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Fairtrade-Standards: Audits sorgen für faire Bedingungen

Es gibt Fairtrade-Produkte in 125 Ländern, der Markt wächst. Doch wie können Verbraucher sicher sein, dass auch wirklich fair produziert, verarbeitet und geliefert wird? Wir haben dazu den Fairtrade-Auditor Philipp Seitz von FLO-Cert interviewt.

Fairtrade wächst, und das nicht nur in Deutschland. Verbraucher auf der ganzen Welt kauften 2012 für 5,5 Milliarden Euro Fairtrade-zertifizierte Produkte ein – ein Wachstum von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein in Deutschland stiegen die Umsätze um 23 Prozent. Die Produzenten befinden sich ausschließlich in Asien, Lateinamerika und Afrika.

Damit bei den Produzenten und Händlern alles korrekt läuft, kontrolliert die Zertifizierungsgesellschaft FLO-CERT vor Ort, ob die sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards erfüllt werden. Dabei sind alle wichtigen Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Fairtrade-Standard gültig. Wir haben Philipp Seitz, Auditor bei FLO-CERT, zu dem Thema befragt.

„Neben Umweltkriterien werden auch soziale und ökonomische Kriterien befolgt“

Wie stellen wir uns Ihre Arbeit in der Praxis vor? Wie läuft so eine Auditierung vor Ort ab?

Philipp Seitz: Die Arbeit eines Fairtrade-Auditors besteht darin, Produzenten – meist Bauern – auf Einhaltung der Fairtrade-Standards zu kontrollieren. Fast alle Produkte, weit über 50, sind landwirtschaftlichen Ursprungs. Die Produzentengruppen sind unterschiedlich groß, können aus vielen Zehntausend Bauern zusammengesetzt sein. So dauern Audits manchmal einige Wochen, insbesondere dann, wenn das Audit von nur einem Auditor durchgeführt wird. Zwischen dem Eröffnungstreffen und dem Abschlusstreffen, bei dem die Ergebnisse vorgestellt werden, befragt man die Bauern in Gruppen und auch einzeln auf ihrer Farm.

Bei Fairtrade-Audits bedient man sich verschiedener Audittechniken: Gruppeninterviews, Einzelinterviews, Managementinterviews, Feldbeobachtung und Dokumentcheck, die es ermöglichen, die unterschiedlichen Informationen gegeneinander abzugleichen. So zeichnet sich am Ende ein klares Bild ab und unlautere Informationen werden erkannt. Zudem müssen alle relevanten Dokumente geprüft werden, anhand derer man nachverfolgen kann, ob Standards eingehalten wurden. Das ist beispielsweise die Rückverfolgbarkeit der Produkte oder die Einhaltung der Prämienverwendung.

Welches sind die wichtigsten Aspekte, die der Fairtrade-Standard einhalten sollte?

Philipp Seitz: Da es sich um einen Sozialstandard handelt, werden neben Umweltkriterien auch soziale und ökonomische Kriterien befolgt. Hierzu zählen unter anderem die Einhaltung eines Mindestpreises und auch die Zahlung einer Prämie – das ist ein Aufpreis auf den Fairtrade-Minimumpreis zur gemeinschaftlichen Verwendung der Produzentengruppen. Zu den Standards gehören auch eine Reihe von ILO-Konventionen, die die Arbeitsbedingungen – inklusive Kinderarbeit – regulieren. Dazu kontrollieren wir außerdem die Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen in den Produktionsstätten. Bei den Umweltkriterien achten wir unter anderem darauf, welche Betriebsmittel zum Einsatz kommen und auch auf den persönliche Schutz der Arbeiter, die die Mittel ausbringen.

Wie leicht (oder schwierig) ist es für Unternehmen, eine Zertifizierung zu bekommen?

Philipp Seitz: Wie bereits erwähnt handelt es sich bei Fairtrade mehrheitlich um organisierte Bauerngruppen, beispielsweise Kooperativen. Bei einigen wenigen Produkten, die Kleinbauern nicht in ausreichender Menge und Qualität produzieren, werden auch Plantagen zertifiziert; hier sind die Plantagenarbeiter die Zielgruppe von Fairtrade. Typisch für Sozialstandards ist, dass die nachhaltige Entwicklung der zu zertifizierenden Zielgruppe berücksichtigt wird. Das bedeutet: Die Anforderungen nehmen mit den Jahren und Erfahrungen der Gruppen zu. Die Einstiegsanforderungen können von den Gruppen daher meistens erfüllt werden. Das zyklische Anwachsen der Anforderungen erlaubt es den Gruppen parallel dazu, mitzuwachsen.

Video „Fair Trade Benefits“: Was Fairtrade Bauern und ihren Gemeinschaften bringt (englisch)

Werden die Audits eigentlich angekündigt?

Philipp Seitz: Audits von Fairtrade-Gruppen werden in der Regel einmal im Jahr durchgeführt und angekündigt. Unangekündigte Audits, sogenannte „mock-audits“, werden nur dann durchgeführt, wenn es berechtigten Grund gibt, dass die Einhaltung der wichtigsten Kriterien – sie heißen „major criteria“ – gefährdet ist.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem ein Audit über viele Jahre gut gelaufen ist?

