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Raus aus der Verschuldung: Wie ein Start-up indischen Kleinbauern die Existenz sichern möchte

Die Lage der Kleinbauern in Indien ist verheerend: Viele von ihnen sind hoch verschuldet und sehen als einzigen Ausweg häufig nur noch den Freitod. Plattformen wie ConnectFarmer.com helfen den Kleinbauern, ihre Produkte für einen angemessenen Preis zu verkaufen und so ihre Situation zu verbessern. Die Idee stammt von Deutschland-Alumnus Shrikrishna Hegde Ullane.

In Indien ist fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, die aber nur 17,9 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Die finanziellen Erträge für die zumeist als Kleinbauern tätigen Landwirte sind also gering. Hinzu kommen Ernteausfälle durch Naturkatastrophen wie Bodenerosionen oder Überschwemmungen. Auch die Folgen des Klimawandels und Schädlingsbefall machen den Bauern zu schaffen. Zudem kassieren Zwischenhändler häufig den hart erwirtschafteten kleinen Profit.

Viele indische Kleinbauern befinden sich daher in einer sehr schwierigen finanziellen Situation, viele von ihnen sind überschuldet. Nach Schätzungen aus dem vergangenen Jahr haben fast 300.000 Kleinbauern seit 1995 den Freitod als letzten Ausweg aus dieser verzweifelten Situation gewählt. Doch fällt der Hauptverdiener einer Familie weg, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage noch weiter: Armut und Hunger nehmen zu.

Daten und Fakten zu Indien

  • Bevölkerung: 1,2 Milliarden Menschen (17,2 Prozent der Weltbevölkerung)
  • Arbeitende Bevölkerung: 502,2 Millionen Menschen (davon 48,9 Prozent in der Landwirtschaft, 24,3 Prozent in der Industrie, 26,8 Prozent im Dienstleistungssektor)
  • Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze: 350 Millionen Menschen (29,8 Prozent der Gesamtbevölkerung)
  • Bevölkerung jünger als 24 Jahre: 46,15 Prozent der Gesamtbevölkerung
  • Bruttoinlandsprodukt (BIP): 204 Billionen US-Dollar (drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach China und den USA)
  • Wirtschaftswachstum 2015/16: 7,5 Prozent, 2016/17: 8 Prozent (Schätzung)
  • Anteil der Sektoren am BIP: Dienstleistungen 52,7 Prozent, Industrie 29,7 Prozent, Landwirtschaft 17,9 Prozent
  • Alphabetisierungsrate: 74 Prozent

Quelle: British Council – The state of social enterprise in India (PDF, englisch)

Suresh, ein Kleinbauer aus dem Südwesten Indiens, stellt Sirup aus der Kokum-Frucht und getrocknete Bananen her. Er weiß nicht genau, welchen Preis er für seine Produkte bekommen kann oder wie er Endabnehmer findet. Suresh ist daher auf Zwischenhändler angewiesen, die einen großen Teil seines Gewinns als Provision einstreichen.

„Und genau hier kommt unsere Plattform ConnectFarmer.com ins Spiel“, sagt Shrikrishna Hegde Ullane. Suresh registriert sich auf der Plattform. Dort bekommt er ein geeignetes Marketing-Training, um den Verkaufswert seiner Produkte abschätzen zu können. Außerdem stellt die Plattform den Kontakt zu den Endkunden her. Suresh erhält nun regelmäßig Bestellungen – direkt von seinen Kunden. Zwischenhändler werden nicht mehr benötigt und Suresh bekommt den Preis für seine Produkte, den sie auch wirklich wert sind.

