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Die Fußball-Weltmeisterschaft – eine kritische Betrachtung

Immer öfter sorgen Megaevents wie die Olympischen Spiele oder die Fußball-Weltmeisterschaft für Aufruhr. Doping-Skandale, Korruptionsvorwürfe, Umweltprobleme und Menschenrechtsverletzungen – die Ereignisse überschlagen sich. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland vom 14. Juni bis zum 15. Juli 2018  ist nicht die erste, die damit in die Kritik gerät.

Megaevents werden immer monströser – die Zuschauerzahlen in den Stadien und vor dem Fernseher nehmen immer weiter zu. Allein zur Fußball-WM 2006 in Deutschland zog es mehr als drei Millionen Besucher in die Stadien. Zum Vergleich: Bei der WM 1982 in Spanien waren es noch unter zwei Millionen. Mit den wachsenden Zuschauerzahlen steigen natürlich auch die Kosten. Die WM in Russland ist mit rund zehn Milliarden Euro das teuerste Turnier der WM-Geschichte.

Grüne Ziele

Mit der zunehmenden Größe der Events wachsen auch die Umweltprobleme: Es entstehen riesige Mengen an Müll, die Luftverschmutzung nimmt zu, der Energie- und Wasserverbrauch steigt und sogar Naturschutzgebiete werden bebaut.

Bei der Fußball-WM in Deutschland wurden die ökologischen Folgen von Megaevents erstmals berücksichtigt. Um das Abfallaufkommen in den Stadien zu verringern, wurde ein Mehrwegsystem für Becher und Getränkeflaschen eingeführt und Wegwerfteller und -besteck wurden größtenteils durch Porzellanteller und Metallbesteck ersetzt. Um zusätzliche Luftverschmutzung durch die Anreise mit dem Auto zu vermeiden, konnten die Eintrittskarten zu den WM-Spielen auch als Fahrkarte für öffentliche Verkehrsmittel genutzt werden. Des Weiteren wurden in den WM-Stadien wasser- und energiesparende Baumaßnahmen vorgenommen. Dazu gehörte zum Beispiel der Bau von Regenwasserzisternen. Das aufgefangene Wasser wurde zur Rasenbewässerung oder für Sanitäranlagen verwendet. Auf manchen Stadiondächern wurden Solarzellen installiert und die bisherige Beleuchtung wurde durch Energiesparlampen ersetzt. Dahinter steckte die Idee, die Umweltbelastung langfristig zu verringern und die Betriebskosten der Stadien zu reduzieren.

Die Umweltschutzziele wurden im Green-Goal-Bericht des deutschen Organisationskomitees festgehalten. Kurz vor der Fußball-WM in Brasilien zog die FIFA 2013 mit dem Umweltschutzprogramm „Football for the Planet“  nach.

WM-Stadien: Eine Herde „weißer Elefanten“?

Wie zuvor schon Brasilien und Deutschland setzte auch Russland auf eine nachhaltige und umweltfreundliche Bauweise der Stadien, um die Energie- und Wasserkosten der Arenen so gering wie möglich zu halten. Ob sich dies rentieren wird, bleibt abzuwarten. Das lokale Organisationskomitee rechnet jedoch damit, dass die 5,26 Milliarden Euro teuren Stadien zunächst weiterhin durch staatliche Gelder finanziert werden müssen. Denn bei zwei der zwölf Stadien ist überhaupt keine langfristige Nutzung geplant und nur in sechs von ihnen werden künftig Fußballvereine aus der ersten Liga spielen. So werden sich vermutlich auch die russischen Stadien bald in die Herde der „weißen Elefanten“ einordnen.

„Weiße Elefanten“ sind Stadien, die aufgrund der überdimensionierten Sitzplatzvorgaben und zum Teil infrastrukturell unvorteilhaften Standortvorgaben der FIFA nach der WM durch lokale Vereine oder Events nicht mehr ausreichend ausgelastet sind, um ihre Betriebskosten zu decken. Deshalb stehen sie meistens leer.

