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Green Jobs: „Es geht auch um die Qualität“

Was ist dran am Boom der „grünen Arbeitsplätze“? Ein Interview mit Rainer Quitzow, Experte für Umweltpolitik und Innovationsökonomie, über Green Jobs in Deutschland und weltweit.

Rainer Quitzow forscht an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet Innovationsökonomie zu Strategien der Green Economy. Zudem ist er Research Associate am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern hat er im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie zu Green Jobs in Asien erstellt

Herr Quitzow, haben Sie eigentlich selbst einen „grünen Arbeitsplatz”?

Rainer Quitzow: Ich gebe mein Bestes. Zum Beispiel versuche ich, im Büro Papier zu recyceln. Grundsätzlich gibt es durchaus Ansätze, auch Universitäten umweltbewusster zu gestalten – etwa indem man einen Beauftragten für Energieeffizienz ernennt.

Was genau sind Green Jobs?

Rainer Quitzow: Das sind Jobs, die dazu beitragen, die Wirtschaft umweltfreundlicher zu machen. Die Frage ist, wie eng man den Begriff der Umweltfreundlichkeit auslegt. Da gibt es vier Herangehensweisen: Die engste Definition sieht Green Jobs nur in sogenannten Umweltindustrien, also dort, wo Technologien hergestellt werden, die die Umweltbelastung durch wirtschaftliche Aktivitäten verringern. In diese Kategorie fallen zum Beispiel Hersteller von Filtern, die den Schadstoffausstoß von Kraftwerken reduzieren.

Video: What Are Green Jobs? (englisch)

Wie lautet die Definition, wenn man sie weiter fasst?

Rainer Quitzow: Dann könnte man sagen, dass sich Green Jobs in allen Unternehmen finden, deren Produkte die Umwelt weniger belasten als das herkömmliche Vergleichsprodukt – zum Beispiel Waschmittel, die umweltfreundlicher sind als das durchschnittliche Pulver. Die Vergleichsgröße verändert sich aber immer wieder. Ein Produkt, das vor zehn Jahren umweltfreundlich war, ist es jetzt wahrscheinlich schon nicht mehr. Fasst man die Definition noch weiter, findet man Green Jobs auch in ganz normalen Unternehmen – sogar dort, wo man sie gar nicht vermuten würde, etwa in Automobilkonzernen. Wenn dort jemand dazu beiträgt, dass durch Energieeinsparung umweltfreundlicher produziert wird, gälte nach dieser Definition auch das als Green Job.

Auswirkungen von Umweltsteuern auf den Arbeitsmarkt

Und die vierte Herangehensweise?

Rainer Quitzow: Die vierte Kategorie ist etwas abstrakter. In Wissenschaft und Politik werden häufig Analysen erstellt, die die Auswirkungen umweltpolitischer Maßnahmen auf die Beschäftigungszahlen in einem Land bewerten. So wird zum Beispiel berechnet, ob die Einführung einer Kohlenstoffemissionssteuer positive oder negative Effekte auf den Arbeitsmarkt hätte. Entstehen durch eine solche Maßnahme neue Arbeitsplätze, spricht man manchmal von Green Jobs. Sie sind aber keiner bestimmten Branche zuzurechnen.

Gibt es trotz der unterschiedlichen Definitionen belastbare Zahlen zu Green Jobs in Deutschland? Häufig hört man von einer steigenden Tendenz.

Rainer Quitzow: Der Umwelttechnologieatlas des Bundesumweltministeriums erfasst die Zahl der Jobs in der Umweltbranche, auf Grundlage der ersten, engeren Definition. Die Umweltbranche wächst stärker als andere Industrien, selbst wenn im Solarbereich inzwischen wieder viele Stellen weggefallen sind. Im Jahr 2011 gab es laut Technologieatlas rund 1,4 Millionen Green Jobs. Bis 2025 soll die Zahl auf 2,4 Millionen steigen.

Wer hat ein Interesse daran, dass es Green Jobs gibt?

Einerseits besteht ein politisches Interesse. Die Politik nutzt die positive Wirkung grüner Branchen auf die Beschäftigung als Argument für Vorhaben wie den Ausstieg aus der Atomenergie. Auch Unternehmen haben ein Interesse an einer umweltfreundlichen Ausrichtung. Sie können sich neue Märkte erschließen, zum Beispiel mit Dienstleistungen wie Carsharing.

„Was hinter der Fassade steckt, ist nicht immer ersichtlich“

Unternehmen werben inzwischen gerne mit einem grünen Image.

Rainer Quitzow: Ja, Umweltfreundlichkeit bedeutet in dieser Hinsicht für viele Firmen einen Gewinn. Was hinter der Fassade steckt, ist aber nicht immer ersichtlich. Dass die Kunden grüne Produkte, Dienstleistungen und Jobs schätzen, scheint ein Trend zu sein. Auch bei jungen Menschen ist das Thema positiv besetzt. Zum Beispiel gibt es an der Technischen Universität Berlin den Studiengang „Nachhaltiges Management“, der sehr nachgefragt ist.

Sie haben sich auch mit Green Jobs in Asien beschäftigt. Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Rainer Quitzow: Deutschland ist Vorreiter bei Technologien für erneuerbare Energien und hat in diesem Bereich hohe Beschäftigungszahlen. In China gibt es zwar mehr Green Jobs, aber man kann das nicht so einfach vergleichen. Es geht auch darum, welche Qualität die Arbeitsplätze haben. Geht der Job mit einer sicheren Bezahlung einher? Wie ist es um die gewerkschaftliche Organisation bestellt? In Deutschland sind die Arbeitsplätze in der Umweltbranche eher hochwertig, weil es um die Entwicklung moderner Technologien geht.

Wann leben wir in Europa in einer Green Economy?

Rainer Quitzow: Wir sind noch längst nicht in einer nachhaltigen Welt angekommen. Das liegt auch daran, dass wir uns technologisch ständig weiterentwickeln müssen. Das ist ein Prozess. Selbstverständlich wird es immer Diskussionen darüber geben, wie sich dieser Prozess entwickelt und welche Schwerpunkte man setzt. Ich sehe aber, dass der Gedanke an Nachhaltigkeit im politischen Diskurs immer wichtiger wird. Die Richtung stimmt.

Green Economy – a film by Yann Arthus-Bertrand (französisch, englische Untertitel)

Interview: Lena Müssigmann

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

November 2015

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