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Städtepartnerschaften: Die größte Friedensbewegung der Welt?

Bereits im neunten Jahrhundert wurde die deutsch-französische Städtefreundschaft zwischen Paderborn und Le Mans erwähnt, offizielle Verträge über Städtepartnerschaften gibt es aber hauptsächlich seit dem 20. Jahrhundert. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg dienten Partnerschaften zwischen Städten verschiedener Länder als Instrument der Friedenssicherung.

Am 22. September 2017 war es so weit: In einer festlichen Zeremonie im Kieler Rathaus unterschrieben Kiels Stadtpräsident Hans-Werner Tovar und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer gemeinsam mit Edwin M. Lee, dem Bürgermeister von San Francisco, eine Grundsatzvereinbarung über die künftige Zusammenarbeit. Die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins und die US-amerikanische Stadt sind nun offiziell Partnerstädte.
Das Besondere daran: Kiel ist die erste deutsche Partnerstadt San Franciscos und wird wohl auch die einzige bleiben – denn die kalifornische Metropole schließt nur je einen Partnerschaftsvertrag pro Land ab. Die beiden Städte planen Kooperationen in den Bereichen Wirtschaftsentwicklung, Bildung, Klimaschutz, Tourismus, Wissenschaft und Digitalisierung.

Gründe für Städtepartnerschaften

Weltweit gibt es mehr als 15.000 Städtepartnerschaften, zumeist über Ländergrenzen hinweg. Deutschland allein zählt über 5.000. Die Zahl der informellen Partnerschaften dürfte in beiden Fällen noch weitaus höher liegen. Der wirtschaftliche und kulturelle Austausch – wie ihn auch Kiel und San Francisco planen – ist heute wohl einer der Hauptgründe, warum sich Städte Partner in anderen Ländern suchen. Darüber hinaus werden Städtepartnerschaften aber auch als größte Friedensbewegung der Welt bezeichnet.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die meisten Städtepartnerschaften in Europa entstanden, war das vorrangige Ziel all dieser Partnerschaften die Sicherung des Friedens in Europa. So gründeten 1951 insgesamt 50 Bürgermeister deutscher und französischer Städte in Genf (Schweiz) den „Rat der Gemeinden Europas“, der seit 1984 „Rat der Gemeinden und Regionen Europas“ (RGRE) heißt.

„Sein Ziel war die Annäherung und Verständigung der Völker Europas zu einem Zeitpunkt, zu dem die Idee eines vereinten Europas noch nicht im Zentrum der politischen Debatte stand.“


Quelle: Rat der Gemeinden und Regionen Europas – Der RGRE stellt sich vor

Durch den Austausch, das gegenseitige Kennenlernen, das Erlernen der jeweils anderen Sprache und durch freundschaftliche Beziehungen konnte in den vergangenen Jahrzehnten ein großer Beitrag zum Gelingen der europäischen Integration geleistet werden. Denn: Wenn man jemanden gut kennt, dessen Sprache spricht und sich ihm vielleicht freundschaftlich verbunden fühlt, dann wird man dessen Kultur und Land mit Respekt und nicht mit Waffen begegnen.

Häufig weisen die beiden Partnerstädte Gemeinsamkeiten auf:

  • Sie haben eine ähnliche Infrastruktur und sind zum Beispiel beide Hafenstädte – so wie Hamburg und St. Petersburg in Russland oder Rostock und Rijeka in Kroatien.
  • Beide Städte sind durch denselben Fluss verbunden – so wie Hamburg und Prag oder Hamburg und Dresden durch die Elbe verbunden sind.
  • Sie sind beide Hauptstädte – so wie Berlin und die englische Hauptstadt London oder Berlin und Budapest, Prag, Warschau, Madrid, Moskau und Paris.
  • Beide Partnerstädte gelten als Finanzplätze – so wie Frankfurt am Main und das italienische Mailand.
  • Die Partnerstädte verbindet die Wissenschaft: Die deutsche Universitätsstadt Heidelberg unterhält auf dieser Basis Städtepartnerschaften mit den internationalen Wissenschaftsstandorten Palo Alto in den USA, Montpellier in Frankreich, Cambridge in England und Rehovot in Israel.
  • Die Namen der Partnerstädte sind gleich oder zumindest sehr ähnlich – so wie Bocholt in Deutschland und Bocholt in Belgien, Linz am Rhein in Deutschland und Linz in Österreich, Coburg in Deutschland und Cobourg in Kanada, Dresden mit dem inoffiziellen Zusatznamen „Elbflorenz“ und Florenz in Italien.
  • Oder die Partnerstädte verbindet eine gemeinsame Leidenschaft, zum Beispiel die Liebe zum Karneval – so wie Köln und Rio de Janeiro in Brasilien.

Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften leisteten großen Beitrag zur Wiedervereinigung

Auch die deutsche Wiedervereinigung wäre wohl ohne Städtepartnerschaften weitaus schwieriger geworden. Die meisten deutsch-deutschen Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden sind in der Wendezeit um 1989/1990 entstanden. Dadurch wurde sehr viel Aufbauhilfe geleistet. Zum Beispiel konnten durch Praktikantenprogramme Strukturen und Prozesse der westdeutschen Verwaltung an ostdeutsche Angestellte vermittelt werden.

Genauso verbrachten westdeutsche Fachleute einige Zeit in ihren ostdeutschen Partnerstädten und halfen direkt vor Ort beim Aufbau beispielsweise des Gesundheitssektors oder der Verwaltung. Durch diesen Austausch sind auch viele persönliche Freundschaften entstanden, die ebenfalls einen großen Anteil an der inneren deutsch-deutschen Einheit hatten und haben.

Auch die Ergebnisse der Studie „Deutsch-deutsche Partnerschaften“ zeigen, dass die Partnerschaften „auf eine breite gesellschaftliche Basis gestellt“ wurden und „mit persönlichem und bürgerschaftlichem Engagement gelebt und getragen“ werden.


Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) – Deutsch-deutsche Begegnungen

Eine Städtepartnerschaft verbindet – gerade in schwierigen Zeiten

Als ein besonders eindrucksvolles Beispiel für eine Beziehung in turbulenten Zeiten kann die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg gelten, die 2017 bereits ihr 60-jähriges Jubiläum feiern konnte. 1957 – zu Zeiten des  Kalten Krieges – erhielt der damalige Bürgermeister von Hamburg eine Einladung nach Leningrad (heute St. Petersburg). Er folgte dieser mit einer Senatsdelegation, allerdings unter Protest des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland. Durch diesen Besuch entstand der erste Freundschaftsvertrag zwischen einer bundesdeutschen und einer sowjetischen Stadt überhaupt – allen schlechten politischen Vorzeichen zum Trotz.

Heute sind beide Städte wirtschaftlich und kulturell eng verwoben. Die Handelskammer Hamburg unterhält seit 1993 ein Vertretungsbüro in St. Petersburg, seit 2006 ist St. Petersburg mit einem Außenwirtschaftsbüro in Hamburg präsent.

„Der Hamburger Hafen hat eine besondere Bedeutung für Russland und übernimmt die Funktion einer Drehscheibe für den Handel Russlands mit der Europäischen Union.“


 Quelle: Hafen Hamburg – Repräsentanz St. Petersburg

Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch  wurde 2006 in Hamburg gegründet. Slawistik-Studierende der Universität Hamburg haben jeden Sommer beim „Rossicum“ die Gelegenheit, sechs Wochen in St. Petersburg zu verbringen und in einem Sprachkurs ihre Russischkenntnisse zu erweitern. Die Kosten dafür sind gering und können durch Stipendien noch weiter gefördert werden.

Dies sind nur einige Beispiele für den regen Austausch zwischen den beiden Hafenstädten, deren Partnerschaft momentan wieder schwierige politische Zeiten überstehen muss. Gerade jetzt kann die Städtepartnerschaft jedoch dafür sorgen, dass der Dialog nicht abreißt und dass sich Deutsche und Russen weiterhin mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen – trotz der politischen Differenzen.

Ihre Meinung ist gefragt!

Konnten Sie schon von Städtepartnerschaften profitieren? Haben Sie vielleicht an einem Austauschprogramm teilgenommen oder hat Ihnen so eine Partnerschaft schon beruflich geholfen? Schreiben Sie uns von Ihren Erfahrungen!

Autorin: Verena Striebinger

Oktober 2017

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