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Wie stellen sich Unternehmen in Kenia und Spanien für die digitale Zukunft auf?

Digitalisierung, Automatisierung, der Einsatz von künstlicher Intelligenz ... die Zukunft der Arbeit ist ein großes Thema in Deutschland. Es werden Projekte initiiert, Förderpläne entwickelt und in die Infrastruktur investiert. Prognosen gehen davon aus, dass sich etwa jeder zweite Arbeitsplatz stark durch die Automatisierung verändern wird.

Aber wie ist die internationale Perspektive auf das Thema Zukunft der Arbeit? Das Alumniportal Deutschland hat Experten in Kenia und Spanien befragt, wie sich Unternehmen vor Ort darauf einstellen.

Was bedeutet „Arbeit 4.0“?

Bevor wir auf die Reise gehen, sollten wir erst klären, worüber wir reden. In aller Kürze: Es geht bei „Arbeit 4.0“ um eine Revolution des Wirtschaftens und Arbeitens.

Infrage stehen nicht nur die bislang üblichen Produktionsweisen und Vertriebswege, sondern auch die Organisation von Arbeit, der Umgang miteinander (sprich die Unternehmenskultur) und das, was wir als Arbeit auf der einen und Leben auf der anderen Seite definieren. Hierarchiefreie Teamarbeit und kreative, hippe Co-Workplaces bilden dabei den einen Pol der Zukunftsszenarien, menschenleere, robotergesteuerte Produktionshalle den anderen.

Spezialisten wie Stewart Wallis von der New Economics Foundation meinen ebenfalls, wir brauchen nicht nur eine Veränderung unserer Wirtschaftsweise, sondern ein komplett neues System, „das darauf eingerichtet ist, mit den Ressourcen unseres Planeten auszukommen, das gerechter gestaltet ist und sein Hauptziel nicht in Wachstum als solchem sieht, sondern in der Maximierung des menschlichen Wohlergehens.“

Das sind große Pläne. Aber wie sieht es mit der Umsetzung aus? Arbeiten Unternehmen schon an der Umgestaltung und gibt es dazu überhaupt die Voraussetzungen? Wir haben uns zwei höchst unterschiedliche Länder ausgesucht – das Industrieland Spanien und das Entwicklungsland Kenia – und dort Experten gefragt, ob sie und insbesondere die deutschen Unternehmen vor Ort von der digitalen Zukunft schon etwas merken, wie sich das bei ihnen auswirkt und was sie erwarten.

Innovative Unternehmen in Kenia

Schauen wir nach Kenia. Der ostafrikanische Staat liegt im Human Development Index (HDI)  beim Mittleren Entwicklungsrang 142 von 189. Wirtschaftlich ist das Entwicklungsland eine aufstrebende Kraft und politisch eine führende regionale Macht.

Marah Köberle, stellvertretende Geschäftsführerin der AHK  – Delegation der Deutschen Wirtschaft in Kenia, beobachtet die Entwicklung im Land: „Hier in Kenia gibt es sehr unterschiedliche Bewegungen: Einerseits sehen wir gerade in Nairobi viele innovative Unternehmen, die auf der Basis von Business Process Outsourcing – also der Auslagerung ganzer Geschäftsprozesse – für Silicon-Valley-Unternehmen arbeiten, zum Beispiel im Bereich Maschinenlernen durch das Tagging von Fotos.“

Die Voraussetzung für digitale Unternehmen ist eine gute technologische Infrastruktur: „Kenia hat insbesondere in den Großstädten eine bessere Netzabdeckung mit Satelliten und Glasfaserkabel als Deutschland. Die Nutzung des Internets ist auch deutlich günstiger als in Europa.“

Doch auf der anderen Seite dominieren in Kenia traditionelle Strukturen: Wichtig ist immer noch der direkte Kontakt, und die Netzwerke funktionieren über persönliche Verbindungen und nicht so sehr über elektronische Kommunikation.

Überhaupt gibt es in Kenia einen großen informellen Sektor, in dem die überwiegende Mehrheit der Kenianer arbeitet. Kenia, so erläutert Köberle, ist eines der Länder weltweit, die die meisten Online-Arbeiter stellen, insbesondere in der Übersetzung, Software-Entwicklung und der Kreativwirtschaft. Hier sieht Köberle gute Ansätze und Projekte, die in Zukunft noch mehr Kenianern den Zugang zur Online-Arbeit ermöglichen.

Für die Industrie braucht es vor allem Veränderungen in der Ausbildung: die Curricula sind meist veraltet, das Know-how begrenzt. Zwar arbeiten die Unternehmen häufig mit der gleichen Technologie wie in Europa. Durchgesetzt hat sich aber eher eine Mischform von vollautomatischen Industrieprozessen und gleichzeitiger Übernahme einfacher Tätigkeiten durch Arbeiter. Das liegt natürlich an der Lohnstruktur, die die Arbeitskraft günstiger macht als den Einsatz moderner Technologien.

