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1. Preis Praxisprojekt Nachhaltigkeit: Nachhaltiger Stadtverkehr in Honduras

Lesen Sie nachfolgend die Zukunftsszenarien der Gruppe „Green Roads“ zum Thema Nachhaltiger Transport in Honduras.

von Andrés Felipe Caballero (Kolumbien), Irma Yadira Gámez (Honduras), Robert Baumgartner (Peru)

Trendszenario Honduras 2033: Die Stadt unserer Kinder

(Block 1:4 Minuten. Oxygène part 2, Jean Michel Jarre. Man hört fünf Sekunden vom Anfang. Die Lautstärke nimmt während der ersten Ansage des Sprechers ab. Zwischen der ersten und der zweiten Ansage wird die Musik lauter. Vor der zweiten Ansage wird die Hintergrundmusik ausgeblendet.)

[Eingangsmusik]

José: Guten Tag! Mein Name ist José Sierra und Sie hören die Ein-Uhr-Nachrichten auf H.R.B.N.-Radio

[Musik]

José: Heute beschäftigen wir uns mit einem Thema, das allen Honduranern Sorgen bereitet: mit der Umwelt. In Tegucigalpa herrschen schlimme Zustände. Durch die Luftverschmutzung liegt die Sichtweite am Flughafen der Hauptstadt bei weniger als einem Kilometer, deshalb wurden alle Flüge bis auf weiteres gestrichen. In der Stadt kann man nur wenige Meter weit sehen. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Marcelo Ruiz, sagte gestern, dass der Notstand wahrscheinlich noch bis Dienstag anhalten wird. Experten fügten hinzu, dass sich eine riesige Schmutzwolke über dem Landesinneren und den östlichen Landesteilen erstreckt und dass deshalb in diesen Regionen ebenfalls zahlreiche Straßen gesperrt und Flüge gestrichen wurden. Die Luftqualität in Tegucigalpa ist mittlerweile unter den schlechtesten der Welt, ebenso wie der Verkehr in der Stadt! Dem neuesten Bericht des Gesundheitsministers Mata Lonzano zufolge, sind Atemwegserkrankungen und Verkehrsunfälle heute die beiden häufigsten Todesursachen in der Stadt. In einem weltweiten Ranking zur Lebensqualität steht Tegucigalpa wegen Gewalt, Umweltverschmutzung und verlorener Zeit in Verkehrsstaus auf dem drittletzten Platz. Die beiden letzten Plätze werden übrigens von Fukushima und Tschernobyl belegt. Aber nun zum Wetterbericht mit Maria Rodriguez.

(Block 2: 15 Sek.)

Maria: Guten Tag! Ich habe heute tolle Nachrichten. Wir haben uns schon so lange darauf gefreut und heute Nachmittag könnte es endlich wahr werden: Gegen 16.35 Uhr könnte es sein, dass wir für ein paar Minuten die Sonne durch den Smog sehen! Dies wäre seit zwei Jahren die erste Sichtung über Tegucigalpa! Also, legen Sie Ihre Sonnenbrillen bereit und freuen Sie sich auf das Spektakel!

(Block 3: 15 Sek. Oxygène part 2, Jean Michel Jarre. Hintergrundmusik)

[Musik]

(Block 4: 3 Sek.)

(Block 5: 7 Min. Geräusche von Fahrzeugen, Hupen und protestierenden Menschen)

Helena: Hallo, José. Auf dem Boulevard Comunidad Europea, in der Nähe des Bancatlán-Platzes, hat es wegen der schlechten Sichtverhältnisse einen schrecklichen Unfall mit mehreren Fahrzeugen gegeben; dadurch ist hier kein Durchkommen mehr. Mindestens 155  Fahrzeuge, darunter Autos und Busse, waren in den Unfall verwickelt. Es sieht aus, wie die schlimmste Massenkarambolage seit Mai letzten Jahres, als 180 Fahrzeuge ineinander gefahren waren. Wir raten Ihnen, andere Straßen zu nutzen, wie zum Beispiel die Umgehungsstraße oder den Suyapa Boulevard. Auf der La Paz Avenue dauern die Bauarbeiten an, daher sind zwei Spuren in die östlichen Stadtteile gesperrt. Wie ist der Verkehr? Ziemlich zäh. Es sind schon sehr viele Fahrzeuge unterwegs und das wird am späteren Nachmittag noch schlimmer werden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf der La Paz Avenue liegt bei 12 km/h. Aber wir sollten daran denken, dass heute Nachmittag gegen 16:35 Uhr die Sonne zu sehen sein wird. Deshalb werden viele Menschen bestimmt schon früher nach Hause fahren, um das Spektakel mit ihren Familien zu erleben. Das will doch niemand verpassen! Also, wir sollten zwischen 15.00 und 16.00 mit erhöhtem Verkehrsaufkommen rechnen. Oh, was ist denn hier los? Es sieht aus wie eine Demonstration auf dem Boulevard Juan Pablo der Zweite. Dort hat sich eine große Menschenmenge versammelt und verursacht einen Stau! Wir nähern uns einmal und schauen, ob wir jemanden interviewen können. Vielleicht gehen wir besser einen anderen Weg. Hier sind wirklich sehr viele Demonstranten! Und hier ist Armando Guerra, der beliebte Anführer der NRO Saubere Luft. Armando: sie sprechen live mit Radio H.R.B.N. Können Sie unseren Hörern sagen, worum es bei dieser Demonstration geht?

