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Gentrifizierung in Berlin: Wohnungen nur für Reiche?

Die Preise für Immobilien sind in Berlin in den vergangenen Jahren rapide angestiegen. Dadurch werden Menschen aus ihren Wohnungen verdrängt. Im Interview erklärt die Sozialgeographin Ilse Helbrecht von der Humboldt-Universität Berlin, wie Gentrifizierung entsteht und wie man sie bremsen kann.

In vielen Städten ist sie aktuell ein großes Thema: die Gentrifizierung. Dabei gibt es das Phänomen schon ziemlich lange. Den Begriff prägte die britische Soziologin und Städteforscherin Ruth Glass bereits in den 1960er Jahren. Sie beschrieb damit eine Entwicklung des Londoner Stadtteils Islington Ende des 19. Jahrhunderts: Wo zuvor hauptsächlich Arbeiter wohnten, siedelten sich zunehmend Menschen aus der bürgerlichen Mittelschicht an. Dadurch veränderte sich das soziale Gefüge im Stadtbezirk stark.

Die Berliner Sozialgeographin Ilse Helbrecht forscht an der Humboldt-Universität zur gegenwärtigen Gentrifizierung in Berlin. Dort steigen die Mieten seit Jahren stetig an. 2016 gab sie ein Buch  heraus, in dem über Berlinerinnen und Berliner berichtet wird, die aus ihrem Stadtbezirk verdrängt wurden und ihren Wohnort wechseln mussten. Im Interview spricht Ilse Helbrecht darüber, wie Gentrifizierung verläuft und was getan werden müsste, um sie zu bremsen.

Stadtentwicklung und Wohnungsmarkt in Berlin

Berlin ist eine stark wachsende Stadt: Mittlerweile leben 3,52 Millionen Menschen dort, so viele wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Inzwischen wächst die Stadt seit zehn Jahren kontinuierlich . Vor allem junge Menschen unter 30 Jahren zieht es in die Metropole.

Laut dem 2017 veröffentlichten Berliner Mietspiegel stieg die Durchschnittsmiete zwischen 2015 und 2017 von 5,84 Euro auf 6,39 Euro pro Quadratmeter, das heißt um 9,4 Prozent. Im Zeitraum 2013 bis 2015 hatte der Anstieg noch 5,4 Prozent betragen. Von der Preissteigerung sind besonders die Altbauten betroffen, also die Häuser, die vor 1918 gebaut wurden. Für jede vierte Mietwohnung galt im Jahr 2015 ein Quadratmeterpreis von mehr als 11 Euro. Diese Wohnungen befinden sich vor allem innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings sowie in „gehobenen Wohnlagen“ wie dem Stadtteil Steglitz-Zehlendorf. In der Innenstadt gibt es inzwischen kaum mehr Angebote unter 10 Euro pro Quadratmeter; Wohnungen für unter 7 Euro pro Quadratmeter stellten 2015 stadtweit nur noch 18 Prozent aller Mietangebote dar und befinden sich überwiegend am Berliner Stadtrand.

Frau Helbrecht, warum sorgt Gentrifizierung aktuell für so viel Aufregung?

Ilse Helbrecht: Weil es um Verdrängung geht. Ärmere Bevölkerungsschichten werden von reicheren Mittel- und Oberschichten aus den zentralen Lagen in den Städten verdrängt.

Wer verliert dadurch? Und wer gewinnt?

Ilse Helbrecht: Gewinner sind finanziell starke Mittel- und Oberschichten. Sie können sich aufgrund ihres höheren Einkommens die steigenden Mieten in den Innenstadtgebieten leisten. Verlierer sind Menschen mit niedrigerem Einkommen, wie Arbeiter oder Studierende. Dieser Teil der ansässigen Bevölkerung steht der Mietpreisspirale ohnmächtig gegenüber, weil diese Leute steigende Mieten und Kaufpreise nicht mehr bezahlen können.

Gibt es einen typischen Verlauf von Gentrifizierung?

Ilse Helbrecht: Ja und nein. Einerseits gibt es eine typische Entwicklung, wenn in verschiedenen Phasen Stadtviertel aufgewertet und damit gentrifiziert werden. Andererseits ist aber auch jedes Quartier individuell.

Gentrifizierung ist seit Jahren ein großes Thema gerade in Berlin. Wie läuft sie dort ab?

Ilse Helbrecht: In Berlin sind derzeit besonders viele vulnerable Bevölkerungsgruppen (beispielsweise Arbeitslose) den höchsten Mietpreissteigerungen in ganz Deutschland ausgesetzt. Gentrifizierung verläuft in Berlin deshalb massiv, umfassend und rapide. Das gesamte Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings, in dem circa eine Million Menschen leben, ist betroffen.

Was müsste getan werden, um die Gentrifizierung abzuschwächen?

Ilse Helbrecht: Die Preise für Grund und Boden in Städten dürfen nicht so schnell ansteigen. Dafür muss erstens die öffentliche Hand mehr Grundstücke besitzen, also Land kaufen. Nur so können mehr öffentlich geförderte Wohnungen entstehen, die günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen. Zweitens müssen alternative Modelle im Wohnungsmarkt gefördert werden, etwa Genossenschaften und gemeinnützige Wohnungsunternehmen.

Autorin: Wiebke Schönherr

Gentrifizierung – ein internationales Problem

Steigende Mietpreise, Verdrängung der ärmeren Bevölkerung – das gibt es in vielen Städten weltweit. Haben Sie auch Erfahrungen mit Gentrifizierung gemacht? Kennen Sie Beispiele, bei denen eine zu starke Verdrängung gebremst werden konnte? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und Beiträge in der Community-Gruppe „Städte im Wandel“!

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Januar 2018

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