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Digital Start-up in Äthiopien: „Wenn Menschen die Möglichkeit bekommen, können sie tolle Sachen entwickeln“

Eskinder Mamo und Amanuel Abrha arbeiteten noch in Berlin, als sie in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ein Start-up für Web- und Mobile-App-Entwicklung gründeten: AhadooTec. Das war vor vier Jahren. Seither wuchs das Unternehmen rasant – 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat es heute.

Ihr erstes App-Projekt starteten Mamo und Abrha, um etwas Gutes für Äthiopien zu tun: Fidel, eine Lern-App für äthiopische Schüler. Im Interview erzählt Mamo selbstkritisch über eigene Lernprozesse und wie man mit einer guten Idee ein Unternehmen gründen kann.

Herr Mamo, Sie sind gerade für ein paar Tage in Deutschland, bevor Sie wieder zurück nach Äthiopien fliegen. Wie läuft es denn dort mit Ihrem Unternehmen?

Eskinder Mamo: Ganz gut. Wir haben im Moment Aufträge von der äthiopischen Regierung, von NGOs und aus dem Privatsektor. Gerade haben wir angefangen, 45 Apps für äthiopische Behörden zu entwickeln, wo es beispielsweise darum geht, dass Bürger Termine online vereinbaren oder Formulare ausfüllen können.

Wir arbeiten auch an unserer eigenen Job-Plattform, die Arbeitgeber, Arbeitnehmer sowie Bildungsinstitutionen zusammenbringen soll. Der Fokus liegt dabei auf Arbeitskräften geringer und mittlerer Qualifikation. In Äthiopien werden gerade mehr als 17 Industrieparks gebaut, wobei drei bereits unsere Platform benutzen. Da werden Hunderttausende von Leuten beschäftigt werden. Unsere Plattform soll für mehr Effizienz und Kostenersparnis sorgen.

Das hört sich nach einem umtriebigen Unternehmen an. Aber angefangen hat alles mit einem sozialen Projekt, der Lern-App „Fidel“, richtig?

Eskinder Mamo: Ja, das war 2012. Mein Partner Amanuel Abrha und ich waren aktiv in einem Migrantenverein und haben uns gefragt: Wo können wir uns in Äthiopien einbringen? Wir haben uns verschiedene Bereiche angeschaut: Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit. Der Bereich „Bildung“ schien uns am interessantesten zu sein. Denn wir wussten, dass sich der Zugang zu Bildung in Äthiopien zwar enorm verbessert hatte, dass aber die Qualität noch ein großes Problem darstellt. Wir wollten dann mithilfe mobiler Technologie erreichen, dass sich die Qualität verbessert, aber auch, dass die Schüler Spaß am Lernen haben.

Die Lern-App „Fidel“

Die Idee der App war anfangs, dass sich Schüler der Klassen neun bis zwölf über die App mit den Fächern Englisch und Mathe beschäftigen können. Mittlerweile konzentrieren sich die Macher jedoch auf eine weit größere Auswahl an klassischen Schulfächern.

Als Sie die Idee hatten und den Entschluss fassten, das Projekt durchzuziehen: Wie liefen die ersten Monate ab?

Eskinder Mamo: Wir mussten zuallererst über die Geschäftsform entscheiden. Aufgrund der großen Restriktion im Bereich von NGOs in Äthiopien haben wir uns für ein Social Enterprise entschieden. Wir haben dann ein Team vor Ort zusammengestellt, eine Lizenz beantragt und ein Büro angemietet. Das hat alles ein paar Monate gedauert. Parallel haben wir an der Konzeption und an den technischen Anforderungen gearbeitet. Im Februar 2014 war es dann so weit. 

Haben Sie Unterstützung bekommen?

