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Nach dem Krieg ist vor dem Frieden? Wie Kolumbien versucht, die Gewaltspirale zu durchbrechen

Auf dem Papier herrscht in Kolumbien Frieden, doch im Alltag des Landes muss er noch mühsam erarbeitet werden. Im Interview erzählt die GIZ-Friedensberaterin Anja Heuft, wie sie mit ihrem Team den Friedensprozess unterstützt.

Obwohl die Bevölkerung bei einem Referendum im Oktober 2016 den Vertrag zwischen dem kolumbianischen Staat und der Guerilla-Organisation FARC mehrheitlich ablehnt, schließen die beiden Parteien kurz darauf Frieden. Wir blicken auf die Entwicklung des Friedensprozesses seit der Volksbefragung zurück und fragen GIZ-Beraterin Anja Heuft, wie es dazu kam, dass in einer der ehemals gewaltreichsten Städte Kolumbiens heute wieder Feste gefeiert werden.

Fakten zum Friedensprozess in Kolumbien

Referendum – Oktober 2016: Der Schock unter den Befürwortern des Friedensvertrags zwischen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, auf Deutsch: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und dem kolumbianischen Staat ist groß: Die Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung lehnt mit ihrem Kreuz bei einem Referendum am 2. Oktober 2016 den Friedensvertrag ab. Die Gegner des Vertrages erreichen 50,23 Prozent und siegen so mit einem hauchdünnen Vorsprung. 

Nun wird nachverhandelt. Ende November 2016 einigen sich die FARC und die kolumbianische Regierung schließlich auf einen neuen Friedensvertrag. Ein weiteres Referendum findet nicht statt.  Für sein Engagement erhält Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos im selben Jahr den Friedensnobelpreis.

Friedensvertrag – Dezember 2016: Der 52 Jahre währende innerstaatliche Konflikt, der schätzungsweise mehr als 220.000 Tote forderte, ist Geschichte. Der Friedensvertrag zwischen dem kolumbianischen Staat und der FARC tritt am 1. Dezember 2016 in Kraft. Er sieht unter anderem vor, dass sich die FARC vollständig entwaffnet und vertriebene Bauern ihr Land zurückerhalten.  Um die Vergangenheit aufzuarbeiten, sollen eine Wahrheitskommission sowie eine Sonderjustiz für den Friedensprozess eingerichtet und mit einer Sondereinheit nach Verschwundenen gesucht werden.  

Entwaffnung – Juni 2017: Die UN gehen davon aus, dass alle ehemaligen FARC-Kämpfer nun entwaffnet sind. Demnach haben 6.800 Rebellen sämtliche 7.132 registrierten Waffen abgegeben. Die Waffen sollen eingeschmolzen werden, um aus ihnen Friedensdenkmäler zu errichten.  

Amnestie – Juli 2017: Für ihre politischen Straftaten gewährt Kolumbien 3.252 ehemaligen FARC-Kämpfern Amnestie. Schwere Straftaten wir Völkermord, Kriegsverbrechen oder Vergewaltigung sind davon allerdings ausgenommen.

Parteigründung – September 2017: Im Juni hatte FARC-Kommandeur Mauricio Jaramillo in Bezug auf die Entwaffnung seiner Kämpfer gesagt: „Heute treffen wir politische Entscheidungen und brauchen die Waffen nicht mehr“.  Kurze Zeit später, im September, gründet die FARC ihre eigene Partei: die Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (abgekürzt ebenfalls FARC, auf Deutsch: Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes). Ihr werden per Gesetz in den kommenden beiden Legislaturperioden  je fünf Sitze im Senat und im Abgeordnetenhaus zugesichert.  

1 Jahr nach dem Friedensvertrag: Auch wenn der Friedensprozess auf politischer Ebene kontinuierlich voranschreitet, sehen ihn viele Menschen in Kolumbien kritisch.  Einige ehemalige Rebellen sind untergetaucht und haben sich kriminellen Gruppierungen angeschlossen. Paramilitärische Gruppen, traditionell unterstützt von rechten und rechtsextremen politischen Kräften, dringen in ehemalige Einflussgebiete der FARC vor und bedrohen das Leben von Friedensaktivisten.  

Seit gut zwei Jahren leitet Anja Heuft das Friedensprogramm ProPaz der Deutschen Gesellschaft für Internationale zusammenarbeit (GIZ). Ihr Team unterstützt sowohl Politiker als auch NGOs und ehemalige Opfer dabei, den Friedensprozess voranzubringen. So etwa in Ocaña: Ein Teil dieser Stadt galt lange Zeit als „No-go-Area“, bis sich Politiker und Bürger gemeinsam an einen Tisch setzten und nach Wegen aus der Gewalt suchten.

Frau Heuft, im November 2016 unterzeichneten die FARC und die kolumbianische Regierung ein Friedensabkommen. Herrscht in Kolumbien nun Frieden?

Anja Heuft: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Einerseits hat sich vieles verbessert. Bereits durch den Waffenstillstand zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung im August 2016 ist die Gewalt in großen Teilen des Landes zurückgegangen und die Lebensumstände vieler Menschen haben sich deutlich verbessert. Das gilt allerdings nicht für alle Regionen. Die FARC hat keine territoriale Kontrolle mehr, seit sie ihre Waffen abgegeben hat. Dafür kämpfen nun andere  bewaffnete Gruppen darum, Gebiete zu kontrollieren, in denen zuvor die FARC das Sagen hatte. Für die dort lebende Bevölkerung hat sich somit bisher leider nur wenig verändert. Im Gegenteil, zum Teil hat die Gewalt sogar zugenommen und viele Aktivisten, die sich für den Frieden einsetzen, werden bedroht oder sogar umgebracht.

