2 Finde ich gut

Florian Schneider: „Eine Rückkehroption halte ich mir immer offen“

Wer für den Job ins Ausland geht, verspricht sich davon häufig gute beruflich Möglichkeiten. Für Florian Schneider, der als deutscher Rechtsanwalt in Moskau arbeitet, ging diese Rechnung auf. Im Interview erzählt er, welchen Herausforderungen er begegnet und warum er sich regelmäßig hinterfragt.

Florian Schneider ist Rechtsanwalt und Managing Partner der Dentons Europe AO in Moskau. Der gebürtige Freiburger, der im Rheinland aufwuchs, hat während seines Abiturs angefangen, privat Russischunterricht zu nehmen. Nach dem ersten Staatsexamen in Jura ging er zum ersten Mal nach Russland und absolvierte 1999 ein sechsmonatiges Praktikum in einer Kanzlei in St. Petersburg. Einen Teil seines Referendariats zum Rechtsanwalt verbrachte er 2001 ebenfalls in St. Petersburg. Diese Kanzlei bot ihm dann nach seinem zweiten Staatsexamen einen Job in Moskau an, den er nicht ablehnen konnte.

Was war Ihre Motivation, für die Karriere ins Ausland zu gehen?

Florian Schneider: Ich wollte wissen, wie es ist, als Anwalt im Ausland zu arbeiten. Daher habe ich mich entschieden, einen Teil meines Referendariats in St. Petersburg zu absolvieren.

Nach dem zweiten Staatsexamen haben sich für mich in Russland als Berufseinsteiger ganz andere Chancen geboten als in Deutschland. Ich wurde von einer wirklich großen Kanzlei in Moskau eingestellt – gleich mit der Aussicht, Büroleiter zu werden. In Russland habe ich für mich einfach viel mehr Potenzial gesehen als in Deutschland. Inzwischen arbeite ich für eine andere, größere Kanzlei in Moskau. Hier haben sich für mich noch bessere Aufstiegschancen geboten.

„Die Organisation des Alltags ist eine Herausforderung“

Welche Herausforderungen sind Ihnen begegnet?

Florian Schneider: Ich kannte Russland ja schon durch das Praktikum und durch mein Referendariat, allerdings nur St. Petersburg, nicht Moskau. Die Sprache konnte ich bei meinem Umzug nach Moskau bereits ganz gut. Für mich besteht die sprachliche Herausforderung darin, dass ich bis heute Englisch, Russisch und Deutsch parallel sprechen muss – jeden Tag. Das finde ich relativ anspruchsvoll.

Was mich aber wirklich vor Herausforderungen gestellt hat, war die Organisation meines Alltags. Erst einmal hat es unendlich lange gedauert, bis ich einen aufgegebenen Koffer vom Zoll wiederbekommen habe. Dann musste ich eine Wohnung finden, einen Hausstand aufbauen...

Wie konnten Sie sich in die neue Kultur einleben?

Florian Schneider: Ich bin ziemlich offen für die russische Kultur, bewahre mir aber meine deutschen Wurzeln, grenze mich also auch ab. Damit fühle ich mich wohl. Über Arbeitsveranstaltungen konnte ich mir schnell ein Netzwerk aufbauen. Daraus ist dann eine Fußballgruppe entstanden und schließlich auch Freundschaften.

Würden Sie für die Karriere ins Ausland gehen?

Haben Sie eher Kontakt zu anderen Deutschen oder sind Sie in der russischen Gesellschaft gut integriert?

Florian Schneider: Zu Beginn hatte ich hauptsächlich Kontakt zu anderen Deutschen, jetzt sind es Kontakte zu Menschen vieler Nationalitäten, zum Beispiel Amerikaner oder Engländer. Vor allem kenne ich andere Expats, die bilden hier in Moskau eine eigene Community. Ich habe auch gute Beziehungen zu russischen Kollegen, aber das geht nicht sehr weit über das Berufliche hinaus.

Zu Russen habe ich privat nicht so viel Kontakt. Obwohl, ganz so stimmt das auch nicht: Seit dem vergangenen Jahr bin ich mit einer Moskauerin verheiratet und wir haben eine gemeinsame Tochter. Dadurch bekomme ich natürlich auch immer mehr Kontakte zur russischen Gesellschaft. Im Frühjahr ziehen wir in ein Haus außerhalb Moskaus. Da stehe ich gerade in Mietverhandlungen – also wieder den Alltag neu organisieren, wieder eine Herausforderung.

