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Unternehmertum in Afrika – Teil 2

Eine gute Nachricht gibt es: Weltweit nimmt der Hunger ab. Ein gutes Ziel gibt es auch: Im Jahr 2030 soll überhaupt kein Mensch mehr zu wenig zu essen zu haben. Um das zu erreichen, müssen aber immer noch 795 Millionen Menschen mehr und abwechslungsreichere Nahrung bekommen. So viele sind es, die weltweit mangelernährt sind oder hungern müssen. Drei Viertel von ihnen leben auf dem Land, viele von ihnen sind Kleinbauern, die als Selbstversorger am Rande des Existenzminimums leben – oder darunter. Hunger und Armut wird also bekämpft, indem in die ländliche Entwicklung investiert wird.

Ein deutscher Unternehmer in Äthiopien

Rund 11.000 Kilometer von seiner Heimat entfernt hat der deutsche Jurist Lutz Hartmann ein Agrarbusiness aufgezogen – in Äthiopien. Vier von fünf Äthiopiern arbeiten in der Landwirtschaft. Auch sie sind häufig Selbstversorger, denn für den Ausbau großer landwirtschaftlicher Betriebe mit entsprechenden Bewässerungssystemen fehlt den Kleinbauern das Geld.

Viele ausländische Unternehmen investieren in Äthiopien. Einigen von ihnen wird vorgeworfen, sie würden wertvolles Land aufkaufen und damit der einheimischen Bevölkerung ihre Lebensgrundlage nehmen. Doch für Hartmann und seinen Geschäftspartner Oliver Langert war wichtig, dass die Fruitbox Africa GmbH nicht nur Geld abwirft, sondern auf dem Land auch dringend benötigte und gut bezahlte Arbeitsplätze schafft.

Herr Hartmann, warum Afrika?

Lutz Hartmann: Weil Afrika der Kontinent der Entwicklungen ist! Afrika hat unfassbare Potenziale, die entwickelt werden müssen, schon allein zu unser aller Wohle, aber auch aus unternehmerischer Sicht.

Derzeit beschäftigen Sie 100 Mitarbeiter, 500 sollen es werden. Wie groß soll die Fruitbox Africa werden?

Lutz Hartmann: 500 Mitarbeiter ist schon eine gute Größe. Aber wir sind Unternehmer, wir sehen weiteres Potenzial, die Verarbeitung unseres Gemüses zum Beispiel oder eine Farm in einer anderen Klimazone.

Was macht Ihr Unternehmen so besonders?

Lutz Hartmann: Nichts. Wir machen das, wovon alle Welt spricht: In Afrika investieren nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Sie können das „Impact Investing“ nennen oder „Social Entrepreneurship“, aber am Ende ist es nur die Überzeugung, dass es unserem Unternehmen nur gut geht, wenn es drei „Faktoren“ in unserer Nähe auch gut geht: unseren Mitarbeitern, unserer Umwelt und unserer Community, in der wir ansässig sind.

Die Bevölkerung Äthiopiens wächst rasant, und auch hier fliehen immer mehr Menschen in die Stadt. Finden Sie genug Arbeitskräfte vor Ort?

Lutz Hartmann: Noch ja, unser Projekt hat auch schon Menschen wieder zurückgeholt. Wir wollen mit unserer Farm auch anderes Unternehmertum fördern: Cafés, Handwerker, Tankstellen. Das schafft ein lokales Wirtschaftswachstum, das die Menschen in der Region halten kann.

Welche Steine liegen in Ihrem Weg? Wo muss weiter investiert werden? In landwirtschaftliche Infrastruktur? Dienstleistungen? Schulen?

Lutz Hartmann: Ein Stein – eher ein Felsen – ist die Bürokratie, und hier rede ich insbesondere von Prozesssicherheit: Am Anfang eines Prozesses zu wissen, was man tun muss und wie und wann man ein Ergebnis hat – das ist oft nicht der Fall in Äthiopien. Sie fragen, wo investiert werden muss: Immer zuerst in die Menschen, in ihre praktische Bildung, in ihr Know-how.

Wichtig ist wirklich die praktische Erfahrung. Ich merke immer wieder, wie groß der Unterschied selbst bei theoretischen Jobs wie Buchhaltung ist. Man kann das an der Uni studieren, aber wenn man die Praxis nicht kennt, wird es sehr schwer. Wir haben auch Probleme, Dienstleister zu finden, die unseren Ansprüchen genügen, zum Beispiel Steuerberater, Buchhalter, Anwälte ...

„Du bist, was du isst“, lautet ein deutsches Sprichwort. Und wer bist du, wenn du (fast) nichts isst? In drei von vier Fällen eine Kleinbäuerin, ein Viehzüchter oder ein Arbeiter auf dem Land, vermutlich in Asien oder Afrika. Denn dort hungern am meisten Menschen. Was muss getan werden, um das zu ändern? Zehn Fakten zum Thema Hunger und Ernährungssicherheit weltweit.

Wie sichern wir Ernährung für alle?