Bestes Beispiel sind die Arenen in Brasilien: In den Städten der „weißen Elefanten“ Brasília, Cuiabá, Natal und Manaus spielt kein Fußballverein in der Profilliga. Mit der Verlegung von Erstligaspielen sowie gelegentlichen Konzerten, Treppenrennen und Flohmärkten wurde dort versucht, die Betriebskosten der Stadien zu decken. Doch bereits kurz nach der WM 2014 schrieben acht der 12 Stadien rote Zahlen. Allein im Jahr 2014 lag der Verlust der brasilianischen Stadien bei 42 Millionen Euro.

Keine WM ohne WM-Gesetze

Von Gesetzesänderungen, -verstößen und Ausnahmereglungen anlässlich von Fußball-Weltmeisterschaften profitieren häufig Einzelne, anstatt dass sie zu einer besseren Lebensqualität der breiten Bevölkerung beitragen. Negative Begleiterscheinungen sind schlechte Arbeitsbedingungen, Zwangsumsiedlungen und entgangene Steuereinnahmen.

So wurde Brasilien vor der WM verpflichtet, die FIFA von der Import-, Einkommens- und Umsatzsteuer zu befreien. Dadurch konnte die FIFA ihren Gewinn von 3,3 Milliarden Euro steuerfrei mit in die Schweiz nehmen. Brasilien ist damit nicht allein, auch in Deutschland erhielt die FIFA mehrere gesetzlich festgelegte Privilegien in Form von Steuerbefreiungen.

Ein weiteres WM-Gesetz sind die sogenannten Bannkreise um die Stadien herum. Einzelhändler dürfen nur mit einer Lizenz in dieser Sperrzone Waren anbieten. Damit nahm die FIFA in Brasilien den Einzelhändlern, die keine Lizenz erwarben, für vier Wochen ihre Existenzgrundlage. In Südafrika standen mehr als 500 Unternehmen vor Gericht, weil sie gegen das Lizenzrecht der FIFA verstoßen haben sollen.

Megaevents und Menschenrechte

In Brasilien kamen die illegalen Zwangsräumungen, Vertreibungen und polizeilichen Gewaltübergriffe in den Armenvierteln der WM-Austragungsstädte hinzu. So waren Schätzungen des WM-Basiskomitees zufolge knapp 250.000 Menschen aufgrund der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 von Zwangsumsiedlungen betroffen. Es ist also nicht verwunderlich, dass vor der WM allein in Rio de Janeiro etwa 300.000 Menschen gegen die FIFA protestierten und anstelle der neuen Stadien den Bau von Schulen, Krankenhäusern und U-Bahnlinien forderten.

Aber die WM in Brasilien ist nicht die einzige, die negative Schlagzeilen machte. Die Arbeiter auf den russischen WM-Baustellen sollen laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch unter sklavenähnlichen Bedingungen gearbeitet haben. Sie schufteten bei minus 25 Grad Celsius in großer Höhe ohne Sicherheitsvorkehrungen oder Kälteschutz. Den teilweise aus Nordkorea stammenden Arbeitern wurden die Pässe entzogen und die Löhne in vielen Fällen nur zur Hälfte oder gar nicht bezahlt. 21 Menschen verloren dabei ihr Leben. In Katar, WM-Austragungsland 2022, sollen die Arbeitsbedingungen so schlecht  sein, dass seit 2010 auf den WM-Baustellen bereits mehrere hundert Menschen starben.

Besonders BRICS-Staaten wie Südafrika und Brasilien haben bis heute mit den Kosten der Fußball-Weltmeisterschaft zu kämpfen und bleiben auf den Schulden sitzen. Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung nach der WM lässt auf sich warten. Der Ausbau der Infrastruktur erfolgt meist auf Kosten der Umwelt und orientiert sich an den Anforderungen des Megaevents. Die geschaffenen Verbindungen von Flughäfen und Stadtzentren mit den Sportstätten kommen der Bevölkerung nur im Einzelfall zugute. Von der WM profitieren neben der FIFA somit vor allem die Baufirmen, aber auch Sponsoren und Fernsehsender.

