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Wie Bürger das Fahrradfahren nach Wuppertal brachten

Wuppertal im Bergischen Land ist die Stadt der weltberühmten Schwebebahn. Doch seit 2014 kann man Wuppertal auch ganz einfach mit dem Fahrrad durchqueren – trotz der erheblichen Höhenunterschiede. Eine Bürgerinitiative ermöglichte das Fahrradfahren dort, wo früher Züge rollten – wie es dazu kam, verrät unser Interview.

Im Jahr 2006 hatten ein paar Wuppertaler eine visionäre Idee: eine 22 Kilometer lange stillgelegte Bahntrasse, die mitten durch die Stadt führt, in eine Fahrradtrasse umzuwandeln. Für die Bahnstrecke wurden einst Viadukte und Brücken gebaut, damit die Züge ebenerdig durch die hügelige Stadt kamen. Perfekt fürs Fahrradfahren!

Zunächst war es gar nicht so einfach, die Stadtverwaltung von dem Projekt zu überzeugen – und es mussten Millionen von Euro gesammelt werden. Aber 2014 war es soweit: Die „Nordbahntrasse“ wurde eröffnet. Für radelnde Berufspendler wie für Ausflügler, für Fußgänger und Skater ist sie in kürzester Zeit zum Star der Stadt geworden. Carsten Gerhardt ist Physiker und Wegbereiter des Trassenbaus. Im Interview berichtet er von dem Projekt, das die nachhaltige Mobilität nach Wuppertal gebracht hat.

Es war einmal ... eine kilometerlange stillgelegte Eisenbahnstrecke, die quer durch Wuppertal führte. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie dachten: „Daraus müssen wir eine Fahrradtrasse machen“?

Carsten Gerhardt: Am Karnevalssonntag 2005 sind meine Frau und ich über die völlig zugewachsene Trasse gegangen. Wir sind damals durch stockfinstere Tunnel marschiert und über Zäune geklettert, um die abgesperrten Viadukte zu überqueren. Dabei haben wir festgestellt, auf was für kurzen Wegen wir von einem Stadtteil in den nächsten gelangen konnten. Nach etwa zehn Kilometern kamen wir an eine Stelle, wo eine Brücke abgerissen und ein Blumenmarkt auf die Trasse gebaut worden war. Das war der Moment, in dem uns klar war, dass wir uns engagieren müssen, um das Trassenband für künftige Nutzung zum Wohl der Allgemeinheit zu erhalten.

Fotogalerie „Nordbahntrasse Wuppertal“

  • Rheinische Strecke – Foto (c) Wolfgang Bügel www.bahnen-wuppertal.de

    Rheinische Strecke – Foto (c) Wolfgang Bügel www.bahnen-wuppertal.de

  • Müllbeseitigung  – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Müllbeseitigung  – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

  • Bahnhof Ottenbruch vorher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Bahnhof Ottenbruch vorher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

  • Zugang Bahnhof Ottenbruch 2017 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Zugang Bahnhof Ottenbruch 2017 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

  • Brücke Belvedere vorher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Brücke Belvedere vorher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

  • Brücke Belvedere nachher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Brücke Belvedere nachher – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

  • Trassenwanderung 2007: Projektvorstellung – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Trassenwanderung 2007: Projektvorstellung – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

  • Bürger pflastern die Fahrradtrasse 2013 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Bürger pflastern die Fahrradtrasse 2013 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

  • Über das Kuhler Viadukt 2017 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Über das Kuhler Viadukt 2017 – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

  • Brücke Uellendahler Straße: „Panoramablick Industriekultur“ – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V.

    Brücke Uellendahler Straße: „Panoramablick Industriekultur“ – Foto (c) Wuppertalbewegung e. V. 

Wie ging das Projekt los? Was waren die ersten Schritte?

Carsten Gerhardt: Wir haben den Gedanken, uns für Erhalt und Nutzung der Trasse zu engagieren, rund neun Monate mit uns herumgetragen und dann im Bekanntenkreis nach möglichen Unterstützern geschaut. Mit ihnen haben wir den Verein Wuppertalbewegung e. V. gegründet. Der Name enthält alles, was uns wichtig war und ist: Wuppertal, Tal-Weg und Bewegung. Dann haben wir eine Machbarkeitsstudie erstellt und veröffentlicht, die zusammenfasste, warum eine Wiederbelebung der Trasse wichtig für die Stadt wäre, welche konkreten Vorteile sie böte und wie das Ganze finanzierbar wäre.

Sie mussten mehrere Millionen Euro an Geldern eintreiben. Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass das ganze Projekt eine Nummer zu groß ist?

