„Vor allem Spezialisten sind sehr gefragt“

Der deutschen Wirtschaft fehlen Spezialisten. Mehr als eine Million Arbeitsplätze sind derzeit unbesetzt. Ein neues Einwanderungsgesetz ermöglicht daher vor allem Fachkräften aus Staaten außerhalb der EU Berufschancen in Deutschland. Im Interview spricht Kerstin Krey, Leiterin des Informationsportals der Bundesregierung „Make it in Germany“ über besonders gefragte Berufe – und was sich für Jobsuchende durch die Corona-Pandemie verändert.

Frau Krey, was kann Deutschland internationalen Akademikern bieten?

Deutschland hat eine sehr offene, prosperierende Wirtschaft und eine sehr geringe Arbeitslosigkeit. Unsere Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften, vor allem im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich, in der Automobilbranche und im Gesundheitssektor. Vor allem Spezialisten sind sehr gefragt. Darüber hinaus bietet die Bundesrepublik gute Arbeitsbedingungen, etwa durch Kündigungsschutzgesetze, Mutterschutz, Elternzeit, starke Gewerkschaften und viele Urlaubstage.

Welche akademischen Berufe sind besonders gefragt?

Die MINT-Berufe, also Berufe in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaft und Technik. Gerade im Maschinenbau ist Deutschland weltweit stark, aber auch in der Medizintechnik, wie etwa in der aktuellen Corona-Krise mit Beatmungsgeräten „Made in Germany“. Darüber werden besonders IT-Spezialisten und Fachkräfte in der Pflege und der Ärzteschaft gesucht. Ich könnte mir vorstellen, dass es nach der Corona-Zeit noch mehr Bereiche gibt, in denen Arbeitskräfte gesucht werden.

Was ändert sich für internationale Bewerber durch die Corona-Krise?

Durch Corona verändert sich gerade die Wirtschaft. Viele Betriebe mussten zeitweise schließen, vor allem in der Gastronomie- und Unterhaltungsbranche. In der Industrie wird immer noch gearbeitet, wenn auch zum Teil in Kurzarbeit. Der Grund dafür ist nicht, dass den Unternehmen bereits die Aufträge wegbrechen würden, sondern dass es immer mehr Lieferengpässe bei den benötigten Materialien gibt. Ich hoffe und denke, dass sich die Wirtschaft nach der Krise schnell wieder beruhigen wird und dass der Bedarf nach Spezialisten und Fachkräften dann weiterhin besteht. Und ich beobachte, dass sich die Unternehmen noch immer stark für internationale Fachkräfte interessieren. In unserer Jobbörse gibt es gerade sogar einen kleinen Anstieg an Stellenausschreibungen. Für die Einreise nach Deutschland bietet das Auswärtige Amt eine englischsprachige Informationsseite

Aus welchen Ländern kommen die meisten Interessierten?

Die Top Zehn sind aktuell Indien, die USA, Mexiko, Indonesien, Ägypten, Vietnam, Tunesien, Russland, Brasilien, Italien, in dieser Reihenfolge. Manche Länder gehören immer zu den Top-Ten-Ländern, aber es gibt auch Schwankungen. Wenn in einem bestimmten Land beispielsweise ein neues Abkommen geschlossen oder ein Zeitungsartikel veröffentlicht wird, merken wir das an den Zugriffszahlen. Auch politische und wirtschaftliche Ereignisse spiegeln sich wider: In Spanien gab es 2012 eine Euro-Krise, woraufhin viele Spanier zeitweise nach Deutschland gekommen sind. Großbritannien gehörte bis vor zwei Jahren nicht zu den Top 20 – doch mit dem Brexit sind die Zugriffe in die Höhe geschossen. Das liegt zum einen an Zugriffen von Briten, die schon in Deutschland waren und nun über eine Einbürgerung nachdenken, zum anderen von EU-Bürgern aus anderen Ländern, die in Großbritannien wohnen und nun nach einer Alternative suchen.

Aus welchen Branchen kommen die Interessierten?

Make it in Germany“ hat schon sehr lange vor allem MINT-Absolventen sowie Medizin- und Pflegefachkräfte angesprochen. Manche Länder haben geradezu einen Schwerpunkt auf einem bestimmten Beruf. Die Philippinen und Vietnam etwa bilden über Bedarf Pflegepersonal aus. Es gibt spezielle Programme und bilaterale Abkommen, sodass diese Kräfte nach Deutschland kommen können.

Unsere Interviewpartnerin

Kerstin Krey leitet das Projekt „Make it in Germany“, ein mehrsprachiges Informations- und Serviceportal der Bundesregierung für Fachkräfte aus dem Ausland.

Welche Vorteile bringt das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz internationalen Bewerbern?

Beispielsweise ausländische Studierende in Deutschland können jetzt während ihres Studiums ihren Studiengang ändern, in eine Ausbildung wechseln oder ein Arbeitsplatzangebot annehmen. Die Vorrangprüfung ist nun für alle Berufe und Ausbildungsabschlüsse weggefallen, Jobsuchende können seit 1. März 2020 zur Arbeitsplatzsuche einreisen. Alle Nationalitäten sind gleichberechtigt. Es muss allerdings weiterhin geprüft werden, ob Lohn und Arbeitsbedingungen der Norm entsprechen, damit ausländische Bewerber nicht ausgebeutet werden.

Unternehmen können den Prozess der Rekrutierung übrigens direkt unterstützen: Hat sich das Unternehmen für einen ausländischen Bewerber entschieden, kann der Unternehmer ein sogenanntes beschleunigtes Fachkräfteeinwanderungsverfahren im Inland beantragen.

Welche Qualifikationen müssen internationale Bewerber mitbringen?

Am wichtigsten ist die deutsche Sprache. Es ist nicht so schlimm, wenn die Deutschkenntnisse holprig sind, aber man sollte sich anstrengen, schnell relativ gut Deutsch zu sprechen. Das hilft auch im privaten Bereich. Darüber hinaus sollten die internationalen Bewerber eigenständig und offen sein und Lust haben, sich auf die deutsche Kultur einzulassen.

Autorin: Marlene Thiele

Möchten Sie in Deutschland arbeiten?

Nutzen Sie die Kraft der Community, aktualisieren Sie Ihr Profil und treten Sie mit anderen Alumni und Vertretern von deutschen Organisationen in Deutschland und weltweit in Kontakt. 

Zu der Community

Juni 2020

Jetzt kommentieren