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Nachhaltig grillen: So landet der Regenwald nicht auf dem Grill

Grillkohle kommt teilweise aus tropischen Regionen und trägt dort möglicherweise zum Raubbau bei, warnen Umweltschützer. Es gibt Alternativen, die das Grillfest umweltfreundlicher machen sollen. Wie gut sind sie?

"Sie sind keine Vegetarierin, oder?", fragt Mario Sacilotto besorgt. Ein Ökofritze ist der deutsche Unternehmer mit den italienischen Wurzeln nicht gerade. Vor allem liebt er Steaks vom Grill, am besten in seinem Garten in Alfter zubereitet, in der Nähe von Bonn.

Auch wenn er ursprünglich nicht in der Öko-Szene beheimatet ist, so hat sein neues Start-up-Unternehmen "Grillmais" ihn jetzt mitten hinein katapultiert. Denn Sacilotto verkauft eine Alternative zur Grillkohle: Maisspindeln – das, was vom Maiskolben übrigbleibt, wenn man alle Körner abgeknabbert hat. Das ist umweltfreundlicher als Holzkohle, sagt er – und bringt nebenbei noch Vorteile für den Grillmeister mit sich.

Mario Sacilotto reißt einen Papiersack auf und schüttet Dutzende hellgelbe und rötliche Maisspindeln in seinen Grill. Dann gießt er Grillanzünder darüber und zündet alles an. Sofort beginnen die Maisspindeln zu brennen.

"Jetzt müssen wir nur 10 bis 14 Minuten warten, dann kann das Fleisch schon drauf", verspricht Sacilotto und betont, dass das für den kurzentschlossenen Griller viel praktischer ist. Holzkohle muss schließlich erst eine Stunde glühen, bevor man dran denken kann, Essen aufzulegen.

"Ich kenne diese Art zu Grillen schon von Kindheit an", erzählt der Halbitaliener. "Mein Onkel in Italien hatte immer ein Maisfeld, und wenn wir dort gegrillt haben, haben wir immer die Maisspindeln dafür benutzt." Als er vor kurzem wieder mit Freunden in Italien zum Urlaub war, dachte er daran zurück und fragte sich: Warum nicht die Maisspindeln als Kohleersatz in Deutschland verkaufen?

Sacilotto kauft die Spindeln jetzt in Italien, wo sie als Reste bei der Produktion von Maiskörnern für Dosenmais und Maismehl anfallen. Er  lässt sie verpacken, nach Deutschland transportieren und verkauft sie in Supermärkten und Baumärkten der Region sowie im Internet. Die brennbaren Maisspindeln preist er als umweltfreundliches Produkt an, dass dabei helfen soll. die Abholzung der Wälder für die Grillkohleproduktion zu stoppen.

Schmutzige Geschäfte mit Grillkohle

Die Deutschen lieben es zu grillen, und am liebsten auf Holzkohle. Die entsteht, wenn Holz unter Sauerstoffausschluss erhitzt wird.

Laut Johannes Zahnen, Holzexperte beim WWF, werden in Deutschland jedes Jahr 250.000 Tonnen Grillkohle verbraucht, hauptsächlich für Grillfeste. "Das entspricht 2 bis 10 Prozent des gesamten deutschen Holzverbrauchs", sagt er gegenüber der Deutschen Welle.

Vor kurzem ließen der WWF zusammen mit dem Norddeutschen Rundfunk 36 Kohleprodukte aus deutschen Super- und Baumärkten analysieren. Das Ergebnis: Die meisten enthalten Tropenholz. Das gilt selbst für Produkte mit FSC-Siegel des Forest Stewardship Council sowie solche, auf deren Verpackungen stand "nur einheimische Hölzer".

"Man darf nicht pauschalisieren. Nicht alles, was aus den Tropen kommt, ist illegal," sagt Gerald Koch, Wissenschaftler beim Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, das die Grillkohleanalysen durchführte. Als Beispiel nennt Koch eine Akazienart, die sich unkontrolliert in Nambia ausbreitet. Wenn diese Bäume gefällt und zu Holzkohle verarbeitet werden, sei das durchaus eine gute Sache. Auch gibt es durchaus nachhaltig bewirtschaftete Wälder in den Tropen.