Carsten Gerhardt: Da die Stadt sich nicht in der Lage sah, den notwendigen städtischen Eigenanteil in Höhe von rund drei Millionen Euro beizusteuern, haben wir bei Unternehmen, Mäzenen  und Bürgern unsere Idee vorgestellt und um Unterstützung geworben – das waren insgesamt mehr als 100 Gesprächstermine. Innerhalb von etwa vier Monaten kamen Spendenzusagen von 3,5 Millionen Euro zusammen. Da sich die Verwaltung danach nicht in der Lage sah, die notwendigen Förderanträge für das Land Nordrhein-Westfalen und die EU zu schreiben, haben wir auch das übernommen – und zwar erfolgreich! Anschließend haben wir mit dem Bau begonnen und die ersten 2 Kilometer Trasse in Eigenregie fertiggestellt. Zweifel, dass wir es nicht schaffen könnten, hatten wir nicht. Eher haben uns die Widerstände immer mehr angespornt.

Wuppertal – das deutsche San Francisco

Wuppertal ist mit 350.046 Einwohnern (31. Dezember 2015) die größte Stadt und das Industrie-, Wirtschafts-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bergischen Landes. Die „Großstadt im Grünen“ liegt südlich des Ruhrgebiets und ist als siebzehntgrößte Stadt Deutschlands eines der Oberzentren des Landes Nordrhein-Westfalen. (…) Aufgrund der erheblichen Höhenunterschiede gibt es zahlreiche steile Straßen und viele Treppen. Daher gilt Wuppertal als die Stadt Deutschlands mit den meisten öffentlichen Treppen und wird von Filmregisseur Tom Tykwer – ein gebürtiger Wuppertaler – als „San Francisco Deutschlands“ bezeichnet.

Quelle: Wikipedia

Viele Bürgerinnen und Bürger Wuppertals haben sich beteiligt. Wer hat da wie angepackt?

Carsten Gerhardt: Von Beginn an haben wir auf die Unterstützung tausender Bürger zählen können: Wir haben gemeinsam Müll gesammelt, die Trasse entholzt und gepflastert. Neben Geld wurde aus der Bürgerschaft also auch wertvolle „Muskelhypothek“ eingebracht!

Namentlich bekannt sind uns mehr als 5.000 Unterstützerinnen und Unterstützer. Außerdem haben wir große Unterstützung vom Jobcenter und verschiedenen Einrichtungen des zweiten Arbeitsmarktes  erhalten. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Mitstreiterinnen und Mitstreitern bildet den „inneren Kern“ der Wuppertalbewegung e. V. Sie organisieren und orchestrieren eine Vielzahl an unterschiedlichen Aktivitäten. Diese reichen von Führungen auf der Trasse über Veranstaltungen bis hin zu Maßnahmen zum Erhalt des Eisenbahncharakters der Strecke, also der Sanierung von Haltestellen und dem Betrieb einer Fahrraddraisine.

In den Reihen unserer Ehrenamtlichen sind alle Berufsgruppen vertreten, die man für die Umsetzung eines Großprojektes braucht: Designer, Architekten, Baufachleute, Wirtschaftsprüfer … Sie alle bringen sich ein.

Seit 2014 radeln jeden Tag viele Wuppertaler über die Trasse. Wie hat die Strecke das Leben in Wuppertal verändert?

Carsten Gerhardt: Seit ihrer Eröffnung 2014 ist die Trasse fester Bestandteil im Freizeitprogramm der Wuppertaler und auswärtiger Besucher. Man trifft sich auf der Trasse zu unterschiedlichsten gemeinsamen Aktivitäten wie Radfahren, Walken oder Inlineskaten. Die Trasse verbindet Stadtteile – viele Menschen gelangen zu Fuß an Orte, die sie früher selten bis nie besucht haben.

Radfahren ist mittlerweile eine weithin akzeptierte Fortbewegungsart. Aber das vermutlich Wichtigste ist, dass in Wuppertal nun ein hohes bürgerschaftliches Engagement  zu beobachten ist und verschiedenste Initiativen in den einzelnen Quartieren gestartet wurden. Vielleicht haben wir mit der „Nordbahntrasse“ als Projekt von Bürgern für Bürger auch diesen Initiativen etwas Mut gemacht, dass sie ihr Ziel tatsächlich erreichen können. Das würde uns zumindest sehr freuen!

Autorin: Wiebke Schönherr

Wir müssen auch im Bereiche Verkehr und Mobilität nachhaltig handeln. Das Fahrrad ist weltweit ein beliebtes und umweltfreundliches Fortbewegungs- und Transportmittel, aber auch Motor für wirtschaftliches und kulturelles Wachstum.

Ideen für eine nachhaltige Mobilität

Diskussion zum Thema nachhaltige Mobilität

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Community-Diskussion

November 2017

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Kommentare

Beatriz Acosta
16. Dezember 2017

Wuppertalbewebung is a superlative collective action to change the own environment. It shows a big deal of civic involvement and honesty to collect the money and follow the action plans. Also a big input of determination to face problems, budget needs and archieve goals.

Local Administrations play also a key role because they give the needed permissions to start and manage the projects.

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