Armando: Wir sind hier, um von der Regierung klare Maßnahmen gegen dieses ganze Chaos zu fordern. Die Straßen werden mit so vielen Autos einfach nicht mehr fertig. Viele von uns verschwenden jeden Tag fünf Stunden in Verkehrsstaus, von der giftigen Brühe, die wir atmen, ganz zu schweigen! Als ich klein war, war es ganz normal, über der Stadt Sonne und blauen Himmel zu sehen. Es gab damals keinen sauren Regen, der mittlerweile fast alle Pflanzen in unseren Parks und auf den Straßen vernichtet hat – es gibt heute nur noch künstliche oder genveränderte Pflanzen, denen der saure Regen nichts anhaben kann – es ist ein Skandal! Und so viele Leute werden durch den Smog krank! Ich leide an einer allergischen Bindehautentzündung und viele meiner Freunde leiden schon mit Mitte Zwanzig an Bronchitis! Und das Schlimmste: Bei meiner Nichte – sie ist erst zehn Jahre alt – wurde vor kurzem Lungenkrebs festgestellt! Wie weit soll das alles noch gehen, bis wir etwas unternehmen?

Die Krankenversicherung kann die vielen Fälle von Atemwegserkrankungen nicht bewältigen, deshalb werden viele Fälle gar nicht erst behandelt. Ich hatte gehofft, dass diese Regierung Strategien gegen den Verbrauch von Benzin und Diesel entwickeln würde, aber sie haben nichts unternommen und wir leben jetzt in einer Gaskammer! Außerdem verlangen wir nachdrücklich, dass die Regierung etwas gegen die mangelnde Sicherheit in unseren öffentlichen Verkehrsmitteln tut. Viel zu viele Morde bleiben ungestraft, zumeist wegen korrupter Polizisten! Wir müssen uns gemeinsam gegen diese Schande erheben!

Helena: Vielen Dank, Armando. Das waren Statements von Armando Guerra, dem Leiter der NRO Saubere Luft. Zurück ins Studio zu José Sierra.

(Block 6: 20 Sek. Oxygène part 2, Jean Michel Jarre. Hintergrundmusik)

José: Vielen Dank, Helena, für diese wichtige Information. Genau das brauchen wir in Tegucigalpa und im ganzen Land: aktive Menschen, die sich der katastrophalen Verkehrssituation bewusst sind und die etwas dagegen unternehmen. Zum Schluss haben wir noch den Kommentar des Tages, mit Lorenzo Vargas. Guten Tag, Lorenzo! Wie geht es Ihnen?

(Block 7: 5 Min. Oxygène part 2, Jean Michel Jarre. Hintergrundmusik)

Lorenzo: Sehr gut, José. Der Kommentar des Tages kommt aus London. Vom Proud Institute, einem anerkannten Institut, dass sich mit Themen aus den Bereichen Mobilität, öffentliche Sicherheit und Umwelt beschäftigt, wurden soeben drei schockierende Tatsachen über Tegucigalpa veröffentlicht: Erstens wurden in den letzten zwanzig Jahren durch Verkehrsstaus Produktivitätsverluste in Höhe von 51 Milliarden Dollar verursacht und diese Verluste werden sich noch erhöhen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Verkehrsbelastung im Ballungsraum der Hauptstadt fast verdreifacht. Zweitens hat Honduras weltweit die höchste Tötungsrate. San Pedro de Sula und Tegucigalpa sind die gefährlichsten Städte, bei circa 200 Mordfällen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Drittens hat der Mangel an öffentlichen Richtlinien, die den Verbrauch von Kohlenwasserstoffen im Transportsektor reduzieren oder ersetzen sollten, in den letzten 20 Jahren die unglaubliche Summe von 2,5 Milliarden Dollar gekostet.

