Moulaoui Guery, der Gründerin von Invisible Cities, und Alice Sparks, der Leiterin der Zweigstelle Manchester. Die Organisation Invisible Cities mit Sitz in Großbritannien ist ein Sozialunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen, die auf der Straße gelebt haben, über eine Arbeit als Tourguide in ihren Handlungskompetenzen zu bestärken.

1014: Frau Sparks, beschreiben Sie doch bitte die aktuelle Situation in Bezug auf menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum in Manchester. Haben die Menschen Schwierigkeiten, Arbeit zu finden? Warum bildet Invisible Manchester speziell Menschen aus, die Obdachlosigkeit erlebt haben?

Alice Sparks: In Manchester, einer der reichsten und geschäftigsten Städte auf der ganzen Welt, haben viele Menschen immer noch Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Das trifft insbesondere auf diejenigen zu, die Obdachlosigkeit erlebt haben, da ihr Selbstwertgefühl häufig komplett zerstört ist. Der Zweck unserer Arbeit liegt darin, ihnen zu helfen, ihr Selbstvertrauen wiederzufinden und übertragbare Qualifikationen zu erlangen, mit deren Hilfe sie ihre Zukunftsperspektiven erweitern können. Unser Konzept ist einfach – sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen, während eine Tourgruppe jedem Wort lauscht, ist eine unschätzbare Erfahrung. Die Schulungen, die wir anbieten, sind so zugeschnitten, dass wir jedes Individuum in den Bereichen Vertrauensbildung, öffentliches Vortragen und Umgang mit Kund*innen individuell unterstützen können. Wir bieten zudem in Partnerschaft mit Kulturinstitutionen Schulungen an, die von deren Angestellten durchgeführt werden, und sie laden unsere Guides in Räume wie etwa Museen ein, die sich bis dahin wenig einladend angefühlt haben. Unsere Tourguides erhalten ein Pauschalhonorar von £20 pro Tour. Als Sozialunternehmen werden unsere Gelder in die Weiterbildung der Tourguides oder in Veranstaltungen für die breitere Öffentlichkeit in Manchester reinvestiert.

1014: Frau Sparks, was sind Ihre Aufgaben bei Invisible Cities Manchester? Was motiviert Sie, wenn Sie morgens zur Arbeit gehen? Was frustriert Sie manchmal?

Alice Sparks: Als ich Invisible Cities Manchester gründete, war mein erster Schritt, vertrauensvolle Beziehungen mit Obdachlosenorganisationen aufzubauen und gemeinsam ein Überweisungssystem einzurichten, um Dienstleistungsnutzer*innen zu rekrutieren. Heute manage ich unsere Tourguides, unser kleines Team von Mitarbeiter*innen und etwa zehn Freiwillige. Ich organisiere Schulungsprogramme, handhabe die Kommunikation über die sozialen Medien, regle die Logistik für unsere Tourbuchungen und kümmere mich um die Finanzen. Freitag ist meine Lieblingstag, weil unsere Schulungsveranstaltungen und Teammeetings am Ende der Woche liegen. Wir teilen uns in der Regel ein paar Sandwiches, besprechen, was die Woche über so los war, und gehen dann gemeinsam zur Schulung, sei es ein öffentlicher Workshop, ein Theaterkurs oder eine Führung durch die Manchester Art Gallery. 

Morgens motiviert es mich, wenn ich die Tourguides durch ihre Arbeit aufblühen sehe. Nach fünf Monaten Theater-Workshops und Training im öffentlichen Vortragen entwickelte Laura beispielsweise ein leidenschaftliches Interesse an der Geschichte der Frauen in Manchester. Ihre Tour ist ungeheuer beliebt geworden und hat ihr Möglichkeiten eröffnet, ihrem Interesse an Mode und Kosmetik nachzugehen. Manchmal bin ich frustriert, wenn ich bedenke, dass eine Gesellschaft menschenwürdige Arbeit für alle anbieten sollte, unabhängig von ihrem Hintergrund und ihrer persönlichen Geschichte. Es sollte nicht nötig sein, obdachlose Menschen für den Arbeitsmarkt sichtbar und attraktiv zu machen. Eine Veränderung hin zu einer Gesellschaft mit mehr Mitgefühl scheint nicht schnell genug zu gehen.  

1014: Frau Moulaoui Guery, die Stadtführungen finden nicht nur in Manchester statt, sondern auch in Edinburgh, York, Glasgow und Cardiff. Was wünschen Sie sich als Gründerin des Unternehmens Invisible Cities für diese Gemeinschaften und anderswo im Hinblick auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigungslage insgesamt?

Zakia Moulaoui Guery: Ich würde mir wünschen, dass die Arbeitslandschaft und die Gemeinschaften in unseren Städten ganz allgemein inklusiver und weniger vorurteilsbehaftet sind. Es gibt zu viele Menschen, die immer noch von einer Menge Chancen ausgeschlossen werden oder für die es sehr schwierig ist, auf das, was es gibt, zuzugreifen, weil sie entweder nicht wissen, wo sie suchen müssen, oder weil sie zu wenig sichtbar sind. Wir sollten alle versuchen, darin besser zu werden, für alle zu inserieren, und uns stärker bemühen, so inklusiv wie möglich zu sein.


Mehr Informationen zur Arbeit von Invisible Cities UK finden Sie auf www.invisible-cities.org

Diese Interviewreihe wurde ursprünglich auf 1014.nyc veröffentlicht und durch das Goethe-Institut ins Deutsche übersetzt.

September 2020

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