Selbstmarketing im Internet oder wie wir zukünftig Arbeit finden

Seine Stelle als Redaktionsleiter beim Magazin t3n.de fand Florian Blaschke über eine außergewöhnliche Online-Bewerbung, die im Netz viel Aufsehen erregte. Wir sprachen mit ihm über die Chancen und Risiken von Selbstmarketing im Netz.

Florian Blaschke arbeitete als Journalist für klassische Zeitungen wie für Online-Medien und leitete die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Lehmbruck-Museums in Duisburg. 1979 geboren, ist er kein Digital Native, kennt das Internet aber dennoch wie seine Westentasche.

Das Netz bietet viele unterschiedliche Möglichkeiten zur Vermarktung der eigenen Person. Welche Wege sind Ihrer Meinung nach die wirksamsten?

Florian Blaschke: Die wirksamsten sind in meinen Augen allen voran Facebook, weil es das größte virale Potential hat. Wenn man über seine eigenen Kontakte versucht, zum Beispiel eine Bewerbung zu streuen, ist dort die Chance am größten, dass sie weiterverteilt wird. Direkt dahinter würde ich Twitter sehen – als ebenfalls sehr schnelles virales Medium – und dann ein paar kleinere Netzwerke, wie zum Beispiel Xing für den deutschsprachigen Raum. International und auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnen LinkedIn und andere.

Auch die klassische E-Mail ist wichtig für die Kontakte, die man in den sozialen Netzwerken nicht erreicht. Die E-Mail ist für mich sozusagen die ganz „granulare“ Form: Wenn ich beispielsweise einem ehemaligen Kollegen etwas persönlich mitteilen oder ihn dafür gewinnen möchte, etwas über seine Kanäle zu streuen, derjenige aber nicht auf Facebook oder Twitter ist, dann ist die E-Mail eine gute Möglichkeit für Selbstmarketing. Die meisten Netzwerke gehen ja eher in die Breite, da adressiere ich auch Menschen, die ich gar nicht persönlich kenne.

Wie schätzen Sie es ein, dass sich in den sozialen Medien oft das Private und das Professionelle vermischen?

Florian Blaschke: Das sehe ich nicht als Problem. Alles, was im Netz passiert, ist für mich nicht privat. Und jeder, der eine Form von Netzbewerbung versucht, gibt ein bisschen seine private Persönlichkeit auf. Ich begebe mich in eine Öffentlichkeit und akzeptiere damit ein Stück weit, dass ich eine teil-öffentliche Person werde. Insofern beißt sich das für mich nicht.

Dass das gesamte Auftreten im Netz ein öffentliches ist, ist ja nicht ganz ungefährlich – haben Sie Empfehlungen, was man tun und was man auf keinen Fall tun sollte, wenn man Selbstmarketing über das Netz betreiben will?

Florian Blaschke: Was natürlich passiert, ist, dass man ein Feedback bekommt. Darauf sollte man sich vorbereiten und die Bewerbung vorher zwei, drei Leuten zeigen und prüfen: Ist die logisch? Ist die sympathisch? Passt die in die Branche, in die ich möchte? Was auch passieren kann, wie in meinem Fall, sobald ich mich in die Öffentlichkeit begebe und über Facebook, Twitter und andere Kanäle sage: „Ich habe hier eine Bewerbung, ich freue mich, wenn ihr die verbreitet“, ist, dass es ein Rohrkrepierer wird. Es kann ja sein, dass das nur zehn Leute retweeten, und am Ende versackt die Bewerbung im Sand, das aber dann leider öffentlich.

Deswegen sollte man sich vorher mit seinem Netzwerk auseinandersetzen und sich fragen, ob man sein eigenes Netzwerk dazu bringen kann, das so zu teilen, dass es eine gewisse Reichweite bekommt. Und wenn man in seinem Netzwerk Influencer hat, also Leute, die eine große Reichweite haben, sollte man die vorwarnen und sich ein Feedback holen.

