1 Finde ich gut

Die „Müllkönigin“ von Sri Lanka

Dr. Ajantha Perera hat den Müllbergen in Sri Lanka den Kampf angesagt und in der Bevölkerung ein Bewusstsein für Recycling geschaffen. Nun will sie mit anderen ehemaligen DAAD-Geförderten globale Konzepte entwickeln.

Der Gestank des Verrottens. Fliegen. Dickes, schwarzes Wasser, das aus der Anhöhe sickert. „So also sieht die Hölle auf Erden aus“, dachte Dr. Ajantha Perera, während sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte, auf diesen rutschigen Hügeln – den Müllhalden von Sri Lanka nahe der Hauptstadt Colombo. „Zum Glück hatte ich in England Schlittschuhlaufen gelernt, das schult die Balance“, erzählt sie heute.

„Ich sah Menschen dort, gekleidet in Lumpen“, erinnert sie sich. „Ich konnte sie nur vom Müll unterscheiden, weil sie sich bewegten.“ Perera erkannte ein Problem, das sich direkt vor ihren Augen türmte. „Und niemand fühlte sich dafür verantwortlich.“ Sie sagte sich: „Wozu soll mein Doktortitel gut sein, wenn ich dieses Problem nicht lösen kann?“

„Die Müllhalde wurde zu meiner Universität“

Gut 25 Jahre ist das nun her. Perera war gerade aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt, als frisch promovierte Umweltwissenschaftlerin. Sri Lanka befand sich zu dieser Zeit mitten in einem blutigen Bürgerkrieg, doch die Forscherin ließ sich nicht abschrecken. Immer wieder fuhr sie zu den Müllhalden von Meethotamulla am Stadtrand von Colombo. Um mit den Menschen zu sprechen, die dort im Unrat anderer stocherten. „Ich lernte sehr viel. Die Müllhalde wurde zu meiner Universität.“

Die Müllsammler suchten nach Papier, Glas, Plastik, Blechdosen und Autoreifen, um dafür von den Recyclingzentren etwas Geld zu bekommen. Eines Tages kam ein Zeitungsreporter vorbei und fragte Perera, warum sie sich auf schmutzigen, stinkenden Abfalldeponien herumtreibe. In der Wochenendausgabe erschien ein Artikel über sie, mit Foto. Es folgten Anfragen von Fernsehstationen. Ajantha Perera wurde über Nacht berühmt.

Gott habe ihr den Weg zu den Müllhalden gewiesen, erzählt Perera, die in England den christlichen Glauben angenommen hatte. Im Fernsehen sprach sie über Umweltschutz und Recycling und brachte die Müllsammler vor die Kamera. Man nannte Perera die „Garbage Queen“ – die „Müllkönigin“.

„Zuvor wussten die Menschen kaum, was das Wort Umwelt bedeutet“, so Perera. Es gab kein Bewusstsein für die Bedeutung und den Wert der Natur – und in der singhalesischen Sprache nicht einmal ein Wort für Recycling. Perera schuf eines: „Prathichakkrikaranaya“, eine Zusammensetzung aus „prathi“ für „wieder“ und „Chakkraya“ für „Kreislauf“. Sie sprach mit Müllsammlern und Ministern, mit Vertretern von Schulen, Universitäten, Religionsgemeinschaften, Institutionen und ländlichen Kommunen, sie machte sich an allen Fronten stark für ihre Sache. Und das, während in Sri Lanka Bürgerkrieg herrschte. Sie erzählt, wie sie als singhalesische Frau sogar ins Lager der paramilitärischen Tamil-Tigers-Kämpfer spazierte und deren Anführer bat, doch bitte kein Polyethylen für die Dekorationen zu verwenden, um Kunststoffmüll zu vermeiden.

