0 Finde ich gut

3. Preis Praxisprojekt Nachhaltigkeit: Nachhaltiger Tourismus in Argentinien

Lesen Sie nachfolgend die Zukunftsszenarien der Gruppe „e-merging ideas“ zum Thema Nachhaltiger Tourismus in Argentinien.

von Regina Ruete (Argentinien), Pradeep Singh (Indien), Federico Biesing (Argentinien)

Trendszenario für Argentinien 2033: Szenario ohne Austausch

Das geschützte Gebiet von Teyú Cuaré wird von dem privaten Naturreservat Osununu umgeben, das von einer nationalen Umweltschutz-NRO verwaltet wird. Zusammen bilden sie eine 250 Hektar große „Umweltschutzeinheit“. Beide Institutionen haben 2012 eine Kooperationsvereinbarung zum Schutz des Gebiets unterschrieben.

Die Umweltschutzeinheit bewahrt in etwa die gleiche Biodiversität wie vor 20 Jahren. Allerdings mussten das Ministerium für natürliche Ressourcen und die nationale NRO bedeutende Mittel investieren, um das heutige Niveau an Biodiversität zu halten.

Das Tourismus-Förderprogramm des Ministeriums erbrachte einen Anstieg im Reiseverkehr nach Teyú Cuaré, das nur 11km weit von den jesuitischen Ruinen im Stadtzentrum liegt. Heute fahren fast 75 Prozent der jährlich 300.000 Touristen nach Teyú Cuaré, gegenüber nur 5 Prozent früher. Kleine Touristengeschäfte und Betreiber der jesuitischen Ruine, Teil des UNESCO Weltkulturerbes, haben in der Nähe von Teyú Cuaré neue Läden eröffnet. Der Tourismus boomt.

Die Reiseunternehmer sahen im Tourismusboom eine Geschäftsmöglichkeit und bauten Anlagen fürAbenteuersport, die neben dem Besuch in Teyú Cuaré zur Hauptattraktion für Touristen wurde.

Die nicht asphaltierte Straße wurde zweispurig ausgebaut. Es fahren nun täglich viele Autos und LKW, mit Auswirkungen auf die Pflanzen an den Straßenrändern (durch die CO2-Emissionen), auf die Tierwelt (durch Autounfälle und überfahrene Tiere) und für die Gemeinschaften, die in der Nähe leben, vor allem durch den Lärm.

Das Ministerium für Rohstoffquellen konnte die Pufferzone erfolgreich in ein mehrfachgenutztes Reservat umwandeln, musste dabei aber zahlreiche Kompromisse eingehen. Den Landbesitzern wurde erlaubt, alles so weiter zu machen, wie vor 20 Jahren. Andere Anwohner waren darüber erbost und bauten illegal neue Sägemühlen und Möbelfabriken. Es fiel dem Ministerium schwer, die Kontrolle zu behalten, weil es nur eine vage Unterscheidung zwischen alten und neuen Fabriken gab.

Die legitimen Rechte der Mbya-Guarani wurden nie anerkannt. Ihre Anzahl sank von 300 Einwohnern auf nur ein paar Haushalte, die in Osununu und Teyú Cuaré arbeiten. Das Tourismusgeschäft lockte reiche Leute aus den Städten an, die in Immobilien investierten. Es entstanden neue Siedlungen, die Infrastruktur konnte jedoch nicht Schritt halten, daher gehören dort Zusammenbrüche der Wasser- und Abwassersysteme zum Alltag. Die weiblichen Mbya-Guarani arbeiteten schwarz in reichen Haushalten, während die Männer Hilfsarbeiten in Hotels und bei Reiseveranstaltern übernahmen. Manche Reiseveranstalter bildeten Mbya-Guarani zu Führern aus, andere führen einfach Touristen durch die kleinen noch verbliebenen Mbya-Gemeinschaften und zeigen ihnen, was von der Guarani-Kultur und den Guarani übrig ist, so als wären sie Teil eines Freilichtmuseums. Die originalen und manchmal modifizierten Guarani-Tänze werden regelmäßig vor Touristen als besondere Attraktion aufgeführt. Heute werden sie allerdings hauptsächlich von nicht-einheimischen Menschen aufgeführt. Die Schule und das Krankenhaus wurden für die neuen Siedlungen und Geschäfte gebaut.

Die Verwaltungen des Teyú Cuaré-Parks und von Osununu haben Schwierigkeiten, Forstarbeiten und Arbeiten zur Wahrung der Artenvielfalt durchzuführen, da weder die Mbya-Guarani noch sonst jemand Interesse an der harten Forstarbeit hatte.