Gerade in meinem Bereich – PR und Social-Media-Management, wo es um Öffentlichkeit geht – wäre es ein Schlag ins Gesicht gewesen zu merken, dass ich selbst gar nicht in der Lage bin, Öffentlichkeit herzustellen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Online-Bewerbung, auch im Vergleich zu Ihrer Erwartung?

Florian Blaschke: Alleine die Anzahl an Reaktionen lag deutlich über meinen Erwartungen. Ich tippe mal, dass das eine Reichweite von zwischen 15.000 und 20.000 Menschen hatte. Das qualitative Feedback war größtenteils positiv, und wenn es negativ war, dann war es konstruktiv negativ. Da waren zum Beispiel Leute, die gesagt haben: „Ich finde die Bewerbung schon klasse, aber irgendetwas stört mich daran, sie ist mir zu offensiv, zu laut.“ Dann haben andere, gerade in den Blogkommentaren, gesagt: „Ja, aber die muss doch laut sein, wenn ich so was mache, dann muss ich marktschreierisch sein.“ Was mich am meisten gefreut hat, war, dass viele Leute gesagt haben, die Bewerbung stimme mit dem überein, was sie von mir erwartet hätten, wie sie mich einschätzten oder mich kennengelernt haben. Insofern war das Feedback für mich rundweg positiv.

Heißt das, Sie würden anderen nur empfehlen, sich im Netz auf eine solche Weise zu vermarkten, wenn es ihrer Persönlichkeit entspricht und sie in einer realen Begegnung oder Zusammenarbeit auch erfüllen könnten, was die Online-Bewerbung behauptet?

Florian Blaschke: Auf jeden Fall. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass beim Selbstmarketing alles zusammenpasst. Erstens muss die Bewerbung, wie auch eine klassische Papier-Bewerbung, bei einem späteren Treffen oder Telefonat die Erwartungen erfüllen. Und sie muss ein bisschen aus dem Bauch kommen, muss mit Herzblut gemacht und mit Persönlichkeit gefüllt sein, was vielleicht nach sehr weichen Kriterien klingt; aber ich glaube, genauso wie man bei einem Anschreiben in einer klassischen Bewerbung merkt, ob da jemand herumschwafelt oder ob das wirklich passt, ist  das bei der Online-Bewerbung auch der Fall. Und das andere, was eben auf jeden Fall passen muss, ist die Basis an Netzwerk, die dahinter steckt.

Es ist auch wichtig, sich vorher noch mal die ganz einfachen Fragen zu stellen: Wer bin ich, was kann ich, wie ist mein Charakter im beruflichen Sinne, welche Werte vertrete ich und in welche Branchen möchte ich rein? Sich seine eigene Marke oder Markenstrategie nochmal genau zu überlegen.

Glauben Sie, dass das Selbstmarketing im Netz die klassischen Wege der Jobsuche verdrängen wird?

Florian Blaschke: Auf Dauer ja. Ich glaube, es werden immer mehr Unternehmen immer weniger Stellen ausschreiben. Unternehmen finden Leute anders – über ihr eigenes  oder ein erweitertes Netzwerk. Ich denke, dass sich das auf Arbeitgeberseite verändern wird, und auf der anderen Seite gibt es ja immer mehr Netzwerke, die zumindest zum Teil beruflich genutzt werden. Die professionellen Netzwerke haben so stark wachsende Benutzerzahlen, dass diese Wege immer wichtiger werden. Gerade die klassischen Branchen, wo man vielleicht erwarten würde, dass die noch auf Papierbewerbungen setzen, merken immer mehr, welches Potential im Internet steckt. Es wird sicher immer einige mittelständische Unternehmen geben, die nicht auf den Zug aufspringen, aber in der breiten Masse wird das in Zukunft den Großteil der Bewerbungsprozesse ausmachen.

September 2014

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Kommentare

Gromowska
15. November 2015

Redaktor Florian Blaschke ciekawie i bardzo zrozumiale opowiada. Tekst dotyczy niepowodzeń i szans związanych z samodzielnym marketingiem. Z serdecznymi pozdrowieniami dla wszystkich.

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