Unterdessen ignorieren die Obrigkeiten weiterhin die Berichte und ergreifen keinerlei notwendige Maßnahmen. Energiekrise! Umweltkrise! Gesundheitskrise! Sicherheitskrise! Niemand unternimmt etwas, niemand ist Schuld – außer der vorherigen Regierung! Was halten Sie davon, José?

(Block 8: 15 Sek. Musik)

José: Tja, Lorenzo, kein Kommentar! Vielen Dank für Ihren sehr zutreffenden Beitrag. Und das also die Ein-Uhr-Nachrichten. Schalten Sie um zwei Uhr gerne wieder ein, um die neuesten Schlagzeilen zu hören. Mein Name ist José Sierra, danke, dass sie H.R.B.N. hören – und vergessen Sie heute Nachmittag nicht Ihre Sonnenbrille!

Zielszenario Honduras 2033: Wie konnten die Verkehrsstaus in Tegucigalpa durch Gelenkbusse beendet werden?

Von: Sam Gomes
Datum: Mi, 20.Apr, 2033 23:51:16 -0600
An: Annika Hartmann 

Hallo Annie,

Danke für Deine Nachricht! Du würdest Tegucigalpa nicht wiedererkennen! Diese Stadt, die 2013 noch unter grassierender Kriminalität, verstopften Straßen, verschmutzter Luft und unzähligen weiteren Schwierigkeiten zu leiden hatte, hat sich wirklich zum Besseren verändert. Bei Deinem ersten Besuch damals erlebten wir eine lateinamerikanische Stadt, die wegen gleichgültiger Verwaltungen, mörderischer Kriminelle und demagogischer Politiker alle möglichen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten erleiden musste. Was mich damals erstaunte, war, dass die Bewohner von Tegucigalpa trotz aller Härten einen großen Willen an den Tag legten, mit scheinbar unendlicher Kreativität und großem Einfallsreichtum an ihr Ziel zu gelangen.Schon eine Spur von Initiative kann große Veränderung bewirken. Tegucigalpa ist hierfür ein klares Beispiel: Heutzutage gibt es viel mehr grüne Gebiete und von Bäumen umsäumte Straßen als zuvor. Die Behörden und die Einwohner respektieren und schützen den öffentlichen Raum und die honduranischen Gesetze. Die Menschen haben weniger Stress, weil sie ihre Fahrten in die Stadt mit Software für Smartphones und Computer planen können, die ihnen verlässliche Echtzeit-Informationen über die Straßenverhältnisse und die beste Route zu ihrem Ziel liefert.

Kommunen, Privatwirtschaft, Universitäten, NROs und begeisterte Bürger haben gemeinsam langfristige Bildungskampagnen über die Bedeutung von Verkehrsregeln, die Umwelt, Bürgerschaftlichkeit, Straßensicherheit, Mechanismen der bürgerlichen Teilhabe, Dezentralisierung der Verwaltung und Abfallentsorgung umgesetzt. Außerdem gibt es zeitnahe öffentliche Bekanntmachungen zu den Fortschritten der Stadt in Sachen Mobilität und Umwelt, mit Unterstützung eines einzigen und inklusiven Planungsbüros (und nicht, wie vor zwanzig Jahren, von zehn oder zwanzig sich voneinander abgrenzenden und zerstrittenen Büros).

Verkehrsstaus und baufällige Gebäude an Hauptstraßen gehören schon lange der Vergangenheit an: Es gibt viel weniger Autos, Taxis und Busse, wir atmen sauberere Luft und es gibt viele Gebiete in der Stadt, in denen Fahrzeuge nicht erlaubt und die Geschäfte trotzdem gut besucht sind (im Gegensatz zu den Befürchtungen der Geschäftsinhaber).

Ich bin besonders von dem integrierten Personentransportsystem beeindruckt. Die Stadt verfügt über neueste Gelenkbusse mit hoher Kapazität, die eine schnelle, bequeme und sichere Personenbeförderung im ganzen Stadtgebiet bieten. Anders als in anderen lateinamerikanischen Städten wie Curitiba, Bogota oder Lima haben diese Busse Solarzellen auf den Dächern, fahren leise und werden von Menschen aus allen sozialen Schichten genutzt, auch von reichen Einwohnern. Weißt Du noch, wie die Busse in Tegucigalpa früher waren? Sie waren heruntergekommen, machten eine Menge Dreck, die Passagiere waren fast ausschließlich aus den niedrigen sozialen Schichten und die Fahrer hatten einen ganz schlechten Ruf, weil sie ungepflegt waren, rücksichtslos und aggressiv.

