3 Finde ich gut

Rostende Liebe: die Deutschen und ihre Autos

Autoland Deutschland: Hier erfanden Carl Benz und Rudolf Diesel Ende des 19. Jahrhunderts den Benzin- und Dieselmotor. Volkswagen, Mercedes, BMW und Audi – deutsche Autohersteller gehören zu den Top-Marken auf dem Weltmarkt. Aber das positive Image beginnt zu rosten. Wie ist es um das Autoland Deutschland bestellt?

Das Auto ist für viele Deutsche weit mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Sie haben eine enge Bindung zu ihrem Fahrzeug – manche geben ihm sogar einen Namen. Autofahren bedeutet für sie Freiheit. Die Automarke wird zum Symbol ihres Selbstverständnisses  – für welche Marke man sich entscheidet, sagt etwas über die eigene Persönlichkeit aus. Wie sehr Autofahren die Umwelt belastet, blenden die meisten aus.

Es gibt aber auch eine Gegenbewegung. Immer mehr Deutsche – und dabei besonders junge Menschen – verzichten auf ein eigenes Auto. Das Auto hat für sie als Statussymbol ausgedient und gilt nicht mehr als zeitgemäßes Transportmittel. Zudem wächst die Kritik am hohen Schadstoffausstoß und am großen Einfluss der deutschen Autolobby auf Politik und Gesellschaft.

1. Das Auto ist das beliebteste Verkehrsmittel der Deutschen

Mit knapp 46 Millionen zugelassenen Pkw besitzen statistisch mehr als zwei von drei Erwachsenen in Deutschland ein Auto. Im Jahr 2016 fuhr jeder Pkw durchschnittlich etwa 14.000 Kilometer, das macht insgesamt 625,5 Milliarden Kilometer pro Jahr.

Knapp die Hälfte der Deutschen fährt mit dem Auto in den Urlaub, bei Inlandsreisen sind es sogar 76 Prozent. Auch zur Arbeit fahren die meisten Deutschen mit dem Auto. 68 Prozent der Berufspendler nutzten 2016 den Pkw für den Arbeitsweg . Nur 14 Prozent nahmen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes  öffentliche Verkehrsmittel, der Rest fährt mit dem Motorrad oder Fahrrad oder geht zu Fuß. In Städten sieht es etwas besser aus: Hier nutzen immerhin 31 Prozent den ÖPNV.

Wie viele zugelassene Autos gibt es in Deutschland? Und welcher Automobilhersteller war Anfang des 20. Jahrhunderts größter Fahrradhersteller? Testen Sie Ihr Wissen mit unserem Quiz über das beliebteste Verkehrsmittel der Deutschen – das Auto.

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2. Viele Autos brauchen viele Straßen

Deutschland verfügt heute schon über eines der dichtesten Fernstraßennetze Europas. Und die Politik investiert weiterhin viel Geld in Straßen und Brücken: Von 2001 bis 2015 wurden rund 1.300 Kilometer Autobahnen neu gebaut. Das kostete über 15 Milliarden Euro. Über 1.000 Kilometer Fernstraßen wurden auf sechs oder mehr Fahrstreifen erweitert.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisiert diese Politik scharf: „Immer mehr Straßen erhöhen nicht die Mobilität, sondern nur den Verkehr.“ Der BUND fordert daher, Alternativen zu Straßen schaffen und intelligente Logistikkonzepte umzusetzen.

3. Wohlstand durch die Automobilindustrie

Fragt man Passanten auf der Straße in Manila, Kairo oder New York, was sie mit Deutschland verbinden, lauten die Antworten häufig „Volkswagen/VW“, „Mercedes“ oder „BMW“. Kein Wunder, denn deutsche Premium-Autos sind stark auf dem Weltmarkt vertreten. Drei Viertel der deutschen Autoproduktion werden exportiert , das sind etwa 4,4 Millionen Fahrzeuge. Die wichtigsten Abnehmerländer waren 2015 die USA (15 Prozent), das Vereinigte Königreich (13 Prozent) und die Volksrepublik China (8 Prozent).

Rund 7,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands gehen direkt oder indirekt auf die Autoproduktion zurück. Das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Mehr als 750.000 Menschen arbeiten in Deutschland bei Autobauern und Zulieferern. Damit liegt die Branche vor dem Maschinenbau und der Metallindustrie.

Die deutsche Automobilindustrie in der Krise

Die Dominanz der Automobilindustrie ist heute noch eine zentrale Stütze für die deutsche Wirtschaft. In Zukunft kann sie aber zur Gefahr werden. Deutsche Autobauer sind teilweise in Verruf geraten, seitdem bekannt wurde, dass sie bei Diesel-Fahrzeugen die Abgaswerte manipuliert haben, um sie umweltfreundlicher erscheinen zu lassen als sie sind. So berichtet VW, dass 2016 infolge des Dieselskandals die Nachfrage nach Modellen aus dem Volkswagen-Konzern auf dem US-amerikanischen Markt im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent sank.