Was bedeutet eigentlich Heimat für Sie?

Florian Schneider: Erstens ist meine Heimat Deutschland, denn da wohnen meine Eltern, meine Geschwister, meine Neffen... Und zweitens ist Heimat der Ort, an dem ich mich zuhause fühle, an dem meine Wohnung ist, an dem ich lebe.

Dann ist Moskau für Sie also bereits zu einer Art Heimat geworden?

Florian Schneider: Definitiv ja. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich: „Ich komme aus Moskau“.

Die beliebtesten Ziele für einen Auslandsaufenthalt

Die englischsprachige Plattform InterNations stellt seit 2014 ein Ranking der besten Orte für ausländische Arbeitskräfte vor. 2015 wurden insgesamt 14.300 Menschen aus 195 unterschiedlichen Ländern befragt. Einige der Befragten sind Expats im eigentlichen Sinne und werden von ihrem Arbeitgeber für einen gut bezahlten Job innerhalb des Unternehmens ins Ausland geschickt, aber viele der Befragten gehen auch aus Abenteuerlust, wegen der Liebe oder wegen eines lang gehegten Traums ins Ausland.

Ende Oktober 2016 wurde das Ranking 2015 veröffentlicht. Ganz oben auf der Liste der beliebtesten Ziele für einen Auslandsaufenthalt liegt Ecuador, gefolgt von Mexiko und Malta. Deutschland liegt auf Rang 16, das von unserem Interviewpartner Florian Schneider gewählte Russland nur auf Platz 60. Das Schlusslicht der Liste bildet Kuweit auf Rang 64.

InterNations: „The Best & Worst Places for Expats in 2015“

Travelbook: „Die 12 besten Länder zum Leben und Arbeiten“

Haben Sie eine „Checkliste“, die man vor einem Ortswechsel abarbeiten sollte?

Florian Schneider:

  • Man sollte sich gut vorbereiten, im Vorfeld Informationen sammeln – zum Beispiel in Internetforen – oder ein Buch über das Zielland lesen. Wenn möglich, sollte man den zukünftigen Arbeitsort schon einmal besuchen und anschauen.
  • Man sollte sich Hilfe suchen. Es gibt viele Menschen und Einrichtungen, die einem gern helfen und gute Tipps haben. Diese Unterstützung sollte man auf jeden Fall nutzen!
  • Und man sollte einen langfristigen Plan haben: Wie sieht es mit einer möglichen Rückkehr aus? Wie lange möchte ich das hier machen?

„Man sollte sich regelmäßig hinterfragen“

Welche konkreten Tipps hätten Sie für jemanden, der auch beruflich ins Ausland gehen möchte oder muss?

Florian Schneider: Derjenige sollte seine innere Einstellung überprüfen: Bin ich offen für fremde Kulturen und Neues? Er sollte wissen, woher er kommt und wohin er langfristig will. Außerdem sollte er an das Zielland nicht dieselben Maßstäbe wie an sein Heimatland anlegen. Vieles ist einfach anders, und das sollte man dann auch anders bewerten und akzeptieren, sonst wird man im Ausland nicht glücklich.

Das wichtigste ist aber, dass man sich regelmäßig hinterfragt. Ich mache das mindestens alle drei Jahre und setze mir ein neues Ziel, das ich dann in den folgenden drei Jahren erreichen möchte. Bisher war zu diesem Zeitpunkt immer ein Karrieresprung in Moskau möglich. Deshalb bin ich jetzt schon seit fast 15 Jahren hier. Aber eine Rückkehroption nach Deutschland halte ich mir immer offen.

Interview: Verena Striebinger

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Community-Diskussion

Januar 2017

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Kommentare

Alumniportal Deutschland - Redaktion
30. Januar 2017

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Alumniportal Deutschland - Redaktion

Mamour TOURE
26. Januar 2017

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Durch den täglichen Umgang mit den Herausforderungen dieser Berufe bin ich in der Lage, auch in unvorhergesehenen Situationen selbstständig zu agieren.

Metie
25. Januar 2017

Ich heiße Metie und bin aus Bulgarien.
Ich bin Lehrerin und unterrichte Bulgarisch und Deutsch seit 20 Jahre.
Jetzt suche ich Arbeit in Deutschland fast alle Tipps für 2-3 Jahre.

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