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Armando García Schmidt: „Migrantenunternehmen beleben den Arbeitsmarkt“

Unternehmer mit Migrationshintergrund schaffen in Deutschland Arbeitsplätze, sie beleben die deutsche Wirtschaft mit Innovationen und sie leisten einen großen Beitrag zur Integration Jugendlicher mit ausländischen Wurzeln. Dies sind einige der Ergebnisse, zu der die Studie „Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2004 und 2014“ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung kommt. Das Alumniportal Deutschland hat mit Armando García Schmidt, Projektleiter der Studie bei der Bertelsmann Stiftung, über Hintergründe, Ergebnisse und Tendenzen gesprochen.

Warum hat die Bertelsmann Stiftung die Studie „Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2004 und 2014“ in Auftrag gegeben?

Armando García Schmidt: Deutschland steht wirtschaftlich sehr gut da, aber es gibt auch viele gesellschaftliche Ungleichheiten und Armutsrisiken. Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund sind davon betroffen. Mit der Studie wollten wir der Frage nachgehen, wie inklusives Wachstum funktionieren kann. Und zwar so, dass Deutschland als Wirtschafts- und Innovationsstandort gestärkt wird und gleichzeitig mehr Menschen daran teilhaben.

Baustein für intelligente Wirtschaftspolitik

Wie sind Sie auf das Thema „Unternehmensgründung von Menschen mit Migrationshintergrund“ gekommen?

Armando García Schmidt: In Deutschland werden relativ wenig neue Unternehmen gegründet. Das liegt zum einen an dem momentan sehr guten Arbeitsmarkt. Zum anderen scheuen viele Deutsche eine Unternehmensgründung, weil ihnen das Risiko zu hoch ist. Wenn aber keine neuen Unternehmen entstehen, wird der Markt nicht belebt. Der relative Anteil an Unternehmensgründungen unter Menschen mit Migrationshintergrund ist wesentlich höher. Das Thema bot sich an, um einen Baustein zu betrachten, der zeigt, wie eine intelligente Wirtschaftspolitik in Deutschland funktionieren kann.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen deutschen Unternehmern und Unternehmern mit Migrationshintergrund?

Armando García Schmidt: Einkommen von Unternehmern mit Migrationshintergrund liegen immer noch unter den Einkommen, die Unternehmer ohne ausländische Wurzeln in Deutschland erzielen. Das hat unterschiedliche Gründe: Unternehmen von Personen mit Migrationshintergrund sind meistens jünger und hatten daher noch nicht so viel Zeit, sich auf dem Markt zu etablieren. Außerdem wählen Migranten für ihr Unternehmen eher Branchen, in denen sich nicht so viel Geld verdienen lässt, zum Beispiel Handel und Gastronomie. Obwohl dieser Trend zurückgeht: 2005 wurden noch über ein Drittel der Unternehmen in den Bereichen Handel oder Gastronomie gegründet, 2014 waren es nur noch etwas mehr als ein Viertel.

Ob Unternehmer mit Migrationshintergrund risikofreudiger sind kann ich so pauschal nicht sagen. Aber Menschen, die alles aufgegeben haben um irgendwo anders neu anzufangen, erkennen vielleicht eher die Chancen, die in der Selbstständigkeit liegen, als diejenigen, denen absolute Sicherheit wichtig ist.

Internationaler Tag der Migranten

Am 18. Dezember 1990 wurde die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Migranten und ihrer Familienangehörigen von der UN-Vollversammlung angenommen. Sie ist der primäre internationale Standard mit dem Regierungen ihre nationalen gesetzlichen Schutzmechanismen messen sollten. Die Konvention selbst ist jedoch noch nicht in Kraft getreten, da von den 20 nötigen Ratifizierungen bis jetzt nur 17 zustande gekommen sind. Im Dezember 2000 haben die Vereinten Nationen (UNO) den Ersten Internationalen Tag der Migranten ausgerufen.

Quelle: Wikipedia

Ein großes Hindernis ist die Sprache

Welche Herausforderungen können bei der Unternehmensgründung durch Migranten auftreten?

Armando García Schmidt: Nach meiner Ansicht können bei der Unternehmensgründung in Deutschland durch Personen mit Migrationshintergrund hauptsächlich vier Hindernisse auftreten:

  • Die Zuwanderungsbestimmungen erfordern häufig ein aufwendiges Genehmigungsverfahren.
  • Für die Zulassung eines neuen Unternehmens sind Qualifikationsnachweiseerforderlich. Dafür müssen zum Beispiel ausländische Berufs- oder Studienabschlüsse anerkannt werden. Das kann aufwändig werden, in den vergangenen Jahren sind aber etwa durch die Handelskammern bessere Hilfen entstanden.
  • Auch die Finanzierung könnte zum Problem werden. Zwar gibt es viele Fördermöglichkeiten, aber es ist schwierig, dort den Durchblick zu behalten. Dafür ist eine gute Beratung notwendig. Außerdem tun sich Banken manchmal schwer, jemandem mit ausländischen Wurzeln einen Kredit zu gewähren. Oft wird dann auf Mittel aus dem Familienkreis zurückgegriffen. Wenn diese zu gering sind, kann dies zum Scheitern führen.
  • Eines der größten Hindernisse ist die Sprache.

