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Dürre, Hitze, schlechte Ernte: Bauern spüren den Klimawandel

Landwirte, nicht nur in Deutschland, müssen das Wetter lesen können, um ertragreich zu arbeiten. Im Hitzesommer 2018 merkten Viele, wie dringend ihre Arbeit an den Klimawandel angepasst werden muss.

Ein Bauernhof etwa 100 Kilometer nordwestlich von Berlin: Im Wohnzimmer des Hauses nimmt ein Holzklotz einen besonderen Platz ein. Darauf ein Sinnspruch von Johann Wolfgang von Goethe, der wie folgt lautet:

"Was du ererbt von deinen Vätern hast,
 Erwirb es, um es zu besitzen."

Diese Worte haben für den Landwirt Hans-Heinrich Grünhagen nicht nur eine historische, sondern auch eine familiäre Bedeutung. Er rezitiert sie, während er am Kopfende eines massiven Holztisches Platz nimmt. Schon in seinem Elternhaus waren Goethes Zeilen aus "Faust. Eine Tragödie" wegweisend.

In der Regel werden sie wie folgt interpretiert: "Was man erbt, kann man nur wirklich besitzen, wenn man es auch gut verwendet." Das erinnert auch Hans-Heinrich Grünhagen an die "Pflicht", sein Land sorgsam zu behandeln, damit es, wenn es an seine Kinder geht, in einem besseren Zustand ist, als zu dem Zeitpunkt, als er es übernommen hat.

Grünhagens Familie hat eine lange Tradition in der Landwirtschaft. Der elterliche Hof in Niedersachsen ist urkundlich im Jahr 936 erstmals erwähnt worden. Als es ihn selbst vor inzwischen 30 Jahren in den Osten des Landes zog, nahm Grünhagen die Tradition mit. Seitdem haben er, sein neuer Hof, das Dorf und Deutschland selbst einige einschneidende Veränderungen durchgemacht – politisch, sozial und vermehrt auch bezogen auf das Klima.

"Ich will gar nicht auf die Extreme eingehen", sagt der Landwirt im Gespräch mit der DW. "Die hat es immer gegeben. Aber mir fällt auf, dass die Vegetationszeit im Frühjahr früher los geht, selbst wenn der Winter so spät dran ist, wie in diesem Jahr, und es im Januar und Februar noch richtig kalt ist."

Verhängnisvoller Frost und drückende Hitze

Die Nutzfläche von Grünhagens Betrieb erstreckt sich über eine Fläche von 1.300 Hektar. Er bewirtschaftet sie teils organisch, teils in konventioneller Anbauweise. Insgesamt wachsen hier 19 verschiedene Kulturpflanzen, darunter Getreide, Erbsen, Hanf, Topinambur – ein Wurzelgemüse – und Mais.

Alle hatten unter der Trockenheit und Hitze dieses Sommers zu leiden. Auch die gewöhnliche Kartoffel.

"Die können das nicht ab. Temperaturen über 25 Grad, das mag keine Kartoffel. Sie wachsen dann nicht mehr richtig", sagt Grünhagen. Vor einigen Jahren, ergänzt er, habe er in ein Bewässerungssystem investiert. Das zahle sich nun aus. "Es nimmt zwar die Hitze nicht weg, aber die Pflanzen bleiben wenigstens am Leben."

Oft bleibe nur die Umstellung auf Sorten, die mit solchen Temperaturen umgehen können. Aber selbst das habe nicht funktioniert.

"Wir haben Mais gesät, aber es war so trocken, er hat nicht mal gekeimt. Ich habe nichts auf dem Feld."

Wenn Pflanzen doch keimen, ist trotzdem noch lange nicht sicher, dass es auch eine Ernte gibt. Schließlich kommt es auch im Frühling hin und wieder zu Nachtfrost. Manchmal ist der noch stark genug, um die jungen Keime zu zerstören, die sich wegen der wärmeren Tagestemperaturen schon nach draußen gewagt hatten.

"Die Vegetationszeit von Getreide ändert sich nicht", sagt Grünhagen. "Es fängt nur früher an zu wachsen. Die Ähre ist vielleicht schon im Halm drin und will irgendwann rauskommen. Falls mal Nachtfrost kommt, könnten die Ähren absterben und dann hat man gar nichts mehr."

Vom Samen zur Traube

Einige hundert Kilometer südwestlich vom grünhagenschen Hof befindet sich die Region Rheinhessen, die berühmt ist für ihren Weinanbau. Die Probleme, mit denen Adolf Dahlem zu kämpfen hat, sind denen weiter im Norden ganz ähnlich. Und sie seien "unbestreitbar" mit dem Klimawandel verbunden, so der Winzer.

"Der erste gravierende Jahrgang war 2003. Sonne pur über viele Monate, das war der Startschuss. Von da an hatten wir einige frühe und warme Jahrgänge, in denen wir die Ernte bei sehr hohen Temperaturen eingebracht haben." Diese Extrem-Jahrgänge gebe es immer öfter, so Dahlem.

