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Whistleblower zeigen Verantwortung – Compliance schützt

Der derzeit wohl bekannteste Whistleblower Edward Snowden hat es geschafft, dass Menschen in aller Welt darüber diskutieren, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit über Missstände in Unternehmen oder Organisationen zu informieren. Viele Unternehmen ändern beim Kampf gegen Korruption im Rahmen ihrer Compliance den Umgang mit Whistleblowing.

Die deutsche Sprache kennt das schöne Wort „verpfeifen“. Es bedeutet, jemanden zu denunzieren und entspricht dem englischen Ausdruck „to blow a whistle on someone“. Seit Edward Snowden durch seine Enthüllungen die Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten publik gemacht hat, kennt jeder den Ausdruck.

Ein Whistleblower ist ein Mitarbeiter in einem Unternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung, der Missstände wie Korruption oder sogar vertuschte Gefahren aufdeckt. Ein bekanntes deutsches Beispiel ist der Chemiker Reiner Moormann, der in einer Kernforschungsanlage arbeitete und vor einigen Jahren auf Risiken im Zusammenhang mit bestimmten Reaktoren hinwies. Whistleblower brauchen eine Menge Zivilcourage und riskieren nicht selten ihren Job. Unter den Folgen ihrer mutigen Veröffentlichung müssen sie oft noch viele Jahre leiden.

Video: Whistleblower – Allein gegen das System

Whistleblowing und Compliance in Unternehmen

Doch immer mehr Unternehmen und Organisationen unterstützen im Rahmen ihrer Compliance-Verpflichtungen Menschen, die durch ihre Hinweise auf Regelverstöße wie Bestechungs-, Umwelt- und Kartelldelikte aufmerksam machen. In Deutschland  existieren seit über zehn Jahren in vielen Unternehmen sogenannte Beschwerdestellen – meist in Form von Whistleblowing-Hotlines. Denn der amerikanische Sarbanes-Oxley-Act (SOX) verpflichtet seit 2002 internationale Unternehmen, eine vertrauliche Meldemöglichkeit für Hinweise zu einzurichten.

Viele deutsche DAX-30-Konzerne – darunter beispielsweise die Deutsche Telekom und Siemens, aber auch mehr und mehr mittelständische Firmen – haben solche Whistleblowing-Hotlines eingerichtet und bieten Aufklärung im Intranet. „Tell me!“ – so heißt das Portal, über das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Telekom Verstöße gegen interne Richtlinien, Gesetze oder Verhaltensgrundsätze anonym und vertraulich melden können. Zusätzlich gibt es das Beratungsportal „Ask me!“ im Intranet. Es bietet allerlei Informationen zum Thema Compliance, etwa zu Fragen rund um die Annahme von Geschenken oder den Umgang mit internen Informationen.

Als Whistleblower geachtet oder als Denunziant verachtet

Betrachtet man einige Fälle in Deutschland, so hatten Whistleblower in der Vergangenheit häufig den Status eines Denunzianten. So auch die Tierärztin Margrit Herbst, die ihren Job verlor, als sie schon 1990 auf Symptome bei Schlachtrindern hinwies, die auf eine BSE-Erkrankung hindeuteten. Ihre Warnungen wurden ignoriert und die Rinder gelangten in die Nahrungskette. 1994 wurde Herbst fristlos entlassen, da sie, so die Begründung, gegen ihre Pflicht zur Amtsverschwiegenheit verstoßen habe. Sie lebt heute von einer kleinen Rente – bekommen hat sie immerhin den „Internationalen Whistleblower-Preis“.

Mirko Haase ist Compliance-Verantwortlicher bei General Motors für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) und Präsident des deutschen Berufsverbandes der Compliance Manager (BCM). Er hebt im Magazin FINANCE hervor: „In Deutschland werden Whistleblower eher als Denunzianten und nicht als Aufklärer wahrgenommen.“ Hier sei es so, dass die negativen historischen Erfahrungen mit Bespitzelung – die war in der ehemaligen DDR an der Tagesordnung – noch nachwirken. Allerdings seien größere, international agierende Unternehmen bereits weiter als kleine Firmen, wenn es um Mitarbeiter geht, die Missstände anprangern.

Internationale Richtlinien zum Whistleblowing

Die Internationale Handelskammer (ICC) hat Richtlinien zum Whistleblowing veröffentlicht. Das Ziel ist ein globaler Standard, der Unternehmen helfen soll, Whistleblower-Programme zu implementieren.

Whistleblowing und Compliance international

Vergleicht man Deutschland mit anderen Ländern, so bietet es einen vergleichsweise schlechten Schutz für Whistleblower. Hier gilt die Rechtsprechung der obersten deutschen Arbeitsgerichte und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, aber ein eigenes Gesetz zum Schutze der Whistleblower gib es noch nicht. Vor allem Beamte und Angestellte im Öffentlichen Dienst haben es schwer. In den USA hingegen haben sie zum Teil sogar Kündigungsschutz und bekommen Entschädigungen ausgezahlt, wenn sie Fälle von Steuerhinterziehung melden.

Aber auch in einigen Entwicklungsländern, die vielfach unter Korruption leiden, tut sich etwas. Im Facthsheet „Supporting Anonymous Whistle Blowing Systems” erklärt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), wie sie Partnerländer bei ihren Bemühungen unterstützt, internetbasierte Systeme einzurichten. Über diese können, ähnlich wie bei der Deutschen Telekom, Personen Korruptionsfälle und andere Gesetzesverstöße melden. Ein Beispiel aus Indonesien: Dort gibt es seit 2003 eine „Corruption Eradication Commission“ (KPK), die mit Hilfe der GIZ ein anonymes Whistleblowing-System etabliert hat. Dazu gehört ein Feature, dass die simultane Interaktion zwischen der KPK und dem Whistleblower ermöglicht. So kommt die Information direkt aus erster Hand an die richtige Stelle, wobei gleichzeitig die Anonymität des Whistleblowers garantiert wird. Erste Erfolge haben sich eingestellt, denn es konnten schon mehrere hochrangige Beamte, darunter 65 Parlamentsmitglieder und sieben Minister, überführt werden.

Whistleblowing – Compliance and Risk Management: Interview mit Simon Airey von der britischen Anwaltskanzlei DLA Piper (englisch)

November 2014

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