Zudem muss sich Deutschland anstrengen, bei neuen technischen Entwicklungen wie Elektroantrieb und Digitalisierung der Fahrzeuge mitzuhalten. Dazu Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Ich kann nur hoffen, dass – gerade auch im Blick auf die asiatischen Märkte, insbesondere auf China […], die deutsche Automobilindustrie den Anschluss nicht verliert.

4. „Freie Fahrt für freie Bürger“: Noch kein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern der Welt, in denen es keine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Außerdem ist es wohl das einzige Land, in dem die Straßen so ausgebaut sind, dass Autofahrer dies auch so richtig ausleben können – die anderen Länder ohne Tempolimit sind Nepal, Myanmar, Burundi, Bhutan, Afghanistan, Nordkorea, Haiti, Mauretanien, Somalia und der Libanon. Auf deutschen Autobahnen wird eine Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde empfohlen. Vielerorts gibt es aber streckenweise Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen wird immer wieder gefordert. Zu schnelles Fahren gefährde die Verkehrssicherheit, sagen die Befürworter. Schließlich wurden 13 Prozent aller Unfälle  mit Personenschaden im Jahr 2015 durch zu hohe Geschwindigkeiten verursacht. Auch dem Klima käme ein Tempolimit zugute. Das Umweltbundesamt  stellte bereits 2012 fest: „Die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen wäre ein kurzfristig realisierbarer, kostengünstiger und wirksamer Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen und des Kraftstoffverbrauchs.“

Über die Hälfte der Deutschen sprach sich im Sommer 2017 für ein Tempolimit auf Autobahnen aus, 47 Prozent sind dagegen. Bei den Männern stimmten nur 38 Prozent für ein Tempolimit.

5. Stehen statt fahren: Staus auf deutschen Straßen

Immer öfter müssen Autofahrer in Deutschland gar nicht darüber nachdenken, wie schnell sie fahren dürfen. Denn wenn sie in einem der knapp 700.000 Staus pro Jahr stehen, stellt sich eher die Frage, wann sie überhaupt weiterfahren können. Die deutschen Straßen werden immer voller und der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) errechnete, dass es 2016 in Deutschland insgesamt 1,3 Millionen Kilometer Staus gab. Besonders schlimm wird es immer zu Beginn der Schulferien. Da rollen die Blechlawinen langsam in Richtung Süden und der Verkehr staut sich auf einigen Strecken auf über 20 Kilometer!

ADAC Staubilanz 2016

6. Abgase und Lärm: Autos haben eine schlechte Umweltbilanz

Laut Umweltbundesamt verbraucht der Verkehrssektor in der Europäischen Union „gut ein Drittel der Energie und verursacht mehr als ein Viertel der Treibhausgasemissionen. Neben dem Ausstoß von CO2 und anderen klimaschädlichen Treibhausgasen stellen die verkehrsbedingten Luftschadstoffe wie Feinstaub oder NOx eine große Belastung für die Gesundheit dar.“ Zwar belasten Autos heute die Umwelt weniger als früher, weil sie unter anderem nicht mehr so viel Kraftstoff benötigen. Dafür gibt es heute aber mehr Verkehr, der diese Vorteile wieder zunichtemacht.

Seit dem Dieselskandal 2015 sagen immer mehr Experten das Ende des Verbrennungsmotors voraus. Die Zukunft liege in umweltfreundlicheren Lösungen wie Elektromotoren, die auch viel weniger Lärm verursachen. Eine noch weitreichendere technische Entwicklung scheint unaufhaltsam: das autonome oder selbstfahrende Auto. Hier soll die Technik bald das Regiment am Lenkrad übernehmen und damit das Autofahren revolutionieren. Laut einer amerikanischen Studie würden schon wenige autonom fahrende Autos auf den Straßen Staus und Benzinverbrauch deutlich reduzieren.

Elektroantrieb oder autonomes Fahren: Weltweit wird stark in die Entwicklung des Autos der Zukunft investiert. Ob die Nachfolger von Carl Benz und Rudolf Diesel auch aus Deutschland kommen werden?

Autorin: Susanne Reiff, to the point communication

Welche Rolle spielen deutsche Autos auf dem Weltmarkt?

April 2018

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Kommentare

Avalyn A. Cahulogan
10. April 2018

I have always associated Germany with Mercedes Benz, BMW and Volkswagen. During my first visit in Germany back in 1999 I came to realize that although cars are ubiquitous, Germany offered an efficient rail system. In 2010 - 2011, I had the opportunity to stay in Germany through INWENT/GIZ and experienced thoroughly a much better transportation system (rail, land, sea, air). Without the efficient transportation system, I wouldn't have traveled all the sixteen (16) states of Germany. Including the beautiful island of Helgoland. I do believe that with German technology, cars are there to stay, but with lesser CO2 emissions and fuel consumption.

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