Es gibt zahlreiche Konflikte wegen illegaler Holzgewinnung zwischen den einheimischen Gemeinschaften, den privaten Landbesitzern und den Provinzverwaltungen.

An der Südseite des Parks gab es außerdem Probleme mit Obstanbauern, da sie auf Land zugreifen, das zum Park gehört; dies wird nun vor Gericht verhandelt. Konflikte bezüglich der wild lebenden Tiere hielten die Parkaufsicht in Bewegung, da es aus den neuen Siedlungen regelmäßig Beschwerden wegen frei laufender Tiere gab. Die neuen Anwohner waren sehr intolerant und töteten alle Tiere, die sich auf ihr Land verirrten, aus Angst vor Schäden an ihren Feldern. Die Parkverwaltung konnte ihnen die Schäden nur schwer ersetzen, da sie außer den Eintrittsgeldern für den Teyú Cuaré-Park keinerlei Einkünfte hatten.

Zielszenario für Argentinien 2033: Der Austausch von vernünftigen Ideen hat Erfolg

Die Manager des Provinzparks Teyú Cuaré und die NRO, der Osununu gehört, arbeiten eng zusammen. Verschiedene Studien sowie eine Beobachtung der Artenvielfalt werden in der Umweltschutzeinheit durchgeführt, die durch den Zusammenschluss der beiden geschützten Gebiete entstanden ist. Die Resultate sind positiv. Gemeinsam wurden tragfähige Bildungs-, Umweltschutz- und Forschungsstrategien entwickelt, die nun umgesetzt werden.

Die kleine Gruppe der Mbya-Guarani existiert weiter und hat nun genug Land, um ihre kulturellen Aktivitäten zu entwickeln und sich daran zu erfreuen. Das Recht der Mbya- Guarani auf ihr Land wurde endlich von der Regierung anerkannt und ihre Grundstücke wurden reguliert. Das Ministerium für natürliche Ressourcen hat ihnen das Recht auf Selbstversorgung gewährt, allerdings nur mit der Erlaubnis, auf einer Fläche von maximal einem Hektar pro Familie ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Die Mbya-Guarani dürfen ihr Land nicht verkaufen, sondern nur vererben.

Das Ministerium für natürliche Ressourcen und die nationale NRO haben die umfangreiche Aufgabe übernommen, die privaten Landbesitzer in der Pufferzone und die Reiseveranstalter zu informieren und weiterzubilden. Besuche in nachhaltig bewirtschafteten Gebieten in den Nachbarländern und Filmdebatten wurden organisiert um eine Diskussion zwischen den örtlichen Landbesitzern und den einheimischen Gemeinschaften in Gang zu bringen und eine gemeinsame Vision zu entwickeln.

Motivierte Landbesitzer schufen ein Internetportal, mit Unterstützung des Ministeriums für natürliche Ressourcen und der nationalen NRO. Dieses Portal fungiert als soziales Netzwerk, wo Ideen und die alltäglichen Erfahrungen mit der Bewirtschaftung geschützter Gebiete ausgetauscht und diskutiert werden. Das moderne Portal wurde sofort zum Hit unter den jungen Landbesitzern.

Bei den einheimischen Gemeinschaften lag die Sache anders. Das Ministerium für natürliche Ressourcen und die nationale NRO ermöglichten den Gemeinschaften den Zugang zum Internet und zeigten ihnen die Bedienung. Damit sollte der Zugang zu Information im Teyú Cuaré-Gebiet demokratisiert werden. Auf dem Portal gab es regelmäßig Beispiele von erfolgreichen Beispielen für die Bewirtschaftung von geschützten Gebieten weltweit, sowie für nachhaltigen und gemeinschaftsfreundlichen Tourismus. Dies überzeugte die Landbesitzer mehr und mehr von der Notwendigkeit eines regulierten Tourismus. Im Zusammenhang mit dem Portal gab es eine akademische Überprüfung durch Forscher des Ministeriums für natürliche Ressourcen und der nationalen NRO. Ein partizipatorisches Interpretationszentrum wurde für das geschützte Gebiet entwickelt sowie ein pflichtmäßiges Orientierungsprogramm für alle Touristen, die den Park besuchen. In diesem Zentrum wurden den Touristen der Wert von Flora und Fauna und die Bedeutung der lokalen Kultur nahegebracht. Die Empfindsamkeiten und Traditionen der Mbya-Guarani wurden diskutiert und die Verhaltensregeln wurden deutlich erklärt.