Wissenschaftler am Thünen-Institut untersuchen die Kohle mit mikroskopischen Methoden und können anhand der noch vorhandenen Zellstruktur die einheimischen Hölzer genau bestimmen und von tropischen und subtropischen Arten sicher unterscheiden.

"Keine wissenschaftliche Methode der Welt kann aber die genaue Herkunft der Grillkohle nachweisen – ob sie aus einem geschützten Naturwald stammt oder von einer Plantage 50 Kilometer weiter", erklärt Koch. Hier müssen die Verbraucher auf die Aussagen der Hersteller und Händler vertrauen, und diese Informationen scheinen nicht vertrauenswürdig zu sein.

"Wenn etwas deklariert ist als 'nur aus einheimischen Hölzern' und wir finden darin Baumarten aus tropischen Gebieten, dann ist das verdächtig", bestätigt Gerald Koch.

"Kein Baum wird umgehauen, um Holzkohle zu machen", sagt hingegen Norbert Jedrau vom industrienahen Verband Barbecue Industry Association Grill (BIAG). Holzkohle werde immer aus Abfallstoffen hergestellt. Daher sei das Problem viel kleiner, als derzeitige Presseberichte es vermuten lassen.

Ein Schlupfloch im EU-Gesetz

Warum sind schmutzige Geschäfte mit Grillkohle aus Tropenholz in Europa überhaupt möglich? Sollte die EU-Holzhandelsverordnung das nicht unterbinden? Tatsächlich verbietet diese Verordnung allerdings nur das Importieren von Holz, das illegal geschlagen wurde. Holzkohle ist von der Verordnung ausgenommen. "Als die Verordnung gemacht wurde, hat man nicht dran gedacht, und es gab eh genug Baustellen", sagt Gerald Koch.

Drei junge Unternehmer aus dem Süden Deutschlands wollten sich damit nicht abfinden und haben Nero-Grillkohle, Deutschlands erste Grillkohle mit Naturland-Bio-Siegel auf den Markt gebracht. Das Holz stammt aus nachhaltig bewirtschafteten deutschen Wäldern.

"Auf einer Reise durch Ghana haben wir festgestellt, was hinter der Holzkohle in Europa steckt", erzählt Gründer Aaron Armah der DW. Als die Freunde durch das afrikanische Land reisten, sahen sie überall Kohlemeiler stehen und kamen mit den Menschen ins Gespräch. Sie sahen, wie sie Holz aus naturnahen Wäldern zu den Kohlemeilern schleppten, um dort Kohle für Europa herzustellen. "Selbst FSC ist kein verlässliches Siegel mehr, denn durch Korruption können die Kontrollmechanismen nicht mehr greifen," glaubt Armah.

Die drei Jungunternehmer bekommen ihr Holz aus dem Saarbrückener Stadtwald und lassen es in einem Betrieb in Frankreich zu Holzkohle verkoken. Das Werk produziert aus der Wärme, die bei dem Prozess entsteht, zusätzlich noch Elektrizität, erzählt Armah. "Mit unserer Kohle kann jeder ohne schlechtes Gewissen grillen."

Johannes Zahnen vom WWF unterstützt das Konzept hinter dem Start-up. "Das Risiko, dass in Deutschland Raubbau an Wäldern betrieben wird, ist sehr gering. Wenn sie kein Holz aus anderen Ländern dazu importieren – und davon gehe ich aus –, dann ist das eine gute Sache." Gleichzeitig gibt der WWF-Experte aber zu bedenken, dass die Mengen, die auf diese Art produziert werden können, wohl niemals für den deutschen Markt reichen können.

