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„Afrika ist im Kommen“

Onyeche Tifase ist Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende von Siemens Nigeria. Sie ist überzeugt, dass die Arbeitslosigkeit in Afrika durch Wissen und die richtige finanzielle Förderung überwunden werden kann.

Ihre Karriere bei ­Siemens begann in ­Großbritannien, später ­arbeitete sie auch in Deutschland und den USA für den Konzern. Seit 2014 ist sie Chefin von Siemens Nigeria. Tifase hat 2018 an der dritten Ausgabe der Studie „Deutschland in den Augen der Welt“ teilgenommen. Dabei befragt die GIZ Persönlichkeiten in zahlreichen Ländern zu ihrem Deutschlandbild.

Wie würden Sie Afrikas wirtschaftliche Lage beurteilen?

Onyeche Tifase: Afrika ist im Kommen. Das hat verschiedene Gründe: Der Kontinent steht in wichtigen Bereichen besser da als früher. Beispiele dafür sind Handel, Unternehmertum und das größere Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme. Die Menschen in Afrika wissen heute genauer, welche Art von politischer Führung sie wollen. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden mehrere Regierungen gestürzt: etwa in Simbabwe, Südafrika oder Gambia. Außerdem verändert sich Afrika weg vom reinen Rohstoffexporteur hin zum Hersteller höherwertiger Produkte. All das macht mich sehr optimistisch.

Aber es fallen auch Länder zurück in Krisen und Rezession.

Onyeche Tifase: Wir folgen natürlichen Entwicklungszyklen und befinden uns zugegebenermaßen in einem frühen Stadium, aber es geht voran. In vielen afrikanischen Ländern, wie etwa Nigeria, ist heute ein stabileres Wachstum zu beobachten. Konflikte werden gelöst, Bildung und Gesundheitswesen haben eine höhere Priorität.

Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit in Afrika hoch, besonders unter den jungen Menschen. Was ist das beste Rezept, um mehr Jobs zu schaffen?

Onyeche Tifase: Ohne die richtigen Fähigkeiten ist es sehr schwer, Arbeit zu finden, selbst für Universitätsabsolventen. Weil die meisten jungen Leute keine Arbeitserfahrung haben, können sie sich in einem neuen Job nicht richtig einbringen. Und ganz sicher fehlt ihnen das Wissen, wie man ein eigenes Unternehmen gründet und führt.

Wie lässt sich dieses Wissen erwerben?

Onyeche Tifase: Man kann sich über das Internet weiterbilden. Außerdem sollten private Unternehmen und öffentliche Institutionen Hand in Hand arbeiten. Das gilt nicht nur in Bezug auf die Berufsausbildung, sondern es geht auch um ganz grundlegende Dinge – etwa um Wissen darüber, wie die Wirtschaft funktioniert, über Buchhaltung und Finanzen oder darüber, wie man richtig kommuniziert. Wir müssen die jungen Leute fit machen, damit sie für Arbeitgeber interessant sind oder etwas Eigenes gründen können. Im Rahmen eines Programms des Bundesstaates Lagos zum Beispiel bringen Universitätsdozenten ehrenamtlich Studierenden Wissen für den Job bei. Viele Unternehmen, darunter Siemens, unterstützen das Programm. Und es ist ziemlich erfolgreich.

Was ist sonst noch wichtig im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit?

Onyeche Tifase: Ein weiterer zentraler Faktor ist Finanzierung. Wir brauchen Institutionen, die Kredite mit niedrigen Zinsen an junge Gründer vergeben. In den meisten wirtschaftlich erfolgreichen Ländern weltweit haben kleine Unternehmen eine entscheidende Rolle gespielt. Manchmal entwickeln sich aus einem Einmannbetrieb multinationale Unternehmen. Wir brauchen Kreditprogramme mit angemessenen Zinsen für junge Menschen in Afrika.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Onyeche Tifase: Eine sehr große. Unternehmen können Angebote aus dem Internet für ein effizienteres Management nutzen, dabei ihre Kosten senken und Gewinne erhöhen. Damit wiederum lassen sich Arbeitsplätze schaffen. Afrika hat die richtige Mentalität dafür: Viele Afrikaner lieben technische Neuheiten und nutzen sie so schnell wie möglich.

In welchen Branchen sehen Sie besondere Chancen, neue Jobs zu schaffen?

Onyeche Tifase: Im Energiesektor, weil Afrika ein riesiges Potenzial an fossilen Treibstoffen und erneuerbaren Energien hat, mit denen es seine enorme Stromunterversorgung beheben könnte. Nur 40 Prozent der Afrikaner haben verlässlich Strom. Außerdem sehe ich Chancen in der Landwirtschaft, bei der Lebensmittelverarbeitung, in der Fertigung und zunehmend in der IT-Branche.

Autorin: Friederike Bauer
Foto: Siemens

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Magazin akzente – Ausgabe 3/18 publiziert.

November 2018

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