Die Anzahl der Touristen wurde und wird weiterhin durch das Ministerium für natürliche Ressourcen begrenzt. Eine Einschätzungsstudie zu Umweltauswirkungen definierte vor einigen Jahren die Kapazität des Provinzparks und seiner Pufferzone für Touristen. Diese Quote wurde in jedem Jahr versteigert und Reiseanbieter durften nur für eine bestimmte Anzahl bieten. Da das Ministerium konstant bei seiner genehmigten Anzahl blieb, schufen die Reiseveranstalter auch nur begrenzte touristische Einrichtungen. Durch den harten Wettbewerb lagen die Preise sehr hoch. Dadurch konnten nur wohlhabende Einzelreisende und Gruppen dorthin reisen. Das Ministerium wurde hierfür scharf kritisiert, blieb aber konsequent bei seiner Vorgehensweise.

Mit dem Geld aus den Auktionen wurden hauptsächlich Gesundheits- und Bildungsprogramme für Mbya-Guarani unterstützt. Teilweise wurde es auch von der nationalen NRO und den Ministerium dazu genutzt, Forschungs- und Verbesserungsprogramme zur Artenvielfalt in dem Gebiet durchzuführen. Das Ministerium entwickelte zwei Programme. Eines davon bestand in der Dokumentation des traditionellen Wissens der Mbya-Guarani. Das andere sollte das Selbstwertgefühl der Mbya-Guarani steigern, indem es sich auf die Anerkennung der reichen Kenntnisse und Kultur der Mbya-Guarani konzentrierte. Dies unterstützte die Gemeinschaft dabei, ihre Kultur und Bräuche zu wahren und sich nicht zu rasch in die Mainstream-Kultur einzugliedern. Viele Touristen erlernten von den Mbya-Guarani nachhaltige Techniken, die sie auch zu Hause anwenden konnten. Auch wenn einige Mbya-Guarani mittlerweile ihre traditionelle Lebensweise aufgegeben und sich in Städten angesiedelt haben, so war dies doch ihre eigene Entscheidung. Die ausgesprochen naturnahe Lebensweise wurde in einem Dokumentarfilm porträtiert und über das oben genannte Portal verbreitet. Gemeinschaften in Brasilien und Paraguay fühlten sich dadurch gestärkt und wurden ermutigt, auch in ihren Gebieten solche Arrangements zu fordern.

Auch in der Pufferzone stieg der Tourismus begrenzt an. Private Landbesitzer gestalteten auf eigene Initiative eine gastronomische Route und nutzten dabei die lokalen Erzeugnisse. Sowohl das Bildungsprogramm des Ministeriums als auch ihre Unnachgiebigkeit beim Verbot von Landnutzungsänderungen in der Pufferzone machten es den Landbesitzern unmöglich, nicht mit dem Ministerium zusammenzuarbeiten, da sie außer dem Tourismus keine anderen Möglichkeiten mehr hatten. Das Ministerium teilte zunächst jedem Landbesitzer Minimalquoten an Touristen zu. Währen der Tourismussaison waren die Landbesitzer somit mit der Logistik und den Aktivitäten des Tourismus beschäftigt. In der ruhigen Zeit zogen sie sich in die Städte zurück. Der Tourismus war für sie nur ein Saisongeschäft.

Die Reisebüros boten für die Quoten, die nach der Zuteilung an die Landbesitzer übrig waren. Die Preise waren sehr hoch. Langsam wurde es zum Statussymbol, in Teyú Cuaré gewesen zu sein. Daher konnten nur große Touristikunternehmen jedes Jahr mitbieten. Die kleinen Anbieter hatten Schwierigkeiten, für so wenige Plätze und eine so kurze Saison zu bieten.

Die Anbauer von Zitrusfrüchten und anderem Obst an den südlichen Grenzen des Parks hatten immer noch unter den eindringenden Tieren zu leiden, vor allem unter den großen Pflanzenfressern. Der eingeschränkte Tourismus und die Umweltschutzstrategie haben die Anzahl der wild lebenden Tiere ansteigen lassen. Daher diskutiert das Ministerium derzeit die Einführung eines Kompensationsprogramms für die Anwohner oder einer begrenzten und saisonalen Jagd.

Video zu Nachhaltigem Tourismus in Schutzgebieten - Argentinien 2033

November 2013

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Möglicherweise unterliegen zusätzliche Inhalte wie Bilder und Videos jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie einverstanden. Zudem gilt folgende Regelung für die korrekte Benennung der Urheber und Quelle sowie Übersetzungen.

Jetzt kommentieren