Alle möglichen Arten von Abfall

Inzwischen bieten mehrere Unternehmen angeblich nachhaltige Alternativen zur Holzkohle an. Die Firma Oliobric beispielsweise verkauft Briketts aus Olivenkernen. "Das ist die Biomasse, die übrigbleibt, wenn man Oliven für Olivenöl auspresst", erklärt Geschäftsführer Gerhard Erning der DW. "Die Masse wird getrocknet, unter Sauerstoffentzug verbrannt und in Grillbriketts gepresst. Sie brennen extrem heiß und lange."

So wie im Fall von Mario Sacilottos Maisspindeln ist die Idee an sich nicht neu. "Mein Geschäftspartner ist mit einer Griechin verheiratet, und in Griechenland benutzt man die Masse schon lange als probates Brennmittel, für den Ofen beispielsweise." Erning verkauft sein Produkt in deutschen Bio-Supermärkten und in großen Supermärkten in der Schweiz.

Darüber hinaus gibt es auch Holzkohlealternativen aus Kokosresten oder aus dem Holz von Weinstöcken, die eh regelmäßig gerodet werden müssen, um produktiv zu bleiben.

"Der Marktanteil an alternativen Brennstoffen wächst", sagt Norbert Jedrau von der BIAG, was an sich eine gute Sache sei. Er warnt allerdings vor Produkten, die nicht den Prozess einer Pyrolyse durchlaufen haben, also frisch vom Feld auf den Grill kommen – etwa Maisspindel und Weinreben. "In welchem Umfang sie beim Verbrennen oder Ausglühen Rückstände von Chemikalien (wie Pestiziden und Düngemittel) freisetzen ist bislang weder untersucht noch geklärt. Daher sehen wir in diesen beiden Produktgruppen derzeit keine wirkliche Alternative."

Also was jetzt?

Johannes Zahnen vom WWF ist vorsichtig und möchte lieber keine der Kohle-Alternativen empfehlen. "Man muss da immer genauer hinschauen, um nicht den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben", sagt er. "Ich möchte lieber keine Tipps geben, falls da doch irgendwo ein Pferdefuß ist." Eine Kokosplantage etwa könne gut da entstehen, wo vorher der schönste Regenwald stand.

Davon abgesehen bezweifelt Zahnen auch, dass die Mengen jemals ausreichen können. "Wir denken noch immer, dass die FSC-Zertifizierung das richtige Instrument ist für den Massenmarkt ist", sagt er. "Allerdings muss FSC jetzt nachlegen und in bestimmten Ländern stärker kontrollieren." Auch Norbert Jedrau von der BIAG sagt, dass die FSC-Standards stets erweitert werden und dass Siegel noch immer vertrauungswürdig genug sei. Greenpeace hingegen ist bereits im März aus FSC ausgestiegen, da "es die Rechte der Menschen nicht schützen und das Waldmanagement nicht ausreichend verbessern kann."

Wer sich wirklich um die Umwelt sorgt und "bei FSC Bauchschmerzen hat", der sollte beim Grillen besser auf Gas oder Elektro umsteigen, fügt Zahnen hinzu. "Denn die haben Hitze, wenn man sie auch wirklich braucht."

Für den Unternehmer Mario Sacilotto ist ein Gasgrill aber keine Alternative. Sein Steak, gegrillt auf glühenden Maisspindeln, ist inzwischen durch. Die Maisreste sind zu einer kleinen Menge Asche zerfallen, die Sacilotto jetzt mit Handbesen und Kehrblech auffegt und unter einem Busch auf seinen Rasen wirft. "Das ist ein guter Dünger", erklärt er und setzt sich hin, um sein Steak zu verspeisen. Mit Salat allerdings – so viel Grün muss sein.

Autorin: Brigitte Osterath

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht.

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Kommentare

El Sharif Ramires Provoste
1. August 2018

Ganz interessantes Thema. Menschen sind in der Lage, ständig neue Alternativen auszudenken. Immer wenn wir in Not sind, fällt uns etwas Neues ein und hier wird mit dem Kohleersatz ein Beispiel dafür ausfühlich vorgestellt.

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