Heute fahre ich mit dem Bus und bin immer noch erstaunt, wenn mich der Fahrer höflich begrüßt oder wenn ich mir die ergonomischen Sitze anschaue und wahrnehme, wie leise sich die Busse bewegen (sie sind jetzt alle strombetrieben) oder dass gar keine giftigen Gase von der Straße in den Bus dringen.

Die Bushaltestellen sind gut ausgestattet und überdacht, um die Passagiere vor Regen und Sonne zu schützen. Und auch behinderte Menschen können gut einsteigen. Außerdem sind sie, finanziert aus öffentlichen und privaten Mitteln, aus umweltfreundlichen und nachhaltigen Materialien gebaut. An den Bushaltestellen wurden Überwachungskameras angebracht, die auch Gesichter erkennen können. Das hat dazu beigetragen, dass der öffentliche Nahverkehr und die Stadt im Allgemeinen viel sicherer sind, als zuvor und dass die steigende Mordfallrate endlich umgekehrt werden konnte.

Die Leute haben früher zwei Stunden auf verstopften Straßen verbracht, wenn sie vom Stadtinneren in die Vorstädte fahren wollen, erinnerst Du Dich noch? Heute fährt man 25 Minuten lang bei Tempo 30. Toll, oder? Außer den Gelenkbussen gibt es auch noch normale Busse und Taxen, die auf Zusatzstraßen fahren. Es sind viel weniger als früher und auch sie sind in jeder Hinsicht enorm verbessert worden.

Durch eine Maßnahme der Regierung zur Förderung von Telearbeit durch Steueranreize konnte der Individualverkehr bedeutend reduziert werden. Ein Großteil des Dienstleistungsangebots (der Teil, der am leichtesten von zu Hause aus erledigt werden kann) wird heute von Leuten bearbeitet, die zu Hause arbeiten und deshalb nicht jeden Tag ins Büro fahren müssen. Diese Entwicklung wurde zusätzlich von großen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen in ein hochmodernes, ultra-schnelles Internet-Netzwerk unterstützt. Weißt Du noch, Annie, wer früher jeden Tag sechs Stunden im Auto gesessen hat, um in sein Büro in der Bank zu kommen? Jetzt arbeitet er zu Hause und kann die Zeit mit seiner Familie und seinen Freunden verbringen.

Was mir noch positiv auffällt, ist der Gebrauch von Fahrrädern und die völlige Abwesenheit von Müll auf der Straße. Niemand wirft einfach etwas in Parks oder auf den Straßen weg – ganz im Gegensatz dazu, wie es früher war. Ich habe mich mit den Anwohnern unterhalten und sie haben mir erklärt, wie wichtig der Abfall für die Gewinnung von Strom und für die Bussysteme ist. Die Busse sind batteriebetrieben und die Batterien werden mit Strom aus Solarzellen und aus der Verbrennung von Bio-Müll gespeist.

Wer Abfall auf der Straße oder im Park wegwirft, muss eine Strafe zahlen, mehrere Stunden Sozialdienst zahlen (je nach Schwere des Vergehens) und einen Kurs in bürgerlichem Verhalten und Umweltschutz absolvieren. Kurz, der Abfall hat ganz klar die Seiten gewechselt: Anstatt die Umwelt zu schädigen, ist er nun ein wichtiger Verbündeter der Stadt im Kampf gegen den Klimawandel und die Verschlechterung der Umwelt.

Andererseits haben heutzutage dank einem dichten Netz von Fahrradwegen, das ganz Tegucigalpa überzieht, Fahrräder eine führende Rolle im Personenverkehr eingenommen, ganz ähnlich wie in Europa. Studenten, Büroangestellte, Geschäftsführer und sogar führende Politiker nehmen sich an den Fahrradstationen neben den größeren Bahnhören Räder, ein kostenloser Service der Stadt, der zu mehr sportlicher Betätigung und zu noch weniger Straßenverkehr führen soll.

Du wirst es kaum glauben. Das moderne Transportsystem hat das Gesicht der Stadt grundsätzlich verändert. Ich hoffe, Du kannst mich bald besuchen und die Veränderungen mit eigenen Augen sehen.

Viele Grüße,

Sam

Video - Stadtverkehr in Honduras im Jahre 2033

November 2013

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