Ich bin beeindruckt davon, dass die Demobilisierung und Entwaffnung der FARC-Kämpfer relativ reibungslos abgelaufen ist. Innerhalb eines halben Jahres haben sich die Guerilleros in 27 Übergangszonen gesammelt und ihre Waffen an eine UN-Mission übergeben. Es war eine echte Herausforderung, diese Kämpfer, von denen einige 20 bis 30 Jahre lang Mitglied der Guerrilla waren, nun zügig die Waffen abgegeben zu lassen. Das verdient Anerkennung, sowohl für die FARC als auch für die kolumbianische Regierung.

Seit 2015 ist Anja Heuft Projektleiterin des GIZ-Projekts ProPaz in Kolumbien. Bevor sie sich in dem südamerikanischen Land für die nachhaltige Friedenssicherung einsetzte, war sie – ebenfalls für die GIZ – in Kamerun tätig. Dort leitete sie ein Programm zur Kommunalentwicklung und engagierte sich unter anderem dafür, in Kommunen die Verwaltungen zu professionalisieren und die Bürgerbeteiligung zu stärken. Anja Heuft ist studierte Ökonomin mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in Krisen- und Konfliktkontexten. Bevor sie anfing, bei der GIZ zu arbeiten, war sie mehrere Jahre für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Mexiko und Nepal.

Ein Beispiel für eine positive Entwicklung ist Ocaña, eine mittelgroße Stadt im Norden des Landes. Die GIZ engagiert sich dort mit ihrem Friedensprogramm ProPaz, das Sie leiten. Wie hat sich der Ort in jüngster Zeit gewandelt?

Anja Heuft: Vor einiger Zeit bat uns die Bürgermeisterin von Ocaña um Unterstützung beim Thema „Gewaltprävention“. Dazu muss man wissen: Die Gegend ist eine der meist umkämpften Zonen Kolumbiens. Hier treffen die unterschiedlichsten Konfliktdynamiken aufeinander: Acht bewaffnete Gruppen agieren in der Region. Die Stadt ist ein Zufluchtsgebiet sowohl für Vertriebene innerhalb Kolumbiens als auch für Geflüchtete aus Venezuela. Diese Menschen leben in teilweise sehr prekären Verhältnissen und das Gewaltpotenzial ist besonders hoch.

Vor allem der Stadtteil Santa Cruz war von der Gewalt betroffen. Jahrelang war er aufgrund der Gefahrenlage praktisch unzugänglich für Lokalpolitiker und Mitarbeiter von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Unterstützt von ProPaz haben sich die Bürgermeisterin, regionale und lokale Politiker und Bürgerinnen und Bürgern aus dem Stadtteil zusammen an einen Tisch gesetzt und gemeinsam darüber diskutiert, wie der Gewalt ein Ende gesetzt werden kann. Aus diesen Treffen ist ein gemeinsamer Plan mit Arbeitsschritten entstanden, um die Situation zu verbessern. 

Vor drei Monaten haben schließlich die Bürgerinnen und Bürger von Santa Cruz ein Gemeindefest organisiert, um ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen. Rund 700 Menschen aus anderen Stadtteilen feierten mit. Unter den Besuchern war auch die Bürgermeisterin, die den Stadtteil seit 20 Jahren nicht betreten hatte.

Was genau hat geholfen, um den Stadtteil friedlicher zu machen?

Anja Heuft: Wir haben alle gemeinsam analysiert, wo die Gewaltpotenziale und die Risiken liegen. Beispielsweise haben wir uns die Beleuchtung der Straßen angeschaut und verbessert. Darüber hinaus wurden diverse Projekte mit Jugendlichen angestoßen. Speziell über den Sport haben wir versucht, Werte wie Respekt und Miteinander zu vermitteln und gewaltfreie Methoden der Konfliktlösung zu üben. Das hat eine Dynamik ausgelöst, die ich persönlich faszinierend finde: Die Polizei patrouilliert wieder und es gibt immer mehr Bewohner, die sich in gewaltpräventiven Maßnahmen engagieren. Sie haben beispielsweise Fußballspiele organisiert und Straßenlaternen aufgestellt. Viele meinen, die Bevölkerung fühle sich zum ersten Mal seit Jahren wieder ernst genommen.

Sie vermitteln zwischen Menschen, die sich misstrauisch bis feindselig gegenüberstehen. Welche Eigenschaften braucht es, um Friedensprozesse unterstützen zu können?

Anja Heuft: Wir verstehen uns als Berater für Frieden und leisten Hilfestellung für eine friedliche und respektvolle Kommunikation. Die eigentliche Energie aber geht von den Leuten aus, die beraten werden. Wir kommen also nicht mit eigenen Ideen an, sondern wir versuchen, laufende Prozesse zu unterstützen und uns an die konkreten Bedarfe anzupassen.

Wichtig ist es, zugewandt  zu sein und den Menschen offen zu begegnen, eine Sensibilität für Gruppendynamiken mitzubringen und in der Lage zu sein, sich auch herausziehen zu können. Es bringt nichts, etwas von oben herab zu diktieren. Sondern es gilt, mit kritischen Fragen den Prozess zu moderieren und voranzubringen.

Nach jahrzehntelangen Konflikten ist in Bürgerkriegsländern der Weg zum Frieden oft weit. Wie findet man einen Kompromiss unter Berücksichtigung der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen? Was ist aus Ihrer Sicht für die beteiligten Parteien wichtiger: Wiedergutmachung und Aufklärung oder Bestrafung? Kennen Sie Friedensinitiativen, die bewaffnete Konflikte erfolgreich beigelegt haben? Erzählen Sie uns davon in der Community-Gruppe „Nachhaltigkeit / Sustainability“!

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Autorin: Wiebke Schönherr

April 2018

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