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Remittances als entwicklungspolitischer und wirtschaftlicher Faktor

Geldtransfers von Migranten an ihre Familien galten lange Zeit als Privatangelegenheit. In vielen Empfängerländern haben diese sogenannten „Remittances“ jedoch große wirtschaftliche Bedeutung. Umso wichtiger sind die Bemühungen der Entwicklungspolitik, die Überweisungen schneller, kostengünstiger und sicherer zu machen.

Die Zuwanderung nach Deutschland hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Allein im Jahr 2015 sind mehr als 2 Mio. Menschen nach Deutschland zugezogen, ein Rekordwert.  Die Zahl der Asylbewerber steigt seit 2008 langsam, seit 2014 deutlich an: Waren es 2013 noch 127.000 Asylanträge, liegt die Zahl 2016 derzeit bei knapp 700.000, was auf die großen Flüchtlingsbewegungen aus weltweiten Krisenländern zurückzuführen ist – die meisten Zuwanderer kamen 2015 aus Syrien.

Viele der neu Zugezogenen werden sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen – wie es die mehr als neun Millionen in Deutschland lebenden Ausländer vor ihnen getan haben. Die meisten werden ihre Verbindungen in ihre Heimat, zu Familienangehörigen und Verwandten, trotzdem nicht abreißen lassen.

Gelegentliche Besuche und andere Kontakte halten diese Verbindungen lebendig. Doch viele Migranten aus Krisen- und Entwicklungsländern tun mehr: Sie schicken ihren Eltern oder Kindern, Ehepartnern oder anderen Verwandten regelmäßig Geld als Hilfe zum Lebensunterhalt oder bei Notlagen, also so genannte Remittances. Oft genug geschieht dies über informelle Kanäle wie private oder professionelle Boten. Lange Zeit wurden diese Geldtransfers als reine Privatangelegenheit betrachtet. Seit die Weltbank jedoch vor einigen Jahren festgestellt hat, dass die Remittances in manchen Entwicklungsländern einen großen Teil des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, hat auch die Politik dieses Thema entdeckt.

Migranten transferieren 442 Milliarden Dollar

Weltweit leben schätzungsweise über 250 Millionen Menschen außerhalb des Landes, in dem sie geboren wurden – mehr als drei Prozent der Weltbevölkerung. Die Weltbank schätzt: Diese Migranten überwiesen im Jahr 2016 etwa 585 Milliarden US-Dollar in ihre Heimat, 442 Milliarden davon in Entwicklungsländer. Auch wenn die Zeit des schnellen Wachstums weltweiter Remittances laut Weltbank vorbei ist, ist das immer noch mehr als das Dreifache der offiziellen Entwicklungshilfezahlungen weltweit. In Honduras etwa machten die Remittances 2015 rund 18 Prozent des Volkseinkommens (genauer: des Bruttoinlandsproduktes) aus, in Haiti waren es 25 Prozent, in Tadschikistan 29 Prozent und in Nepal fast ein Drittel, nämlich 32 Prozent. In manchen Ländern liegt die Zahl der Haushalte, die Remittances aus dem Ausland erhalten, sehr hoch: In Nicaragua beispielsweise sind es etwa 40 Prozent. Auf den Philippinen stammen 25 bis 50 Prozent der durchschnittlichen Einkommen privater Haushalte aus dem Ausland. Nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank bleiben 4,3 Millionen Menschen nur aufgrund der privaten Geldtransfers aus dem Ausland oberhalb der Armutsgrenze.

Aus Deutschland fließen auf diese Weise nach Informationen der Deutschen Bundesbank jährlich mehr als 20 Milliarden Euro in die Länder der Migranten. Top-Empfängerländer sind hierbei vor allem EU-Staaten (vor allem Polen mit über 2 Milliarden Dollar), aber auch in Länder wie Libanon (818 Millionen), Vietnam (705 Millionen) oder China (647 Millionen) flossen im vergangenen Jahr hohe Geldbeträge. Dort bessern die Überweisungen unmittelbar die Budgets der privaten Empfängerhaushalte auf und tragen so zur Finanzierung des Lebensunterhalts bei. Was bei all den Zahlen immer wieder betont werden muss: Es handelt sich um Schätzungen. Geldtransfers können in Deutschland gar nicht vollständig erfasst werden, nur ein Teil der Überweisungen ist überhaupt meldepflichtig (ab 12.500 Euro), und ein anderer, nicht unerheblicher Teil wird über informelle Kanäle transferiert.