Zum Studium nach München

In ihrer Kindheit erlebte Ajantha Perera Sri Lanka als große, schöne und heile Welt. Weite Reisfelder, Gummi- und Jackfruitbäume, Wassertümpel. Dann lebte die Tochter eines Diplomaten zwei Jahre lang mit ihrer Familie in Indien, anschließend ging es nach Großbritannien. In Sheffield absolvierte sie ihr Studium der Biochemie und Physiologie. Zurück an der University of Colombo hörte sie von der Möglichkeit, mithilfe eines Stipendiums des DAAD in Deutschland zu studieren. Sie bewarb sich mit Erfolg: An der Ludwig-Maximilians-Universität in München machte sie ihren Master und promovierte. Ihr Wissen und ihr Abschluss in Umweltwissenschaften sollten gleich nach ihrer Rückkehr in die Heimat Früchte tragen.

Nicht alle seien entzückt gewesen über diese Frau, die die Dinge beim Namen nannte, die Politiker und Gesellschaft öffentlich zur Rechenschaft ziehen wollte. „Einige machten Witze über mich, wollten mich kleinmachen, sagten, ich wolle nur berühmt sein, und ich solle aufhören, im Fernsehen aufzutreten“, erzählt sie. Doch es gab auch solche, die ihr den Rücken stärkten: „Die Medien wandten sich nie gegen mich. Und im Jahr 2011 nominierte mich die Amerikanische Botschaft Sri Lanka als ,International Woman of Courage of Sri Lanka‘ – als mutigste Frau Sri Lankas.“

Ajantha Perera kam der Lösung des Problems Schritt für Schritt näher. Sie entwickelte ein nationales Müllverwertungsprogramm, brachte Kommunen zusammen, um Recyclingsysteme zu etablieren und dafür Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Sie wurde zur Beraterin des neuen Umweltministers.

„Wir brauchen Vordenker“

Dr. Ajantha Perera wurde 1960 in Sri Lankas Hauptstadt Colombo geboren. Als Tochter eines Diplomaten wuchs sie in Sri Lanka, Indien und England auf. Ihr Studium in Biochemie und Physiologie an der University of Sheffield schloss sie mit dem Bachelor of Science ab. 1987 kam sie mit einem DAAD-Stipendium an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo sie ihren Master und 1992 ihre Promotion in Umweltwissenschaften absolvierte. Zurück in Sri Lanka gründete sie 1993 das National Program on Recycling of Solid waste und war von 2007 bis 2013 Beraterin des Umweltministers. Seit 2013 arbeitet sie als Assistenzprofessorin für Umweltwissenschaft an der Fiji National University. Sie ist Mitglied des National Environment Council von Fidschi und Gründungsmitglied der Green Scouts Movement of Fiji. Ajantha Perera ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Assistenzprofessorin auf den Fidschi-Inseln

Inzwischen erstreckt sich Pereras Engagement schon lange nicht mehr nur auf die Müllhalden Sri Lankas. Vor fünf Jahren nahm sie auf den Fidschi-­Inseln einen Job als Assistenzprofessorin für Umweltwissenschaft an der dortigen Universität an. Außerdem ist sie Mitglied des National Environment Council des Landes.

Im Mai 2018 reiste sie nach Vietnam, als Initiatorin des Umweltschutzwettbewerbes „Green Champions of South-East Asia“, der vom DAAD in Hanoi ausgelobt wurde. DAAD-Alumni waren dazu aufgerufen, ihre „grünen“ Projekte einzureichen. „Hier kommen Leute zusammen, die Lösungen bieten. Nachhaltige, kosteneffektive, messbare Lösungen, die auch anderswo anwendbar sind“, sagt Perera. Die große DAAD-Alumni-Gemeinschaft sei ein guter Nährboden dafür, Expertisen zu entwickeln und zu vermitteln. „Wir brauchen Vordenker im Umweltschutz“, sagt Perera, „Menschen, die Veränderungen bewirken“. Menschen wie die „Müllkönigin“.

Autorin: Anemi Wick, LETTER, Ausgabe 02/2018

LETTER – Das Magazin für DAAD-Alumni erzählt spannende Geschichten aus Wissenschaft, Kultur, Deutschland und dem DAAD-Alumni-Netzwerk.

Mit ihrer Stiftung „Sauti Kuu“ fördert Auma Obama Kinder und Jugendliche in ihrer Heimat Kenia. Die Deutschland-Alumna ist überzeugt, dass jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen kann – mit der richtigen Unterstützung.

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September 2018

Kommentare

Hassan
30. September 2018

Saludo

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