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Klimaneutrales Reisen – ist das möglich?

Im vergangenen Jahr gab es so viele Flugreisen wie noch nie. Große Airlines konkurrieren mit Billiganbietern um Fluggäste, die Preise für Tickets werden günstiger. Das ist gut für die Passagiere, aber schlecht fürs Klima: Ein Flug von Deutschland auf die Kanaren und zurück stößt pro Person fast so viel CO2 aus wie ein durchschnittliches Auto in einem ganzen Jahr. Organisationen wie atmosfair oder myclimate nehmen vielen Reisenden das schlechte Gewissen, indem sie gegen Geldzahlungen Klimaschutzprojekte unterstützen. Alles Augenwischerei oder wirklicher Nutzen für das Klima? Wir schauen uns die Fakten genauer an.

Fliegen schädigt das Klima – so viel steht fest. Für einen Mittelstreckenflug von Hannover nach Teneriffa (ungefähr 6.000 Kilometer) werden pro Person knapp 1.600 Kilogramm CO2- Ausstoß berechnet. Zum Vergleich: Für die doppelte Strecke mit dem Auto (was etwa der durchschnittlichen Fahrleistung eines Jahres entspricht) werden etwa 2.000 Kilogramm CO2 ausgestoßen.

„Gibt es die Möglichkeit, mit der Bahn oder mit einem Bus zu reisen, sollte sie immer genutzt werden“, sagt Dr. Manfred Treber, der bei der Organisation Germanwatch als Klima- und Verkehrsreferent arbeitet. „Dadurch wird das Klima nicht annähernd so stark belastet.“ Eine Hin- und Rückfahrt von Berlin nach Köln zum Beispiel verbraucht mit der Bahn pro Person 42 Kilogramm CO2, mit dem Flugzeug sind es 300 Kilogramm. Und Dr. Treber lebt nach diesem Prinzip: Zum UN-Klimagipfel im November 2016 in Marrakesch reiste er von Bonn aus mit dem Zug  an. „Ich habe mir für die Hin- und Rückfahrt je einen Tag freigenommen und die Reise als einen kleinen Urlaub angesehen.“

Wer fliegen muss, sollte kompensieren

Aber nicht immer lässt sich eine Flugreise durch eine Bahn- oder Busfahrt ersetzen. Ziele, die weiter entfernt liegen oder für die eine Ozeanüberquerung notwendig ist, müssen oftmals angeflogen werden. Häufig kommt dann auch der Faktor Zeit ins Spiel, der alternative Reisemöglichkeiten nicht akzeptabel macht. „Wer das Fliegen nicht vermeiden kann, sollte seine Treibhausgas-Emissionen in jedem Fall kompensieren“, rät Treber.

Anders als Papst Franziskus, der Anfang Februar 2017 das Kompensieren von Treibhausgasen als „Ablasshandel“ bezeichnet hat, hält Treber die Kompensation durchaus für sinnvoll, weil real Emissionen eingespart werden. Allerdings sollte das Geld in Projekte investiert werden, die durch verbesserte Technologien oder durch die Erzeugung von Grüner Energie fossile Brennstoffe und damit Treibhausgase einsparen. Davon, mit dem Geld Bäume zu pflanzen, hält er nichts. „Ich warne vor Waldmaßnahmen“, sagt Treber. Denn: „Bäume können abbrennen, und dann werden mehr Treibhausgase freigesetzt als durch die Aufforstung kompensiert werden konnten.“

Deutschland-Alumnus Allan Mubiru arbeitet in Ruanda für die Firma atmosfair gGmbH, eine Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reise.

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Kompensation muss „ehrlich“ sein

Wer seine Flugreisen kompensieren möchte, kann das über Organisationen wie myclimate oder atmosfair tun. Dabei sei es aber wichtig zu prüfen, nach welchen Kriterien die Einwirkungen auf das Klima berechnet werden, sagt Treber. „Einige Fluggesellschaften machen zum Beispiel mit einem geringen Verbrauch von CO2 pro Passagier Werbung. Dabei teilen sie einfach den Treibstoffverbrauch durch die Anzahl der Fluggäste und kommen dann auf Werte wie drei Liter Kerosin pro Person.“

Dies sei so aber nicht korrekt: „Die CO2-Emissionen machen nur etwa ein Drittel der Klimabelastung aus, die das Fliegen verursacht. Die Kondensstreifen der Flugzeuge und die sich daraus bildenden Zirruswolken haben auch einen erheblichen Einfluss auf das Klima. Daher sollte der CO2-Ausstoß immer mit dem Faktor Drei multipliziert werden. Dann erhält man einen realistischen und ehrlichen Wert.“ Treber selbst bezeichnet das Unternehmen atmosfair dabei als „integer“ und weiß, dass hier der Kompensationswert nach diesem Prinzip berechnet wird.

Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. von August 2010 bezeichnet atmosfair und myclimate als „uneingeschränkt empfehlenswert“. Die Stiftung Warentest bewertet die Organisation atmosfair wegen ihrer Transparenz, Organisation und Kontrolle als „vertrauenswürdig“. Auch das Nachhaltigkeitsportal Utopia führt atmosfair und myclimate neben anderen Anbietern für CO2-Ausgleich in einer Bestenliste als besonders seriös auf. Alle Unternehmen, die in diesen Tests gut abschneiden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf den sogenannten „CDM Gold Standard“ setzen, den höchsten existierenden Standard bei Kompensationsprojekten.

Durch gute Vorbereitung und Auswahl von sozialverantwortlichen und umweltverträglichen Reisen können Sie bereits vor dem Urlaub den Grundstein dafür legen, dass Ihre Reise für Sie und auch für Ihre Gastgeber zum positiven, unvergesslichen Erlebnis wird.

Bildergalerie: 12 Tipps für Faires Reise

Wer fair und umweltbewusst reisen möchte, kann seinen Urlaub auch über einen Reiseveranstalter buchen, der für die Reise automatisch Kompensationen zahlt und die Reise nach Kriterien der Nachhaltigkeit zusammenstellt. Zum Beispiel haben sich im forum anders reisen mehr als 100 Reiseveranstalter zusammengeschlossen, die sich für nachhaltigen Tourismus engagieren.

Beim Thema klimaneutrales Reisen und CO2-Kompensationen gibt es jedoch noch großen Nachholbedarf. So nennt das Umweltbundesamt eine repräsentative Studie der Universität Kassel, die zeigt, dass bisher weniger als zehn Prozent der deutschen Verbraucher ihre CO2-Emissionen kompensieren. Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung ist das Thema demnach unbekannt.

Die Studie zeigt aber außerdem, dass CO2-Kompensationen andere direkte Klimaschutzaktivitäten nicht verdrängen. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Studie, die von der Universität Kiel und dem Umweltbundesamt durchgeführt wurde. Als Fazit wird hier festgehalten: Wer im Alltag ein klima- und umweltfreundlicheres Verhalten zeigt, zahlt auch eher einen Ausgleich für CO2-Emissionen.

Unser Interviewpartner Dr. Manfred Treber bewertet die folgenden drei umweltpolitischen Entwicklungen als die derzeit größten und wichtigsten für den Klimaschutz:

1. Kyoto-Protokoll von 1997

Das Kyoto-Protokoll gilt als Meilenstein in der internationalen Klimapolitik. Es wurde auf der dritten Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention in Kyoto 1997 verabschiedet und enthielt erstmals rechtsverbindliche Begrenzungs- und Reduzierungsverpflichtungen für die Industrieländer. Mittlerweile haben 191 Staaten das Protokoll ratifiziert, darunter alle EU-Mitgliedstaaten sowie wichtige Schwellenländer wie Brasilien, China, Indien und Südafrika. Die USA haben das Kyoto-Protokoll bis heute nicht ratifiziert. Kanada ist im Jahr 2013 ausgetreten.

Bundesumweltministerium (BMUB): Kyoto-Protokoll

2. Pariser Abkommen

Im Dezember 2015 einigten sich auf dem Klimagipfel COP 21 in Paris erstmals 195 Staaten auf ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das Aufgaben für alle enthält. Die Weltgemeinschaft verpflichtet sich darin einerseits auf Maßnahmen für ernsthaften Klimaschutz und das Ende von Kohle, Öl und Gas zur Mitte des Jahrhunderts. Andererseits hat sie ein Solidaritätspaket für diejenigen vereinbart, die von den Folgen des bereits stattfindenden Klimawandels besonders betroffen sind.

Germanwatch: COP 21 - der Weltklimagipfel 2015 in Paris

3. Deutscher Klimaschutzplan 2050

Der Klimaschutzplan gibt für den Prozess zum Erreichen der nationalen Klimaschutzziele im Einklang mit dem Pariser Abkommen inhaltliche Orientierung für alle Handlungsfelder: In der Energieversorgung, im Gebäude- und Verkehrsbereich, in Industrie und Wirtschaft sowie in der Land- und Forstwirtschaft.

Dialogprozess zum Klimaschutzplan 2050

März 2017

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