Sie beschäftigen ausschließlich äthiopische Fachkräfte. Wer bildet Ihre Experten aus und weiter?

Lutz Hartmann: Das tun weitestgehend wir. Wir schicken unsere Leute zu Seminaren, die von den Kammern angeboten werden. Wir haben einen eigenen Englisch-Lehrer, der unsere Mitarbeiter schult. Einige bilden sich aber auch an der Uni fort. Leider haben wir nicht so viele Ressourcen, dass wir die Fortbildung strukturiert gestalten könnten. Hier wären wir dankbar für Hilfe von den staatlichen Entwicklungsorganisationen.

Unterscheiden sich Arbeitnehmer in Deutschland und Äthiopien voneinander? Und sind vielleicht Deutschland-Alumni unter Ihren Arbeitskräften?

Lutz Hartmann: Wir haben keine Deutschland-Alumni derzeit, sind aber auf der Suche. Der wichtigste Unterschied zwischen Arbeitnehmern in Deutschland und Äthiopien ist ein kultureller: In Äthiopien wird oft noch patriarchalisch geführt. Wir dagegen bauen auf Transparenz, Diskussion und Kollaboration. Gerade Mitarbeiter mit geringerem Bildungsniveau springen darauf sehr gut an.

Das mittlere Management ist aber noch zurückhaltend, weil man den Leuten natürlich mehr Verantwortung gibt, aber auch Macht gegenüber den Mitarbeitern einbüßt. Das sind Anpassungsprozesse, die Zeit brauchen und die nicht jeder schafft, aber die auf lange Sicht keine Alternative haben.

Ausländische Investoren sind in Äthiopien nicht immer gern gesehen. Stichwort: Land Grabbing. Braucht Äthiopien mehr oder weniger Investitionen aus dem Ausland?

Lutz Hartmann: In jedem Fall mehr. Natürlich wird es hier Konflikte geben, das ist unausweichlich. Aber die Regierung muss lernen, diese Konflikte zu managen, vielleicht auch mit Hilfe von Experten aus dem Ausland.

Wir sind mit Modellen gestartet, in denen wir Bauern mit Land eine Partnerschaft angeboten haben. Das Verständnis dafür war aber gering, die Bereitschaft der Regierung, hier gemeinsam zu agieren, nicht vorhanden. Ein Bauer, dem Sie einen Hektar abkaufen oder von ihm pachten, hat davon viel weniger, als wenn er Gesellschafter der neuen Firma wird und vielleicht mit zehn Prozent beteiligt ist.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für Ihr Business und das Land, in dem Sie arbeiten: Was stünde ganz oben auf der Liste?

Lutz Hartmann: Mehr politische Freiheit, weniger Abhängigkeit von Entscheidungen einzelner Beamten, die zu Drucksituationen führen kann, und einen ausgebildeten Dienstleistungssektor.

Die Geschichten der beiden Unternehmer in Afrika sind eindrucksvolle Beispiele dafür, dass die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung nicht einzeln betrachtet werden können, sondern in vielfacher Hinsicht abhängig voneinander sind. Beide leisten einen eindrucksvollen Beitrag zur Ernährungssicherung, beide sind hierfür auf eine gute Infrastruktur angewiesen und investieren viel in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter. Die Weltgemeinschaft braucht Menschen wie Halatou Dem und Lutz Hartmann, die die Initiative ergreifen und nicht auf die große Politik warten.

Autorin: Melanie Wieland
FLMH Labor für Politik und Kommunikation GmbH

Glutenfreies Getreide aus Mali

Halatou Dem, eine junge Unternehmerin aus Mali, übernahm 2011 Danaya Céréales, eine Firma, die ihre Mutter einige Jahre zuvor gegründet hatte. Danaya Céréales produziert vor allem Fonio, ein glutenfreies Getreide, das zu den Hauptnahrungsmitteln in Westafrika gehört.

Unternehmertum in Afrika – Teil 1

Meinung zum Thema Unternehmertum in Afrika

Ich war selbst Gast bei einer Veranstaltung des Rural Future Lab in Bonn und war begeistert von dem Mut und dem Enthusiasmus der 30 anwesenden afrikanischen Jungunternehmerinnen und -unternehmer, die die Herausforderung angenommen haben, auf dem Land ihr Glück zu versuchen. Damit tragen sie nicht nur zur eigenen wirtschaftlichen Absicherung, sondern auch ganz maßgeblich  zur Entwicklung in ihrer Heimatregion bei. Ich war aber auch betroffen  von den vielen Problemen und Hürden, mit denen die Jungunternehmer zu kämpfen haben.

Ich weiß, dass auch viele Deutschland-Alumni, die in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind, den Weg in die Selbstständigkeit gewagt haben oder mit eigenen Projekten die Entwicklung ihres Landes positiv beeinflussen. Von ihren Erfahrungen können wir alle nur lernen – deshalb schreiben Sie Ihre Geschichten auf und posten sie in der Gruppe „Existenzgründer & Jungunternehmer“! Hier finden Sie auch viele praktische Tipps zur Unternehmensgründung.

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Juli 2017

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