  • ConnectFarmer.com: Erfolgsgeschichten
  • ConnectFarmer.com: Erfolgsgeschichten
  • ConnectFarmer.com: Erfolgsgeschichten
  • ConnectFarmer.com: Erfolgsgeschichten
  • ConnectFarmer.com: Erfolgsgeschichten

Interessen der Kleinbauern vertreten

Shrikrishna Hegde Ullane weiß inzwischen viele solcher Erfolgsgeschichten zu erzählen. Er betreut als Geschäftsführer die Plattform ConnectFarmer.com. Ullane ist selbst in einem kleinen, abgelegenen Dorf im Bundesstaat Karnataka im Südwesten Indiens geboren und aufgewachsen. Seine Familie besteht aus Kleinbauern, die schon seit vielen Generationen in der Landwirtschaft tätig sind.

„Ich wusste also schon früh über die Nöte der Kleinbauern Bescheid. Manchmal ist es ein Schädlingsbefall, manchmal sind es Überschwemmungen – aber trotz all dieser Naturkatastrophen sind die Bauern immer in der Lage, mit großer Anstrengung und Mühe einen bestimmten Ernteertrag zu produzieren. Leider streichen am Ende immer Zwischenhändler den Gewinn ein, die Bauern machen Verluste.“

Nach Ullanes Worten hat die Bauerngemeinschaft in Indien bisher keine Kontrolle über die Vermarktung ihrer Produkte. Diese werde vollständig von den Zwischenhändlern kontrolliert. Auch die Anstrengungen der Regierung zeigten noch keine Erfolge, um die Interessen der Bauern besser zu berücksichtigen.

Video: Rekorddürre in Indien – Letzter Ausweg Selbstmord

„Seit 1995 haben sich mehr als 300.000 Bauern das Leben genommen – wegen ihrer finanziellen Probleme. Das ist im Schnitt ein Selbstmord fast jede halbe Stunde!“

„Ich wollte immer etwas tun, um die Probleme der Bauern zu lösen“, sagt Ullane. Am College hat er Betriebswirtschaft studiert, was ihm eine bessere Vorstellung von Geschäftsabläufen vermittelte. „Ich fing an, darüber nachzudenken, wie wir dieselben Prinzipien für die Vermarktung der Landwirtschaft durch einen Zusammenschluss vieler Kleinbauern anwenden können“, erzählt Ullane. „Ich fand heraus, dass eine Kooperative die beste Methode wäre, um die Probleme der Kleinbauern zu lösen. Leider waren die meisten der bereits vorhandenen Kooperativen nicht sehr professionell und hatten daher keinen wirklichen Nutzen für die Bauern.“

So entstand die Idee für eine Online-Plattform. Zusammen mit Balchandra Hegde Sayimane, der ebenfalls aus einer Bauernfamilie kommt, gründete er 2013 ConnectFarmer.com und schuf damit einen virtuellen Marktplatz, um Bauern direkt mit Endkunden zu verbinden und ihre Produkte zu verkaufen.

Zwar funktioniert das Internet über einen festen Anschluss gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch nicht flächendeckend. Jedoch haben inzwischen viele Bewohner ein Smartphone, mit dem sie das Internet mobil nutzen können – so gelangen Informationen auch in abgelegene Gebiete.

Die Vorteile auf einen Blick:

  • Online-Plattformen ermöglichen den Austausch untereinander, kleinere Produzenten können den Wert ihrer Waren besser einschätzen.
  • Durch einen Zusammenschluss über eine Online-Plattform wird die Vermarktung der Produkte gebündelt und damit wirksamer, ein viel größerer Personenkreis wird erreicht.
  • Der Kontakt zu Endkunden wird hergestellt.
  • Zwischenhändler, die einen großen Teil des Gewinns einbehalten würden, fallen weg.

Initiativen wie ConnectFarmer.com tragen so zur Förderung von menschenwürdiger Arbeit und zu mehr Wirtschaftswachstum bei. Damit haben sie eine hohe Wirksamkeit im Kampf gegen Armut und Hunger – vor allem in ländlichen Bereichen der Entwicklungs- und Schwellenländer.