Philipp Seitz: Beispielsweise gibt es viele Kaffee-Kooperativen im östlichen Afrika, die trotz ihrer Größe (Tausende und manchmal Zehntausende von Bauern) seit Jahren oder sogar Jahrzehnten immer erfolgreich kontrolliert werden. Das gilt genauso für die Kaffee-Kooperativen in Lateinamerika, deren Zahl die afrikanischen weit übersteigt.

Und was passiert, wenn die Fairtrade-Standards nicht eingehalten wurden?

Philipp Seitz: Werden die Hauptkriterien – etwa die richtige Verwendung der Prämie, keine Kinderarbeit, keine verbotenen Pestizide – missachtet, kommt es erst zu einer Suspendierung, die so lange aufrechterhalten bleibt, bis Korrektur-Maßnahmen greifen. Geschieht das nicht, wird der Gruppe das Zertifikat entzogen.

Hintergrundwissen: Fairtrade-Standards

TransFair, 1992 gegründet, ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel, durch fairen Handel die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern. Dabei handelt TransFair selbst nicht mit Waren. Aber es vergibt das Fairtrade-Siegel für Waren, die bestimmten Standards des fairen Handels entsprechen. Es gibt entsprechende Initiativen in 20 Ländern, die sich  zur Fairtrade Labelling Organisation (FLO) zusammengeschlossen haben.

FLO-CERT ist das unabhängige Zertifizierungsunternehmen von Fairtrade International. Es zertifiziert seit 1997 Produzenten, Händler und Hersteller in rund 115 Ländern nach den Fairtrade-Standards. Das Unternehmen beschäftigt über 100 Inspektorinnen und Inspektoren.

Philipp Seitz ist einer von ihnen. Außerdem berät er Bauerngruppen in Sachen Nachhaltigkeitsstandards, im Aufbau von Kontrollsystemen zur Einhaltung der Standards sowie bei der Konzeption technischer Dienstleistungsstrukturen („extension services“), die die Anforderungen des Klimawandels berücksichtigen. Er hat in Bonn und Mexiko Agrarwissenschaften studiert und viele Jahre in Lateinamerika (unter anderem in der Dominikanischen Republik) im Export von Bio- und Fairtrade-Bananen gearbeitet.

Audits mit dem Ziel der Zertifizierung sind ein langer Weg. Hier müssen neben der Unternehmensleitung auch die Arbeiterinnen und Arbeiter erreicht werden. Wie stellen Sie sicher, dass die Maßnahmen diese erreichen?

Philipp Seitz: Bei den wenigen Produkten, wo Plantagen erlaubt und somit keine Kleinbauern vorhanden sind, müssen die Arbeiter erreicht werden. Da sich Fairtrade aber mit wenigen Ausnahmen an organisierte Kleinbauern richtet, die einer Kooperative oder sonst einer legalen Struktur angehören, sind Arbeiter nur in Ausnahmefällen involviert, beispielsweise in Verarbeitungsanlagen. Hier besuchen wir die Anlagen und interviewen die Arbeiter gezielt, egal ob es sich um eine Plantage oder Kooperative handelt. Ob und inwieweit die Bauern erreicht werden, wird durch Gruppen- und Einzelinterviews festgestellt. Dazu machen wir Dokumentenchecks und physische Kontrollen, etwa bei Projekten, die durch die Prämie finanziert werden.

Nehmen wir mal das konkrete Beispiel Kakaoproduktion: Hier sind neben den Bauern auch weitere Unternehmen wie etwa Lieferanten beteiligt. Werden diese auch auditiert?

Philipp Seitz: Die Kakao-Wertschöpfungskette wird genauso gehandhabt wie die anderer Produkte. Neben den Bauern unterliegen alle Akteure in der Kette, die in den Besitz des Produktes gelangen („ownership“), der Verifizierung.

Und aus Verbrauchersicht: Ist die Fairtrade-Banane, die ich im Handel kaufe, garantiert fair gehandelt? Wie kann das sichergestellt werden?

Philipp Seitz: Das wird sichergestellt durch regelmäßige Kontrollen, die sowohl die Umsetzung der Fairtrade-Standards als auch die Rückverfolgbarkeit über die gesamte Wertschöpfungskette garantieren.

Was haben die Unternehmen, die ihre Produkte in zertifizierten Fabriken herstellen lassen, von solch einem Standard?

Philipp Seitz: Für sie ergeben sich bessere Perspektiven bei der Vermarktung aufgrund des zertifizierten Qualitätsnachweises – und damit auch höhere Preise.

März 2015

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Kommentare

Inge Morgenthal
10. Oktober 2017

Vor einigen Tagen habe ich einen Bericht über Teeplantagen in Indien gesehen, versehen u.a.
mit dem Label von Fair Trade. Die Zustände dort sind mehr als katastropal und nicht nur bei einer
einzelnen Plantage: die Wohnverhältnisse waren unglaublich, als Prämie bekamen elf
Arbeiter ein Fahrrad, bei mehr als 1000 Arbeitern!! Junge Männer haben Gift verspritzt ohne
Schutzkleidung. Entsprechend waren die Blätter des Tees auch bei der Verarbeitung
noch belastet!! Für mich steht fest: ich kaufe kein Produkt mehr mit Fair Trade Siegel und ich
habe die Sachen seit Jahren gekauft!

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