Erfolgreiche Unternehmer in Deutschland mit Migrationshintergrund

  • Ali Jelveh: Protonet Betriebs GmbH, Hamburg


    Ali Jelveh
    wurde 1980 im Iran geboren und musste im Alter von sieben Jahren aus seinem Heimatland nach Deutschland fliehen. 2012 gründete er zusammen mit Christopher Blum in Hamburg die Protonet Betriebs GmbH. Mit seinen Lösungen hilft das Soft- und Hardwareunternehmen anderen Unternehmen, ihre Geschäftsabläufe effektiver zu gestalten.

    2014 wurde Protonet mit einer Investitionssumme von drei Millionen Euro Crowdfunding-Weltmeister und anschließend von Seedmatch sowie den Lead-Awards zum Start-up des Jahres 2014 gewählt. Seit Anfang 2016 ist Protonet Teil des renommierten Accelerator Programms von Y-Combinator, einem Gründerzentrum, das bereits Unternehmen wie reddit und Airbnb unterstützt hat. Seit 2016 unterhält Protonet außerdem eine zweite Niederlassung in San Francisco, USA.

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  • Verleihung der Integrationsmedaille 2014 durch die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration - Auszeichnung für ehrenamtliches Engagement

    Abdullah Altun: Altun Gleis- und Tiefbau GmbH, Duisburg


    Abdullah Altun
    stammt dem türkischen Ort Kayseri und kam im Dezember 1978 nach Deutschland. 1999 gründete er die Altun Gleis- und Tiefbau GmbH mit Sitz in Duisburg. Das Unternehmen bietet Dienstleistungen in den Bereichen Gleisoberbau, Gleistiefbau sowie Schweißtechniken in ganz Deutschland und darüber hinaus an.

    „Wir haben zunächst in kleinen Schritten begonnen und konnten uns dann kontinuierlich zu einem etablierten Gleisbauunternehmen entwickeln. Bei unseren Auftraggebern achten wir prinzipiell auf eine Vertrauensbasis sowie auf eine gleichbleibend gute Qualität. In unserem Unternehmen geben wir jedem die Chance, sich zu beweisen – egal ob deutscher, türkischer oder anderer Nationalität. Einer unser größten Erfolge ist daher meiner Meinung nach, dass wir bisher mehr als hundert Jugendlichen aus Randgruppen eine Ausbildungsmöglichkeit gegeben haben. Als Anerkennung dafür habe ich die Integration Medaille der Bundesregierung erhalten.

    Für mich ist gesellschaftliches Engagement sehr wichtig. Ich bin in zahlreichen Vereinen engagiert, die ich nicht nur durch Spenden unterstütze, sondern auch durch mein aktives Mitwirken. Damit möchte ich in regionalen genauso wie in globalen Themen eine aufklärende Rolle für die Gesellschaft übernehmen und einzelne Personen in vielerlei Hinsicht unterstützen.“

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  • Ragip Aydin: Raynet GmbH, Paderborn


    Ragip Aydin
    , der aus der türkischen Metropole Istanbul stammt, hat 1999 die Raynet GmbH in Paderborn gegründet. Das Unternehmen bietet Dienstleistungen und Lösungen im Bereich der Informationstechnologie an und hat sich auf die Architektur, Implementierung und den Betrieb aller Aufgaben im „Application Lifecycle Management “ spezialisiert.

    Rund 100 Mitarbeiter sind in der Zentrale in Paderborn tätig. Daneben unterhält der IT-Spezialist weitere Niederlassungen in Deutschland, den USA, Polen, Großbritannien und den Niederlanden. Seit fast 20 Jahren hat Raynet mit seinem Portfolio viele hundert Kunden und Partner weltweit in ihren „Enterprise Application Management-Projekten“ unterstützt. Dies beinhaltet u.a. Lizenzmanagement, Softwarepaketierung, Softwareverteilung, Migrationen und Client Engineering.

    Im Juni 2016 wurde Raynet beim Innovationswettbewerb TOP 100 ausgezeichnet. Der Wettbewerb ehrt jährlich die innovativsten Unternehmen des deutschen Mittelstands. Dem Unternehmen Raynet GmbH ist es besonders wichtig, auch Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Chance für eine gute Ausbildung zu bieten.

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  • Niyazi Sevim: MTS-Metall Technologie Sevim, Detmold


    Niyazi Sevim
    wurde 1950 in der Türkei im Kreis Hatay geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. Zum Erlernen der deutschen Sprache besuchte er das Goethe Institut Brilon. 1978 schloss er sein Studium an der FH Lemgo im Bereich Maschinenbau, Produktions- und Fertigungstechnik mit Diplom ab.