„Ich hatte einen Traum – mehr nicht“

Für Shrikrishna Hegde Ullane und Balchandra Hegde Sayimane war es nicht einfach, die Plattform ConnectFarmer.com zu starten. „Das hat eine Menge Zeit gekostet und viele Opfer gefordert“, erzählt Ullane. „Da ich aus einer Familie von Kleinbauern stamme, hatte ich kein Geld, gleichzeitig musste ich eine schwierige Berufsausbildung absolvieren.“ Anfänglich musste das Start-up sich selbst finanzieren. Ab 2015 gab es eine Förderung von der DO School in Deutschland.

Globale Bildungsplattform vernetzt junge Sozialunternehmer

Shrikrishna Hegde Ullane hat 2015/ 2016 ein Jahr lang als einer von 19 Studenten aus der ganzen Welt am „Entrepreneurship for Good fellowship“ an der DO School teilgenommen. Die Westerwelle Foundation übernahm die Kosten für den Deutschlandaufenthalt inklusive Flugtickets und Unterkunft. Nach der zehnwöchigen Einführungsphase an der DO School hat Shrikrishna Hegde Ullane in einem Wettbewerb für die beste Präsentation einer Geschäftsidee (einem sogenannten Pitch) den ersten Preis in der Kategorie „Bestes soziales Unternehmen“ gewonnen. Das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro wurde von H & M Deutschland gestiftet.

Die globale Bildungsplattform DO School unterstützt Menschen aus über 70 Ländern dabei, innovative Antworten auf Zukunftsfragen zu finden und diese unternehmerisch umzusetzen. In ihren Programmen vermittelt sie wichtige methodische Grundlagen und vernetzt darüber hinaus Studenten, junge Sozialunternehmer, Unternehmen und Organisationen. Die DO School ist Preisträger des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. „Ohne die Unterstützung der DO School wäre es für mich deutlich schwieriger geworden, mit ConnectFarmer.com solch einen Erfolg zu haben“, sagt Shrikrishna Hegde Ullane.

Bei der Gründung der Plattform musste Shrikrishna Hegde Ullane noch weitere Herausforderungen überwinden: Am Anfang stand die schwierige Aufgabe, die eigenen Familienmitglieder von der Entscheidung zu überzeugen, ein soziales Unternehmen zu gründen. Dann folgten das Examen, das Managen der Finanzen und der Aufbau eines Teams aus Gleichgesinnten. „Einfach alles war eine Herausforderung für einen Jungen aus einem abgelegenen Dorf. Ich hatte einen Traum – mehr nicht.“

Trotz der Herausforderungen stieß die Plattform nach Ullanes Worten von Anfang an auf eine sehr gute Resonanz. Daher sehen auch die Zukunftspläne für ConnectFarmer.com optimistisch aus: „Wir möchten die Leistungen der Plattform auf weitere Teile des Landes ausweiten und zusätzlich eine nationale Bauern-Kooperative etablieren“, sagt Ullane.

Persönlich hat Shrikrishna Hegde Ullane ebenfalls einen großen Wunsch für die Zukunft: „Ich würde gern meinen Master in Agrarwirtschaft oder in Ländlicher Entwicklung machen – am liebsten in Deutschland. Wenn ich finanzielle Unterstützung durch ein Stipendium bekommen würde, wäre das eine große Hilfe für mich. So könnte ich mich weiterbilden und die Bauerngemeinschaft in meinem Land noch besser unterstützen.“

Autorin: Verena Striebinger

THE GLOBAL GOALS – powered by Alumni

Shrikrishna Hegde Ullane ist ein gutes Beispiel dafür, dass Deutschland-Alumni aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer Netzwerke bei der Erreichung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung eine wichtige Rolle spielen können. ConnectFarmer.com leistet einen Beitrag zu Tiel 1 „Keine Armut“, Ziel 2 „Kein Hunger“ sowie Ziel 8 „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ und Ziel 10 „Weniger Ungleichheiten“.

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Mai 2017

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