Corona in China: „Wir sind so allein wie seit langem nicht mehr“

Feng Xiaohu ist Dekan der Forschungsakademie Chengdu der University of International Business and Economics (Beijing). Von 1990 bis 1992 studierte er an der Universität Mainz als DAAD-Stipendiat, von 2003 bis 2004 war er als Post-Doc an der Humboldt Universität zu Berlin mit einem Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH). Dazwischen absolvierte er mehrere Forschungsaufenthalte in Deutschland mit Unterstützung vom DAAD, der AvH, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Fraunhofer-Gesellschaft und weiteren. Er war Vertrauenswissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung in China und zehn Jahre Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS, in Mannheim). Er ist gegenwärtiger China-Beauftragter des IDS.

Herr Feng, wie nehmen Sie die Corona-Krise wahr?

Die Angst ist immens, sowohl in China als auch in Deutschland: Alle Menschen, auch die eigenen Eltern, könnten dich unwissentlich umbringen! Der Einschnitt ins Alltagsleben ist gravierend. Wohnungen werden zum Home-Office, Schulen und Universitäten haben auf Online-Unterricht umgestellt. Cafés, Bars, Restaurants und Karaoke? Fehlanzeige. Wir sind plötzlich so allein wie seit geraumer Zeit nicht mehr. Das Virus hat sogar den Tod verändert, denn bei der Beerdigung, wo gerade Nähe und Trost wichtig sind, ist Abstand angesagt. Das Virus macht sogar den Tod einsam.

Was tun Sie gegen diese Einsamkeit?

Das Heilmittel heißt Hilfsbereitschaft. Europa hat China im Januar und Februar 2020 viel geholfen, insbesondere Deutschland. Emails, Telefonate, ein Benefiz-Konzert in Berlin bis hin zu Maskenpaketen, ja genau so wie damals die Berliner Luftbrücke 1948. China ist eine dankbare Nation, wir haben ein langes Gedächtnis und vergessen nichts, insbesondere nicht die Wohltaten. Nun fühlen sich Chinesinnen und Chinesen, insbesondere die Deutschland-Alumni, zurecht beauftragt, die traditionelle Freundschaft zwischen China und Deutschland erneut unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel haben 330 Deutschland-Alumni an nur einem Tag 170.000 Yuan (etwa 22.000 Euro) eingesammelt und 649 Schutzkleidungen gekauft, die dann schnell nach Deutschland verschickt wurden.

Diese Aktion war mühsam, zeitraubend und nervenzehrend. Doch die größten Profiteure sind nicht die Empfängerinnen und Empfänger der Bekleidung, sondern die Organisatorinnen und Organisatoren selbst. Diese Hilfsaktion holt die Helfer aus der Einsamkeit. Nächstenliebe ist die größte Liebe. Und Liebe überwindet am Ende alles Negative, sogar Hass.

Ich bin stolz, als Deutschland-Alumnus dabeisein zu dürfen. Die Menschheit ist eine Einheit, wir können langfristig nicht auf Kosten der anderen überleben, obwohl einige Protektionisten das sehr gerne glauben beziehungsweise andere glauben machen wollen.

Wird Corona die Welt verändern?

Bundespräsident Steinmeier sagte an Ostern: „Die Welt danach wird eine andere sein. Wie sie wird, liegt an uns.“ Die Pandemie sei „eine Prüfung unserer Menschlichkeit. Sie ruft das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervor. Zeigen wir einander doch das Beste in uns!“ Es ist ein Zeitalter der Weisheit, es ist ein Zeitalter der Torheit; es ist die Epoche des Glaubens, es ist die Epoche des Unglaubens; es sind Tage des Lichts, es sind Tage der Finsternis; der Frühling der Hoffnung, der Winter der Verzweiflung. Der Weg zum Himmel liegt in unseren Händen: den anderen helfen. Ich gehe jetzt, um meinen Freunden in Deutschland Masken zu schicken. Das ist meine Globalisierung.

Interview: Marlene Thiele

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Mai 2020

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