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„Ich möchte Menschen ermutigen: Seid ihr selbst“

Die Künstlerin Mayowa Osinubi aus Atlanta, Georgia, probiert immer wieder neue Genres aus: Sie hat gemodelt, einen Dokumentarfilm gedreht, einen YouTube-Kanal und eine feministische Comedy-Show gegründet. Derzeit ist sie als Bundeskanzler-Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung in Berlin. Im Interview spricht sie darüber, wie das Internet ihr das Gefühl gab dazugehören – ein Gefühl, das sie offline selten hatte. Und sie gibt Tipps, wie Selbstvermarktung und Netzwerken dabei helfen können, erfolgreich zu sein.

Frau Osinubi, in Ihrem Dokumentarfilm „Acting White“ erinnern Sie sich daran, wie Sie als Teenager in Atlanta immer wieder gehört haben, Sie verhielten sich „wie eine Weiße“. Was meinten die Leute damit?

Aus ihrer Sicht passte ich nicht ins Schema, sie hatten andere Vorstellungen von einer Schwarzen. Es waren übrigens längst nicht nur Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner, die das sagten – auch mein weißes Umfeld und andere Gruppen äußerten sich so. Es machte mich traurig, das zu hören. Ich hatte das Gefühl, etwas falsch zu machen.

In Ihrem Film interviewen Sie etliche Teenager, denen es ähnlich geht. Haben Sie damals Ihr Verhalten geändert, um dazuzugehören?

Zum Teil schon. Anerkennung war mir sehr wichtig, deshalb hat mich dieser Kommentar so verunsichert. Aber ich glaube nicht, dass ich gut darin war, Zugehörigkeit zu spielen – ich war immer eine Außenseiterin. Im Internet habe ich eine Community gefunden und die Wertschätzung erfahren, die mir offline fehlten. Ich habe mir YouTuber angehört, die einen ganz anderen Hintergrund hatten als ich, und mir wurde klar, dass es mehr als eine Art gibt auf der Welt zu sein. Heute möchte ich Menschen auf der ganzen Welt genau dazu ermutigen: Seid ihr selbst.

Wann war Ihnen klar, dass das mehr als ein Hobby ist?

Als ich anfing YouTube-Videos aufzunehmen, war meine Mom total dagegen. Sie flehte mich an, doch bitte, bitte meinen Master zu machen und mir einen 9-to-5-Job zu suchen. Ich war viel zu stur, um auf sie zu hören. Ich war überzeugt, dass ich Erfolg haben werde, weil ich mit so viel Leidenschaft dabei war. Also habe ich mir selbst Grundwissen in Marketing, Wirtschaftswissenschaften und Schreiben angeeignet. Eineinhalb Jahre lang habe ich meiner Mutter verheimlicht, dass ich einen YouTube-Kanal betreibe – erst als ich Erfolg hatte, durfte sie es wissen. Jetzt sieht sie sich jede Episode an und ist meine größte Unterstützerin.

Warum haben Sie entschieden, nach Deutschland zu ziehen?

Deutschland schien mir so völlig anders zu sein als der Süden der USA, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich überall auf der Welt meine Community finden könnte. Und in Deutschland wollte ich diese Hypothese auf die Probe stellen.

Und, hatten Sie Recht?

Oh ja! Ich schätze, es ist meine bisher beste Community. Ich liebe die Loyalität und die Direktheit meiner Freunde hier: „Nein“ heißt „nein“ und „ja“ heißt „ja“. Das ist in den USA völlig anders; da ziehen sich Menschen ständig aus Abmachungen zurück.

Sie sind als Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung in Berlin. Vor 200 Jahren hat Humboldt Selbstvermarktung und Netzwerken schon meisterhaft beherrscht. Er schrieb 30.000 Briefe an Politiker und Wissenschaftskollegen, um für sich und seine Themen zu werben – ein bisschen wie Sie, könnte man sagen. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, sich eine globale Karriere ohne das Internet aufzubauen?

Das Internet ist nicht alles. Aus meiner Sicht wird unterschätzt, wie wichtig echte Begegnungen sind. Als ich meine Comedy-Show aufziehen wollte, wusste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte, da ich gerade erst nach Deutschland gezogen war und niemanden kannte. Also druckte ich einfach tausend Flyer, ging in Berlin auf die Straße und sprach Leute an – eine Art Direktmarketing. Das funktionierte unglaublich gut: Viele der Bekanntschaften von damals kommen immer noch in meine Shows.


Mayowa Osinubi

Mayowa ist Bundeskanzler-Stipendiatin, Stand up Comedian, Filmemacherin, Youtuberin und Model. Ursprünglich aus Atlanta, Georgia, lebt Sie aktuell in Berlin, Deutschland. Sie ist Gründerin und Organisatorin der ISSA Comedy Show – des ersten und größten Formats für Black/POC/ und LGBT Comedians.

Foto: © Robert Rieger

Webseite von Mayowa Osinubi

Sie haben in den letzten drei Jahren fast jede Woche ein Video veröffentlicht. Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Ich trenne Arbeit und Spaß nicht, deshalb zähle ich die Stunden nicht. Für ein YouTube-Video brauche ich zwölf bis 18 Stunden. Aber es fühlt sich nicht so lang an, weil es mir Spaß macht.

Hat Ihr Erfolg Sie selbstbewusster gemacht?

Als ich im Sommer zusammen mit den anderen Bundeskanzler-Stipendiatinnen und Stipendiaten Angela Merkel getroffen habe, war ich sehr unsicher – das Hochstapler-Syndrom schlug voll zu. Ich zweifelte an mir und hatte das Gefühl, meinen Erfolg nicht zu verdienen. Es erscheint mir wichtig, mich selbst und meine Arbeit trotzdem in die Öffentlichkeit zu stellen. Und dann von Fehlern oder Fehleinschätzungen zu lernen. Oft kommt Arbeit, an der ich viel auszusetzen habe, gut an – und umgekehrt.

In einem fremden Land eine Comedy Show auf die Beine zu stellen – das hätten sich nicht viele getraut. Humor unterscheidet sich von einer Kultur zur anderen ja sehr. Wie schaffen Sie es, dass das deutsche Publikum Ihre Witze versteht?

Ich habe das Glück, nicht nur US-Amerikanerin zu sein, sondern auch die Tochter nigerianischer Einwanderer. Meine Eltern haben die Witze, die ich mit meinen Freunden gemacht habe, nie verstanden. Ich habe gelernt, mit ihnen anders zu sprechen: lokale Spezifika wegzulassen und universelle Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen. Mit meinen Comedygästen in Berlin mache ich das genauso.

Wenn das Stipendium Ende 2019 ausläuft, möchten Sie nach Atlanta zurückkehren. Was antworten Sie, wenn dort wieder jemand sagt: „You’re acting white“?

Damit wird mir niemand mehr kommen. Erwachsenen hält niemand vor, „zu weiß“ zu sein, weil wir nicht mehr so leicht zu beeinflussen sind. Wenn es trotzdem noch mal vorkäme, würde ich gar nicht antworten. So etwas sagt ja mehr über den Kommentator aus als über mich. Sie wollen ja nur, dass ich reagiere. Den Gefallen würde ich ihnen nicht tun.

Interview: Christina Felschen

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Oktober 2019

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