Chancen nutzen, um nicht abgehängt zu werden

Für die Zukunft setzt Köberle auf die schnelle Adaptionsfähigkeit der Kenianer: „Wir erleben hier auch, dass Entwicklungsschritte übersprungen werden – wie zum Beispiel bei der Einführung der Handys. Kaum jemand hier hat und braucht einen Festnetzanschluss.“

Doch entscheidend ist, wie sich die politischen Rahmenbedingungen in den nächsten Jahren entwickeln: Insbesondere die Reform des Bildungssektors sieht Köberle als extrem wichtig an. Nur so könne die Diskrepanz  zwischen den neuen Anforderungen und den gegebenen Fähigkeiten überwunden werden. Dringend reformiert werden müsste die Ausbildung in den MINT-Fächern und den Ingenieurwissenschaften, so die Wirtschaftsexpertin.

Auf jeden Fall sieht Köberle ein „Fenster der Möglichkeiten“ für Kenia und auch für die anderen Länder südlich der Sahara. „Es ist eine ganz wichtige Zeit, in der sich entscheidet, ob das Land die Chancen der 4. Industriellen Revolution für sich nutzen kann oder doch abgehängt wird.“

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Die digitale Zukunft Spaniens

In Spanien ist die Ausgangssituation eine andere. Das Land gehört zu den großen Industrienationen, beim HDI liegt es auf Rang 26 und das Pro-Kopf-Einkommen ist in Spanien fast 19 Mal höher als in Kenia.

Aber wie ist es um die digitale Zukunft des Landes bestellt? Unser Ansprechpartner ist Dr. Walther von Plettenberg, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer für Spanien. Er macht große Fortschritte des Landes bei der Digitalisierung aus. „Spanien ist eines der Länder, in denen die Digitalisierung im europäischen Vergleich am schnellsten voranschreitet“, stellt von Plettenberg fest.

Auch hier ist es die gute Infrastruktur, also die breite Verfügbarkeit von schnellen und ultraschnellen mobilen und Breitband-Netzwerken, die Spanien eine gute Beurteilung der Voraussetzung für die digitale Wirtschaft beschert. Das hat jedenfalls die EU in ihrem „Digital Economy and Society Index“ festgestellt. Und gerade bei der Digitalisierung der Unternehmen habe sich das Land in den vergangenen Jahren gut entwickelt.

Wie es den deutschen Unternehmen vor Ort bei dem Thema geht, hat die AHK Spanien vor einiger Zeit erfragt und dabei festgestellt: Die Unternehmen sind sich überwiegend der Bedeutung der Digitalisierung bewusst. Und vor allem: Sie sehen sich den neuen Herausforderungen gewachsen. Im Zuge der technologischen Entwicklung Personal entlassen wollen dagegen nur die allerwenigsten.

Investitionen von Wirtschaft und Politik

Dass die deutschen Unternehmen in Spanien ihre Position so optimistisch beurteilen, liegt wohl auch daran, dass sie ordentlich investieren: Im Schnitt fließen drei Prozent des Umsatzes in die technische Weiterentwicklung der Unternehmen.

Von Plettenberg findet es auffällig, wie die Einschätzung der Perspektiven und der Stand der Digitalisierung in den Unternehmen zusammenhängen: „Die Unternehmen, die sich zufrieden zu ihrem Einsatz in Spanien äußern, sind größtenteils dieselben, die die Bedeutung und den Entwicklungsstand der Digitalisierung in ihrem Unternehmen als hoch bewerten.“

Und was erwarten die Unternehmen von der Politik? Da gäbe es noch einiges, findet von Plettenberg: „Neben der Verbesserung der Breitbandvernetzung braucht es auch eine Unterstützung bei Aus- und Fortbildungsmaßnahmen. Und auch Steuererleichterungen in Hinblick auf die Digitalisierung der Unternehmen wären hilfreich.“

Was das für die Menschen bedeutet, die in den digitalisierten Unternehmen in Zukunft arbeiten? Auch hier ist sich von Plettenberg mit vielen Experten einig: „Zweifelsohne werden auch viele Berufsbilder angepasst werden müssen.“

Was erwarten Sie von der Zukunft? Wie werden Sie in 20 Jahren arbeiten? Wie schätzen Sie die Situation in Ihrem Land ein? Und: Was tun Sie schon jetzt, um für die Veränderungen gewappnet zu sein? Diskutieren Sie mit uns in der Community-Gruppe „Spotlight on Jobs & Careers“! 

Community-Diskussion

Autorin: Sabine Giehle

Oktober 2018

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