Eine unermüdlich scheinende Sonne ist für Winzer nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Neben dem Problem früher keimender Pflanzen, die im Nachtfrost wieder eingehen, haben Weinbauern auch mit neuen Krankheitserregern zu tun. Außerdem müssen sie immer früher ernten.

Als Dahlem noch ein Kind war, wurde der Wein im Oktober geerntet. In den letzten Jahren war die Lese schon früher.

"Frühe Ernten im August oder September gehen einher mit hohen Temperaturen", so Dahlem. "Und wenn wir unsere Trauben bei hohen Temperaturen um die 30 Grad ernten, dann haben auch die Trauben und die Maische diese hohe Temperatur."

Deshalb versucht Dahlem, bei solchen Wetterlagen vor allem in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden zu ernten, um die "Harmonie aus Frucht und Säure" zu erhalten, für die der Riesling aus der Region so berühmt ist. Aber das, sagt der Winzer, sei ein "komplizierter, energieintensiver Prozess."

Einige Winzer weichen inzwischen auf andere Sorten aus. Sie versuchen etwa Rotweintrauben zu ziehen, die für diese Region eigentlich untypisch sind. Sein Weg sei das nicht, sagt Dahlem. In der Gemeinde bestehe stattdessen der dringende Wunsch, die Produktion des Rieslings zu erhalten.

"Wir werden versuchen, uns damit abzufinden", sagt er. "Aber es ist wirklich schwierig, das umzusetzen, was der Markt von uns erwartet."

Von Grund auf anders

Und dieses Dilemma gibt es überall in Deutschland. Auch der Landwirt Hans-Heinrich Grünhagen erwartet schwierige Zeiten und einen gewaltigen Ernterückgang von bis zu 50 Prozent.

"Das wird weitreichende Konsequenzen für die Agrarwirtschaft haben. Sowohl für diejenigen, die unser Getreide kaufen, aber auch für die Speisestärke-Fabrik, die unsere Kartoffeln verwendet."

Er könne nur versuchen, sich an die sich verändernden Bedingungen anzupassen, sagt er. Dazu gehöre, die am besten passenden Pflanzen zu säen, zu bewässern, wo und wann immer es geht, und dafür zu sorgen, dass der Boden so gesund wie möglich ist.

Wie drängend das Problem ist, weiß auch der Vorsitzende des Bundesverbandes der ökologischen Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix zu Löwenstein.

Seiner Meinung nach hätte das deutsche Landwirtschaftssystem schon vor geraumer Zeit von Grund auf neu gedacht werden müssen. Der Klimawandel sorge nun dafür, dass dieses Umdenken schneller und radikaler stattfinden müsse.

Angesichts immer häufiger auftretender Wetterextreme sei es unhaltbar, wenn "weiter so getan würde, als ob alles beim Alten bleiben könnte und es reicht, ab und an finanzielle Unterstützungen zu fordern, um uns am Leben zu halten."

Stattdessen seien langfristige Veränderungen notwendig, etwa eine Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit, ein höherer Humusgehalt und weniger verdichtete Böden. So könne dafür gesorgt werden, dass die Böden Wasser besser aufnehmen und speichern können. Außerdem brauche es eine größere Pflanzenvielfalt auf den Äckern und Veränderungen in der Fruchtfolge, um für die Zukunft fit zu sein.

Auf offene Ohren stieß er mit seinen Aussagen nicht bei allen Landwirten. Die Hitze der letzten Monate habe viele von ihnen in Existenzangst versetzt, sagt er.

"Sie verstehen es als einen Vorwurf", sagt zu Löwenstein. "Das macht mich traurig, denn das wollte ich gerade nicht."

Wie man die europäische Landwirtschaft neu denkt

Viel eher geht es ihm darum, das Ende dieses Sommers der Extreme als eine Art Katalysator für eine Diskussion über die Zukunft zu nutzen. Deshalb sieht zu Löwenstein Pläne der EU, ihre Agrarpolitik bis zum Jahr 2020 zu überarbeiten, als Chance, um mit der Zahlung von Subventionen auf Hektar-Basis aufzuhören, die derzeit üblich ist.

"Wir müssen zu einer Politik übergehen, bei der die Landwirte für den Service bezahlt werden, den sie anbieten", sagte er. "Also für Maßnahmen, durch die sich die Biodiversität erhöht und die Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion widerstandsfähiger wird."

Der Landwirt Grünhagen fürchtet dagegen das Ende vieler Betriebe, sollte das Subventionssystem wegfallen.

"Hier in der Region haben wir leichte Böden, auf denen die natürliche Ertragsfähigkeit relativ gering ist", sagt er. Für viele Landwirte seien die Subventionen eine Art Überlebenshilfe. Ohne sie, sagt er, "werden wir große, braune Flächen im Sommer haben", weil viele seiner Kollegen nicht weitermachen würden.

Damit es nicht dazu kommt, will er sein Land weiter nutzen, wie es das Goethe-Zitat auf dem Holzklotz in seinem Wohnzimmer nahelegt. Er werde es mit der gebotenen Sorgfalt bewirtschaften, verspricht er, damit es etwas gebe, das er an die nächste Generation weitergeben könne. Dem Klimawandel zum Trotz.

Autorin: Tamsin Walker

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht.

Oktober 2018

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