Aktuelle Infografik zum Thema Remittances

Remittances als Entwicklungshilfe

Untersuchungen haben ergeben, dass das Geld von Migranten überwiegend für alltägliche Grundbedürfnisse verwendet wird (Nahrung, Kleidung, Reparaturen), aber auch Ausgaben in Bildung und Gesundheit werden häufig genannt. In Südafrika beispielsweise steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind die Schule besucht, um 30 Prozent, wenn die Familie Remittances erhält. Oft dienen die Geldtransfers zur Vorsorge und sozialen Absicherung der Familien. Damit unterstützen die Überweisungen der Migranten im Grunde die gleichen Zielen wie die klassische Entwicklungshilfe: die Armutsminderung.

Hier liegt der wichtigste Grund dafür, dass sich die Entwicklungspolitik für das Thema Remittances interessiert. Doch wenn diese Zahlungen auch wirtschaftlich und gesellschaftlich Wirkungen zeigen, so bleiben die Geldtransfers von Migranten in ihre Heimatländer doch vor allem eines: eine Privatangelegenheit. Die Einflussmöglichkeiten der Politik sind dementsprechend gering. Eines aber kann die Politik bewirken: Sie kann die Bedingungen für Remittances so gestalten, dass die Migranten ihr Geld über die formellen Wege des internationalen Bankensystems einfacher, schneller, sicherer und zu geringeren Gebühren transferieren können. Denn die größte Hürde bei Überweisungen aus Deutschland sind weiterhin die hohen Gebühren. Zwar sind diese in den letzten Jahren leicht gesunken - von durchschnittlich 9,8 Prozent auf 7,6 Prozent weltweit (in Deutschland sogar von 14 Prozent auf 7,3 Prozent), sind damit aber immer noch deutlich zu hoch, insbesondere in Sub-Sahara-Afrika, wo der Spitzenwert von 9,6 Prozent herrscht. Die Weltgemeinschaft hat sich im Rahmen der Verabschiedung der Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDG) darauf verständigt, die Kosten bis 2030 auf unter drei Prozent zu reduzieren.

GeldtransFAIR.de schafft Transparenz bei Remittances

In diesem Punkt hat die deutsche Bundesregierung reagiert: Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat die GIZ in Kooperation mit der Frankfurt School of Finance & Management vor einigen Jahren das Internet-Portal GeldtransFAIR.de ins Leben gerufen. Hier können Migranten sich über die Anbieter von Geldtransferdienstleistungen und ihre Konditionen (Kosten, Dauer, Wege) informieren. Für Transfers nach Ägypten beispielsweise weist „Geldtransfair“ derzeit 20 Dienstleister und ihre Konditionen aus.

Oft scheitert die Nutzung solch formeller Wege für Remittances an der Voraussetzung, dass der Empfänger ein Bankkonto haben muss. Wo aber der Empfänger keinen Pass oder einen anderen Identitätsnachweis besitzt, bekommt er auch kein Bankkonto. Häufig ist auch die nächstgelegene Bankfiliale vom Wohnort des Empfängers weit entfernt. Hier können mancherorts Mikrofinanzinstitute oder Spar- und Darlehensgenossenschaften einspringen, die oft auch in ländlichen Regionen vertreten sind. Diese müssen allerdings mit Banken zusammenarbeiten, um nationale und internationale Geldtransfers abwickeln zu können. Immer häufiger treten auch Mobilfunkanbieter als Dienstleister für Geldtransfer auf (z.B. M-Pesa). In mehreren Ländern können Nutzer von Mobiltelefonen sich kleinere Guthaben untereinander versenden und bei Agenturen wie etwa dem Dorfsupermarkt oder einer Tankstelle ein- und auszahlen lassen.

Die Aufgabe der Regulierer, der Privat- und Finanzwirtschaft sowie der Entwicklungszusammenarbeit besteht darin, diese einfachen Zahlsysteme auch für internationale Zahlungen zu ermöglichen. Dabei gilt es, Kundenschutz, Sicherheit des Finanzsystems und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen.

Video: www.GeldtransFAIR.de

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