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Nachhaltiger Tourismus als Wachstumsmotor

Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – nicht nur für die Hochburgen des Massentourismus. Die sanfte Variante, oft als „Ökotourismus“ oder „nachhaltiger Tourismus“ bezeichnet, kann auch an entlegenen Destinationen Wirtschaftswachstum auslösen, ohne Natur und Umwelt zu sehr zu beeinträchtigen.

Das Jahr 2012 wird für den weltweiten Tourismus wohl zu einem Meilenstein werden. Erstmals, so erwartet es die UNWTO, die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen, werden in diesem Jahr mehr als eine Milliarde Menschen in ein anderes Land reisen. Dabei werden sie annähernd eine Billion (= 1.000 Milliarden) US-Dollar ausgeben. In den Industrie- und Schwellenländern arbeitet bereits jeder zwölfte Beschäftigte direkt oder indirekt im Touristiksektor. Der Tourismus zählt damit weltweit zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen überhaupt.

Urlaub in Albanien – ein Geheimtipp

Auch nach Theth kommen Touristen. Es sind nur ein paar Tausend – nichts im Vergleich zu den großen Zentren des internationalen Tourismus. Doch für das kleine Dorf in den fernen Bergen Nordalbaniens bedeuten sie sehr viel – und jedes Jahr kommen mehr, vor allem Bergwanderer und Naturliebhaber. In Theth haben die Touristen schon ein kleines Wirtschaftswunder ausgelöst.

Auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus hat vor kurzem auch die Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD hingewiesen: „Es ist ermutigend zu sehen, dass der Beitrag des Tourismus zu Entwicklung, Armutsreduzierung und Wirtschaftswachstum zunehmend Anerkennung findet“, erklärte UNCTAD-Generalsekretär Supachai Panitchpakdi am Rande einer Konferenz in Doha. Vor allem der nachhaltige Tourismus, oft auch als Ökotourismus bezeichnet, könne in weniger entwickelten Ländern und Regionen den Keim für Wirtschaftswachstum bilden.

Genau das hatte sich Ismail Beka zum Ziel gesetzt, als er vor ein paar Jahren zum ersten Mal nach Theth kam. Nur sieben Familien lebten da noch das ganze Jahr über in ihrem Dorf. Die anderen waren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus weggezogen, um anderswo Arbeit zu suchen. In der Provinzhauptstadt Shkodra, in Griechenland, Italien oder noch weiter weg.

Ismail Beka kam im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nach Theth und wollte über die Zukunft reden. Da bekam er von den Leuten zu hören: „Wir sind arm, haben keine Arbeit, keine Straßen, kein Telefon, selten Strom, und unsere Häuser zerfallen.“ Und nun sollten Touristen in diesen vergessenen Landstrich kommen?

Nachhaltiger Tourismus als Wirtschaftsfaktor

Genau das wollte Beka erreichen. Er wollte keine Hotelburgen in die fast unberührte Berglandschaft des Theth Nationalparks bauen, sondern Wanderwege, auf denen Naturliebhaber die Schönheit der Natur und des Gebirges erwandern. Er wollte sanften, nachhaltigen Tourismus nach Theth bringen.

Was unter diesem Begriff zu verstehen ist, darüber wird seit Jahren gestritten. Die UNWTO bezeichnet als „nachhaltigen Tourismus“ einen Reiseverkehr, der die heutigen Bedürfnisse der Touristen und der Gastregionen befriedigt und dabei gleichzeitig die Zukunftschancen bewahrt und erhöht. Nachhaltiger Tourismus soll

  • das natürliche und kulturelle Erbe (Ökologie) der Gastregion schützen und entwickeln,
  • die Erwartungen der Gäste zufriedenstellen,
  • die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung verbessern (Soziales) und 
  • die Region wirtschaftlich stärken (Ökonomie).

Seit jetzt sechs Jahren unterstützt Beka als Leiter dieses Projekt. Die Einwohner von Theth haben seither ihre Häuser renoviert und Gästezimmer eingerichtet. Doch die reichen längst nicht mehr. Im Hochsommer stehen auf den weiten Wiesen des Dorfes bunte Zelte, in denen Bergwanderer übernachten.

Ökotourismus ist ein Trend

Zwei Jahre nach dem Start zählte Theth bereits 5.000 Gäste. Für das kleine Bergdorf – hieß es damals in der deutschen Wochenzeitung „DIE ZEIT“ – war das wie „eine Invasion“. Und es kommen immer mehr. Die Besucher aus den USA, Israel und Europa suchen hier intakte Natur, einfaches Leben und sehnen sich nach Ursprünglichkeit. Die finden sie hier in der überwältigend schönen Bergwelt des Theth Nationalparks und im benachbarten Valbona-Tal, das man in sechs Stunden Fußmarsch durch eine sehr schöne, fast unberührte Landschaft erreichen kann. In den Sommermonaten kehren jetzt auch viele ehemalige Einwohner aus Shkodra in ihr Dorf zurück, um ihre Häuser zu renovieren.

Gemessen an den Kriterien der UNWTO für „nachhaltigen Tourismus“ ist das Projekt in Theth vielleicht ein Musterbeispiel. Die Gäste finden hier, was sie suchen: intakte Natur und einfaches Leben. Die Gastgeber erwirtschaften Einkommen aus dem Tourismus und erleben in ihrer Heimat eine neue Lebensqualität. Sie lernen überdies, ihre raue Bergwelt zu schätzen und zu schützen, denn sie ist es vor allem, die die Touristen anlockt. Urlaub in Albanien? In Theth auf jeden Fall empfehlenswert.

Mai 2012

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