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Unternehmertum in Afrika – Wie junge Entrepreneure den ländlichen Raum aufmischen

Dass immer mehr Menschen in Städte ziehen, wirkt sich negativ auf den ländlichen Raum aus. Die Unternehmerin Halatou Dem aus Mali und der Wirtschaftsanwalt Lutz Hartmann aus Deutschland tragen mit ihrem Engagement zur ländlichen Entwicklung in Afrika bei.

Städte sind anonym, rau, hektisch und laut. Überall auf der Welt bedeuten sie für Menschen vom Land aber noch viel mehr: Dass sie dort (vermeintlich) mehr verdienen, eine Zukunft aufbauen, kurz, ein besseres Leben finden können. Diese Versprechen treiben jeden Tag Zehntausende Frauen, Männer und Familien in die urbanen Gegenden dieser Erde. Prognosen sagen: Mitte dieses Jahrhunderts werden vermutlich zwei Drittel der Menschheit Städter sein.

Also ist es fast kein Wunder, dass vielerorts schon lange nicht mehr in Entwicklungen auf dem Land investiert wird. Straßen werden nicht mehr ausgebessert, Krankenhäuser nicht mehr bedient. Schulen müssen schließen, und Banken gibt es auch nicht mehr. Vor allem investiert kaum jemand noch in die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber ohne menschenwürdige Einkommensmöglichkeiten wird der Trend der Abwanderung noch zunehmen.

Nur: Das ist ein Fehler, denn ländliche Gebiete sind nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar. Hier wird auch ein Großteil der benötigten Energie erzeugt, außerdem lassen sich Industriezweige nieder, die viel Raum und Fläche brauchen. Zur Erreichung von Ziel 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum) der Agenda 2030 darf der ländliche Raum also nicht vergessen werden. Wir haben zwei Menschen interviewt, die mit viel Mut und Eigeninitiative einen Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildung und Wirtschaftswachstum leisten.

Glutenfreies Getreide aus Mali

Halatou Dem, eine junge Unternehmerin aus Mali, übernahm 2011 Danaya Céréales, eine Firma, die ihre Mutter einige Jahre zuvor gegründet hatte. Danaya Céréales produziert vor allem Fonio, ein glutenfreies Getreide, das zu den Hauptnahrungsmitteln in Westafrika gehört.

Halatou Dem investierte viel Geld in neue Fertigungshallen – ein wichtiger Schritt, um die Produktivität zu steigern und die wachsende Nachfrage nach Fonio befriedigen zu können. Heute stellt Danaya Céréales zehn Tonnen Fonio pro Tag her, mehr als drei Mal so viel wie früher. Das funktioniert nur, weil Halatou Dem ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterqualifiziert. Mit persönlichem Engagement setzt sie sich dafür ein, mehr junge Leute und dabei vor allem Frauen für eine Karriere im Agrarbusiness zu gewinnen.

Frau Dem, Sie sind Jungunternehmerin und wollen Ihr Agrarbusiness ausbauen. Was treibt Sie an?

Halatou Dem: Danaya Céréales ist ein Familienunternehmen, das meine Mutter Aïssata Thiam Dem 1992 gegründet hat. Sie hatte die Idee, arbeitenden Frauen zu helfen, nämlich indem sie bereits verarbeitetes Getreide nutzen und damit schneller kochen können. Zu Beginn waren die Produkte vor allem für das Ausland bestimmt und für die Malier, die im Ausland leben. Bei ihnen war die Nachfrage besonders groß.

In Mali dagegen war es am Anfang für Frauen verpönt, bereits verarbeitete Produkte zu kaufen – alles sollte selbst eigenhändig hergestellt werden. Das hat sich inzwischen geändert, und viele Malierinnen und Malier konsumieren heute verarbeitete Produkte.

Sie wollen mehr junge Leute für eine berufliche Zukunft in der Landwirtschaft begeistern. Wie schaffen Sie das?

Halatou Dem: Indem ich ein Beispiel für sie bin. Indem ich ihnen zeigen, welche Vorteile es hat, selbstständig zu sein und gleichzeitig einen Mehrwert zu schaffen. Wichtig ist vor allem zu zeigen, dass man so Arbeitsplätze schaffen kann.

Sie haben Ihre Firma vollständig umgekrempelt. Haben die Mitarbeiter mitgezogen? Oder mussten sie erst überzeugt werden?

Halatou Dem: Alle Entscheidungen, die das Management trifft, werden intern diskutiert und von den Mitarbeitern mitgetragen. Die Vision muss allumfassend sein und nicht nur von einer Seite ausgehen.

