„Sagen, was man denkt“

Seit fast vier Jahren arbeite ich bei einem großen deutschen Automobilkonzern. Ich trat meine Stelle in Indien an, später ging ich für dasselbe Unternehmen nach Stuttgart. Dort bemerkte ich große Unterschiede zwischen den üblichen Erwartungen und Verhaltensweisen in beiden Ländern, etwa hinsichtlich Transparenz, Ehrlichkeit, Faktenorientierung, Kritik, der „Kultur des Fragenstellens“ und Kreativität. Hier eine kurze Übersicht:

1. Transparenz und Ehrlichkeit

Die Menschen in Deutschland handeln im Allgemeinen transparent und ehrlich. Transparenz wird sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Umfeld sehr geschätzt. Dazu gehört auch, dass das Auslassen von Informationen – und sei es nur aus Versehen – als unehrlich betrachtet werden kann. Diesen Aspekt sollten Ausländer unbedingt beachten. Ein Kollege meinte einmal zu mir: „Du musst nicht überhöflich sein. Es ist besser, wenn du offen redest.“ Das war zunächst eine Überraschung für mich, denn in Indien würde das niemand sagen. Allerdings begriff ich schon bald, dass Deutsche oft unmissverständlich äußern, was sie denken, und dass man für solches Feedback offen sein sollte. Dabei legen es die Menschen in Deutschland nicht darauf an, die Gefühle anderer zu verletzen – diese Freimütigkeit ist einfach ihre Art. Mittlerweile weiß ich diese Art von Feedback sogar zu schätzen, da sie einen wahren Hintergrund hat. Im Gegensatz zu falschem Lob, das trügerisch sein kann, ist diese Form der Offenheit sehr praktisch und ehrlich. Ehrlichkeit spiegelt sich auch in der Anerkennung und Würdigung der Arbeit einer Person wider. Dies liegt in der Natur der Sache, auch hier aufgrund der ehrlichen Art der meisten Deutschen.

2. Faktenorientierung und Offenheit für Kritik

Deutsche legen großen Wert auf Informationsquellen. Bei jeder Aussage wird eine Quelle als Beleg erwartet. Wenn ich beispielsweise eine Präsentation für die Arbeit anfertige, muss ich zu allen Informationen, wie Diagrammen oder Finanzdaten, die Quelle angeben. Unbelegte Aussagen sind ein Unding, da deutsche Kollegen in der Regel sofort nachhaken. Dies ist auch bei Vorträgen an der Hochschule oder in der Ausbildung wichtig.

Im Beruf muss man mit Rückmeldungen von verschiedenen Abteilungen rechnen. Das mag vielleicht in allen Ländern so sein, dennoch gibt es in Deutschland eine andere Kultur der Kritik. Angesicht des hohen Stellenwerts von Transparenz gehen Deutsche sehr offen mit Kritik um. Schon oft wurde ich während der Arbeit gebeten, mich zu einem Thema kritisch zu äußern. Einmal sagte mir ein deutscher Kollege, ich solle ihm offen sagen, was meiner Meinung nach in seiner Präsentation gefehlt habe. Da ich aus einer Kultur stamme, die eher einen diplomatischen Umgang pflegt, fiel es mir schwer, ihn zu kritisieren. Tatsächlich wird dies in der deutschen Arbeitskultur jedoch erwartet und wertgeschätzt. Also unterzog ich die Arbeit meines Kollegen einer kleinen Lückenanalyse, was unsere berufliche Beziehung stärkte.



3. Wer Fragen zu einem Thema stellt, bekundet damit sein Interesse am Thema.

Das Stellen von Fragen wird erwartet und sogar gefördert. Zu vielen Arbeitsbesprechungen gehört eine Fragenrunde. Nur um das klarzustellen: Derartige Praktiken sind in verschiedenen Ländern der Welt gang und gäbe, aber längst nicht überall. Aus Indien bin ich eine Kultur der Diplomatie und Dienstbeflissenheit gewohnt, weshalb ich Schwierigkeiten hatte, Fragen zu stellen und andere zu kritisieren. In meinem Heimatland gälte dies als unhöflich. In Deutschland hingegen ist es ein Zeichen dafür, dass man die Arbeit anderer respektiert.

4. Kreativität und abweichende Sichtweisen

Eine weitere Eigenschaft, die am Arbeitsplatz sehr begrüßt wird, ist Kreativität. Einmal sollte ich ein Projekt von Grund auf selbst entwickeln. Es ging um einen Aktivitätentracker, den Kollegen aus verschiedenen Ländern bei der gemeinsamen Arbeit an einem Projekt verwenden sollten. Da mir kreatives Arbeiten sehr liegt, baute ich Drop-down-Felder sowie Symbole ein, die eine Zu- oder Abnahme der zu messenden Aktivitäten anzeigen. Ich brachte also meine eigenen Ideen ein und gestaltete den Tracker nach meinen Vorstellungen. Das Ergebnis kam im Team so gut an, dass der Tracker der gesamten Abteilung zur Verfügung gestellt wurde. In diesem Fall wurden die Anwendung verschiedener Methoden und der Einsatz bildlicher Mittel als kreative Lösung betrachtet. Mitarbeiter, die so vorgehen, sind hoch angesehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Im deutschen Berufsleben wird jede einzigartige oder abweichende Sichtweise geschätzt. Mitarbeiter werden ständig dazu aufgefordert, sich zu allen möglichen Sachverhalten frei zu äußern, und selbst komplett gegensätzliche Meinungen werden respektiert.

Über die Alumna und die Autorin dieses Beitrages

  • Ajita Shringarpure Ajita Shringarpure

Ajita Shringarpure aus dem indischen Mumbai studiert und arbeitet seit zwei Jahren in Deutschland. Sie ist Ingenieurin und hat ihr Masterstudium in Deutschland abgeschlossen. Zu ihren Interessen gehören Kunst, Literatur und Fragen der Arbeitskultur. In ihrer Freizeit schreibt sie sehr gerne über diese Themen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Haben Sie in Deutschland ähnliche berufliche Erfahrungen wie Ajita Shringarpure gesammelt? Fallen Ihnen womöglich noch weitere Aspekte und Verhaltensweisen ein? Wir freuen uns über Ihre Beiträge in der Kommentarspalte. 

November 2020

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