Eskinder Mamo: Unser erster Unterstützter war das Berliner Social Impact Lab. Sie haben uns beraten, Mentoring und Networking zur Verfügung gestellt und wir konnten in ihrem Co-Working-Space  arbeiten. Auch das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) hat das Projekt finanziell unterstützt, und in Äthiopien gab es zahlreiche Organisationen und Privatpersonen, die uns informell unterstützt haben.

Sie haben 16 Jahre in Deutschland gelebt, bevor sie wieder nach Äthiopien gezogen sind. Mussten Sie das Land neu kennenlernen?

Eskinder Mamo: Ich musste mich an vieles neu gewöhnen, insbesondere an das Zeitverständnis, das in Äthiopien sehr flexibel interpretiert werden kann, wenn man sich zum Beispiel verabredet. Allerdings war es auch schön, wieder da zu sein, weil mir vieles noch vertraut war. Auch die wirtschaftliche Entwicklung in Äthiopien zu erleben, fand ich spannend. Das Land ist sehr dynamisch. In Deutschland ist ja schon vieles geregelt, während in Äthiopien einiges noch im Entstehen oder im Wandel ist.

Die Gründer von AhadooTec

Eskinder Mamo und Amanuel Abrha haben in Deutschland studiert. Mamo machte einen Master in Innovation Management und Entrepreneurship und einen Master of Business Administration (MBA), Abrha in Informatik. Mamo kam bereits mit 12 Jahren nach Deutschland. Als er mit 28 Jahren zurück nach Äthiopien ging, hatte er also länger in Deutschland als in seinem Geburtsland gelebt.

2014 und 2015 wurden Sie vom African Heritage Magazin als einer der 100 einflussreichsten Äthiopier in Deutschland bezeichnet. Hatten Sie mehr Erfolg als erwartet?

Eskinder Mamo: Anerkennung durch verschiedene Medien ist schön, aber wir fühlen uns noch nicht dort, wo wir sein können und wollen als Firma. Wir sind jedoch dankbar, dass wir unsere Vision umsetzen können und dabei viel ausprobieren und lernen dürfen. 

Sie sagen: Sie haben viel gelernt. Haben Sie ein Beispiel?

Eskinder Mamo: In einigen internationalen Projekten, die wir durchgeführt haben, konnten sich die Kunden in Europa anfangs nicht vorstellen, dass es fähige Software-Entwickler in Äthiopien gibt. Manche fragten sogar: Haben die dort überhaupt Handys oder PCs?

Unser Team besteht aus jungen Leuten, die in Äthiopien ausgebildet wurden. Aber sie können trotzdem international konkurrenzfähige Software entwickeln, weil sie sich online weiterbilden und sich mit den neusten Technologienetwicklungen vertraut machen. In einem Projekt für einen schwedischen Kunden beispielsweise haben zwei unserer Mitarbeiter bei einem internationalen Test besser als die meisten ihrer schwedischen Pendants abgeschnitten. Sie haben das nicht geschafft, weil wir sie so gut trainiert haben, sondern aus ihrer eigenen Leistung heraus. Es ist toll zu sehen: Wenn Menschen die Möglichkeit bekommen, egal wo auf der Welt, können sie tolle Sachen entwickeln. Das Talent ist da.

In Deutschland spricht man zwar nicht gern über Geld, aber interessant wäre doch zu wissen: Kann man in Äthiopien mit einer Software-Firma genug Geld verdienen?

Eskinder Mamo: Ich denke, das ist wie überall mit Start-ups. Am Anfang ist es sehr schwer Geld zu verdienen, weil man noch keine Referenzen und wenig Erfahrung in allen Bereichen hat. Das ist schon herausfordernd. Die Leute vertrauen immer bekannten Marken. Am Anfang macht man ja auch viele Fehler, weil man noch in der Lernphase ist. Aber wenn man seine Sachen gut macht, kann man durchaus gut Geld verdienen. Eigentlich sind die Möglichkeiten in Äthiopien sogar viel besser als in Deutschland, weil noch vieles im Aufbau ist und es weniger Konkurrenz gibt.  

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April 2018

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