Agribusiness TV: Mali – Taking over the family enterprise (englisch)

Sie haben für den Ausbau Ihres Unternehmens Kredite erhalten. Hätten Sie ohne diese Kredite expandieren können? Und war es schwierig, an das Geld zu kommen?

Halatou Dem: Wir haben sehr viel Eigenkapital investiert, aber ohne Kredit hätten wir uns nicht so schnell entwickeln können. Und ja, es ist sehr schwierig und teuer, in Mali einen Kredit zu erhalten.

Wie wichtig sind unabhängige Finanzierungsmöglichkeiten für Frauen in Mali?

Halatou Dem: Die meisten Frauen bewegen sich im informellen Sektor. Sie haben es schwer, einen Kredit zu bekommen, da die angebotenen Finanzierungsmöglichkeiten nicht auf ihr Gewerbe zugeschnitten sind. Außerdem sind die Zinsen für Mikrokredite sehr hoch. Die Banken sollten sich dem gewandelten Arbeitsmarkt anpassen, um ihn besser zu verstehen und besser auf die Probleme ihrer Klientinnen und Klienten eingehen zu können.

Ein Großteil Ihrer Mitarbeiter sind Frauen. Warum?

Halatou Dem: Ich habe vier Schwestern und verteidige die Sache der Frauen, daher stammen mein Engagement und meine übergroße Motivation, Danaya Céréales zum Erfolg zu führen. Ich will dafür sorgen, dass bevorzugt Frauen eingestellt werden. Frauen bringen viel Leidenschaft für ihre Arbeit mit und werden bei vielen anderen Firmen benachteiligt.

Aus- und Weiterbildung sind für Sie Schlüsselfaktoren. Wer unterstützt Sie dabei?

Halatou Dem: Wir bewegen uns in einem sehr sensiblen Sektor, dem der Ernährung. Unsere Partner laden uns oft zu Aus- und Weiterbildungen ein, damit wir uns weiterentwickeln können.

Was muss passieren, damit mehr Malier ein Unternehmen starten?

Halatou Dem: Es gibt viele Faktoren. Die wichtigsten sind Vorbilder, eine ausreichende Infrastruktur – wir brauchen Wasser, Elektrizität, Straßen – und Bildung.

Sie waren im Mai 2017 in Berlin zu Gast beim Rural Future Lab. Kehren Sie mit frischen Ideen oder neuen Erkenntnisse nach Mali zurück?

Halatou Dem: Das Rural Future Lab war eine sehr bereichernde Erfahrung, vor allem, weil es junge Afrikanerinnen und Afrikaner und junge Leute aus den G20 zusammengebracht hat. Wir haben unsere Probleme und unsere Lösungen sehr klar in der „Berlin-Charta“ ausgeführt. Wir jungen Führungskräfte in der Landwirtschaft aus Afrika brauchen mehr Sichtbarkeit, damit wir unsere Gesellschaften beeinflussen können. Das ist in Berlin passiert.

Autorin: Melanie Wieland
FLMH Labor für Politik und Kommunikation GmbH

Ein deutscher Unternehmer in Äthiopien

Rund 11.000 Kilometer von seiner Heimat entfernt hat der deutsche Jurist Lutz Hartmann ein Agrarbusiness aufgezogen – in Äthiopien. Für Hartmann und seinen Geschäftspartner Oliver Langert war wichtig, dass die Fruitbox Africa GmbH nicht nur Geld abwirft, sondern auf dem Land auch dringend benötigte und gut bezahlte Arbeitsplätze  schafft.

Unternehmertum in Afrika – Teil 2

Meinung zum Thema Unternehmertum in Afrika

Ich war selbst Gast bei einer Veranstaltung des Rural Future Lab in Bonn und war begeistert von dem Mut und dem Enthusiasmus der 30 anwesenden afrikanischen Jungunternehmerinnen und -unternehmer, die die Herausforderung angenommen haben, auf dem Land ihr Glück zu versuchen. Damit tragen sie nicht nur zur eigenen wirtschaftlichen Absicherung, sondern auch ganz maßgeblich  zur Entwicklung in ihrer Heimatregion bei. Ich war aber auch betroffen  von den vielen Problemen und Hürden, mit denen die Jungunternehmer zu kämpfen haben.

Ich weiß, dass auch viele Deutschland-Alumni, die in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind, den Weg in die Selbstständigkeit gewagt haben oder mit eigenen Projekten die Entwicklung ihres Landes positiv beeinflussen. Von ihren Erfahrungen können wir alle nur lernen – deshalb schreiben Sie Ihre Geschichten auf und posten sie in der Gruppe „Existenzgründer & Jungunternehmer“! Hier finden Sie auch viele praktische Tipps zur Unternehmensgründung.

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Juli 2017

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