Die Fußball-WM im Zeichen der Völkerverständigung

Doch trotz aller Skandale und Vorwürfe dürfen ein paar wichtige Faktoren nicht vergessen werden: Die Fußball-WM trägt durch ihren internationalen Charakter zur Völkerverständigung bei, Vorurteile können abgebaut werden und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Bevölkerung nimmt zu. So gelang es Südafrika als Gastgeber laut der Tourismusagentur „South Africa Tourism“, sein weltweites Image als Urlaubsziel um neun Prozent zu steigern. Und auch die Marke Deutschland verbesserte sich laut dem Anholt-Nation-Brands-Index (NBI) weltweit, nachdem es Austragungsplatz der WM  war.

Das Image Brasiliens ist zweigeteilt: Einerseits sind die Stereotype Samba und Karneval weiterhin positiv besetzt, andererseits wurde es durch die Regierungskrise und die hohen Ausgaben von Steuergeldern für die WM-Stadien negativ beeinflusst. Ob Russland es trotz der vorherigen Boykottaufrufe der WM schafft, als Gastgeber einen Imagegewinn zu erzielen, werden wir noch sehen. 

Was bedeutet die WM für Sie? Wer sind aus Ihrer Sicht die Gewinner und Verlierer einer Fußball-Weltmeisterschaft? Würden Sie sich wünschen, die WM im eigenen Land zu haben? Diskutieren Sie mit uns und anderen Deutschland-Alumni in der Community-Gruppe „Nachhaltigkeit / Sustainability“!

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Autorin: Stefanie Staab

Juli 2018

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Kommentare

Friedrich Tilmann KROPP
6. Juli 2018

Seit vielen Jahren ist der Sport ( gleich welcher Art ) nur noch eine Angelegenheit von viel Geld.
Möchte nicht sagen was ich davon denke und halte.
Diese Art von Aktivitäten interessiert mich nicht mehr.
Bleibe lieber im Dorf und schaue mir die Sportbegeisterung der Jugendlichen an.

Valentin Rider
4. Juli 2018

Die Referenzenliste zu diesen Artikel beinhaltet leider nichts über aktuellen Stand der WM in Russland! Sehr veraltete Prognose von DW, die auf gar kein Fall am 04-07-2018 wiederholt sein darf: "Deutschland könnte der erste erfolgreiche Titelverteidiger seit Brasilien 1962 werden. Sollte Deutschland das Turnier gewinnen, erhält jeder Spieler vom Verband rund 350.000 Euro". Einfach löschen muss man solche Prognosen. Und ganz zu schweigen über die Aussage, dass die russische Mannschaft zu schwach sei...

Und diese komische weitere Aussage von DW, die überhaupt nichts mit Fussball zu tun hat, sollte man auch heute nicht weitergeben: "Selten stand eine WM, politisch betrachtet, so sehr auf dem Prüfstand: Das aufgedeckte Staatsdoping, bei dem es auch um den Fußball ging, Einflussnahme auf Wahlen in anderen Ländern, Menschenrechtsverletzungen, der Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit sowie die atomare Aufrüstung brachten Gastgeber Russland in die Schlagzeilen". Wo ist eigentlich Fussball und wo sind diese blöde politische Witze, die kein Fussballfan braucht?
Meiner Meinung nach, die ganze Welt sieht jetzt (klar, wer sehen will!), wie gastfreundlich und erfolgreich leistet die Russland diese wirklich teuere WM. Das Schreiben von Fr. Staab fasst einige Ereignisse von früheren WM´s zusammen, aber kein Wort über positiven Verlauf der WM in Russland. Z.B., über mehr als 2 Millionen Fussbalfans aus vielen Ländern der Welt, die mit eigenen Augen in mehr als 10 Grossen russischen Städten sehen, dass Russland kein böses oder dreckiges Land ist. Keine Hooligans draussen, keine rasistische Überfälle, keine Massenschlachten von Fussballfans. Die deutschen Medien sollten doch einmal den Deutschen die Wahrheit sagen: es gibt ja eine gute Russland, obwohl da - wie eigentlich überall, auch in Deutschland - ein paar Problemchen gibt. Aber keine, die gegen den deutschen Volk oder den deutschen Staat gerichtet sind. Man muss doch freundlich, nicht feindlich agieren! Man muss mit der feindlicher Medienpolitik "Zero gute News aus Russland" Schlüss machen!

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