    Nach 16 jähriger Tätigkeit als leitender Angestellter gründete Niyazi Sevim 1994 in Detmold das Unternehmen MTS-Metall Technologie Sevim, das hauptsächlich Schaltschränke, Gehäuse und Pulte aus Edelstahl, Stahl und Aluminium für verschiedenste Industriezweige fertigt. Der Betrieb beschäftigt insgesamt zehn Mitarbeiter.

    „Für uns ist das Thema Ausbildung sehr wichtig. Immer wieder geben wir Schülern, Studenten und auch benachteiligten jungen Menschen bei uns die Möglichkeit, sich durch ein Praktikum über Berufe im Metallbereich zu informieren und sie auszuprobieren. Wir empfinden dies als Verpflichtung. Über die Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungsträgern vor Ort sind wir im Kreis Lippe inzwischen bekannt.“

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Wie schätzen Sie die Bedeutung von Unternehmern mit Migrationshintergrund für die deutsche Wirtschaft und für die deutsche Gesellschaft ein?

Armando García Schmidt: Unternehmer mit Migrationshintergrund leisten wirtschaftlich und gesellschaftlich viel in Deutschland. Insgesamt konnten sie bisher 1,3 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland schaffen. Außerdem erfüllen Unternehmer mit Migrationshintergrund häufig eine wertvolle Brückenfunktion: Sie bieten Jugendlichen, die ebenfalls ausländische Wurzeln haben, zum Beispiel Ausbildungsplätze an. Damit leisten diese Unternehmen einen großen Beitrag zur Integration vieler Migranten in die deutsche Gesellschaft.

Frage nach Unternehmertum von Migranten wird immer relevanter

Wohin geht der Trend: Werden in Zukunft noch mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland Unternehmen gründen und damit die deutsche Wirtschaft beleben und einen großen Teil zur Integration beitragen?

Armando García Schmidt: Durch die vermehrte Zuwanderung von Flüchtlingen wird die Frage nach Unternehmertum immer relevanter: Der überwiegende Teil der nach Deutschland Geflüchteten – über 70 Prozent – hat Berufserfahrung, über ein Viertel von ihnen war im Heimatland selbstständig. Zum Vergleich: In Deutschland ist nur etwa jeder Zehnte selbstständig.

Wir sollten in unserer Willkommenskultur das Unternehmertum und die Selbstständigkeit mitdenken und Menschen, die neu in unser Land kommen, auf diesem Weg beraten, unterstützen und begleiten.

Studie „Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2004 und 2014“

Menschen mit Migrationshintergrund beleben Deutschlands Wirtschaft nicht nur durch eigene Unternehmensgründungen, sondern auch, indem sie als Arbeitgeber Jobs schaffen. Zwischen 2005 und 2014 hat sich die Anzahl von Arbeitsplätzen, die durch selbstständige Unternehmer mit ausländischen Wurzeln geschaffen wurden, von 947.000 auf 1,3 Millionen erhöht (Anstieg: 36 Prozent). Gleichzeitig ist auch die Anzahl selbstständiger Unternehmer mit Migrationshintergrund von 567.000 (2005) auf 709.000 (2014) um ein Viertel gestiegen. Das zeigt eine Studie der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung

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Community-Diskussion

Dezember 2016

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Kommentare

Arben
17. Dezember 2016

Es ist wahr dass die Arbeitplaze steigen ,jedoch es wachset das Verstoss von Gesetz also und das Mafia wird erfordert in der Wirtschaftmarkt.

Gabriel KOUOGAN
16. Dezember 2016

Es ist ein sehr intéressantes Thema von Aussen gesehen wuerde anders gedacht. Aber es miss immer daraus gehen dass Multikulties sind einfach bereicherungen fier Alles

KDL
14. Dezember 2016

Einkommen von Unternehmern mit Migrationshintergrund liegen immer noch unter den Einkommen, die Unternehmer ohne ausländische Wurzeln in Deutschland erzielen. Das hat unterschiedliche Gründe: Unternehmen von "Personen mit Migrationshintergrund sind meistens jünger und hatten daher noch nicht so viel Zeit, sich auf dem Markt zu etablieren. Außerdem wählen Migranten für ihr Unternehmen eher Branchen, in denen sich nicht so viel Geld verdienen lässt, zum Beispiel Handel und Gastronomie. Obwohl dieser Trend zurückgeht: 2005 wurden noch über ein Drittel der Unternehmen in den Bereichen Handel oder Gastronomie gegründet, 2014 waren es nur noch etwas mehr als ein Viertel" (Zitatende).
Sind es aber nicht v.a. "Unternehmer" mit sog. Migrationshintergrund, die - wg. ihres geringen Verdienstes während ihrer aktiven Zeit - später in der Statistik für Altersarmut auftauchen?

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