Corona in Italien – „Die Situation ist dramatisch“

Professor Sandro M. Moraldo hat 2016 den DAAD-Alumniverein Italien (Alumni DAAD Italien/ADIT) mitgegründet. Er wurde in Italien geboren, wuchs in Heidelberg auf und lehrt als Professore associato Deutsche Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften an der Alma Mater Studiorum Universität Bologna.

Herr Moraldo, wie geht es Ihnen momentan in der Corona-Krise?

Nun, wenn man bedenkt, dass Italien in Europa (jetzt zusammen mit Spanien) das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land ist und ich mitten in der roten Zone hier in der Lombardei lebe, geht es mir und meiner Familie verhältnismäßig gut. Die Situation ist sehr angespannt und dramatisch. Das geht einem schon unter die Haut. Aber ich bin zuversichtlich.

Wie arbeiten Sie – und wie verändert Corona die Arbeit des Alumnivereins?

Home Office ist angesagt. Wir haben eine allgemeine Ausgangssperre, an die wir uns strikt halten. Wir dürfen nicht einmal die eigene Stadt verlassen, nur unter ganz strengen Voraussetzungen wie für einen Arztbesuch oder zum Einkaufen. Ich fahre alle 12 bis 14 Tage zum Einkaufen – ansonsten bleibe ich zu Hause.

An der Universität greifen wir jetzt auf Video- und Webkonferenz-Plattformen zurück. Das zweite Semester fing ja bei uns schon Mitte Februar an. Und plötzlich stand COVID-19 vor der Tür. Von einem Tag auf den anderen wurde der Unterricht vom realen in den virtuellen Raum verlegt.

Die Informatiker der Universität Bologna haben Wahnsinnsarbeit geleistet, denn es ist im Grunde nur eine Woche ausgefallen, dann waren fast alle Unterrichtseinheiten online zugänglich. Und das funktioniert gut, auch wenn das insbesondere von den Studierenden eine noch größere Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert als vorher. Da sind wir Lehrkräfte aufgefordert, mehr Verständnis für diese anstrengenden Situationen aufzubringen und den Studierenden entgegenzukommen.

Was die Alumni-Arbeit betrifft, so hat uns das auch erstmal hart getroffen. Es sollte das „internationale Jahr“ von DAAD Alumni Italien (ADIT) werden. In einem Brief an die Mitglieder Anfang des Jahres hatte ich noch geschrieben “ADIT goes international”. Am 14. und 15. Mai sollte ja in Ljubljana das DAAD EU-Ideen-Lab stattfinden, das wir zusammen mit Kollegen aus Slowenien und Kroatien organsiert haben. Wir werden versuchen, die Tagung online durchzuführen.

Aber wir versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. So organisiere ich für ADIT beispielsweise für Donnerstag, 16. April 2020 um 16 Uhr, eine virtuelle Diskussionsrunde mit dem deutschen Generalkonsul in Mailand, Claus Robert Krumrei. Er wird den Vereinsmitgliedern unter anderem zu den gegenwärtigen bilateralen Beziehungen Rede und Antwort stehen. Ein – wie ich meine – wertvoller Beitrag, um die derzeit angespannten Beziehungen zwischen Italien und Deutschland zu entspannen und eine Weiterentwicklung und Vertiefung der bilateralen Beziehungen sicherzustellen.

Sind Sie mit Stipendiaten oder Alumni in Kontakt, die jetzt Unterstützung brauchen?

Wir haben ein sehr gutes Netz von Verbindungen, aber das beschränkt sich – schon allein aus privatrechtlichen Gründen – vor allem auf unsere Vereinsmitglieder. Die Lage scheint bei der Mitgliedern unter Kontrolle zu sein. Krankheits- oder gar Todesfälle sind uns nicht bekannt und wir hoffen, dass es auch weiterhin so bleibt. Wer Hilfe braucht, kann sich gerne an uns wenden. 

Welche (gesellschaftlichen) Initiativen von Bürgern oder sogar von Alumni gibt es?

In Italien gibt es verschiedene Angebote beziehungsweise Initiativen, um in der aktuellen Corona-Krise gerade älteren, hilfsbedürftigen Menschen und Risikopersonen einfach und unbürokratisch zu helfen, zum Beispiel beim Einkauf, bei Botengängen oder bei der Besorgung von Medikamenten. ADIT-Alumnae und Alumni organisieren sich – im Rahmen des gesetzlich Möglichen – insbesondere in der Nachbarschaft.

Welche Hoffnungen oder Wünsche haben Sie?

COVID-19 hat nicht nur die EU, sondern die ganze Welt vor eine große Herausforderung gestellt. Zum einen wünschte ich mir mehr Solidarität. Die Corona-Krise hat die EU wirtschaftlich in zwei Lager geteilt: Nord und Süd. Union kommt aber ursprünglich aus dem Kirchenlatein, wo unio Einheit, Vereinigung bedeutet (zu lateinisch unus, auf Deutsch einer, ein Einziger). Davon kann aber momentan in der EU beim besten Willen nicht die Rede sein, obwohl gerade in solchen Grenzsituationen das Zusammenstehen als Einheit so wichtig wäre. Da zeigt sich doch erst die wahre Einheit! Und nicht nur, wenn wirtschaftlich alles funktioniert! Zum anderen brauchen wir für „danach“ eine kritische Hinterfragung der Globalisierung, die ganz eindeutig an ihre Grenzen gekommen ist. In seiner Ansprache zu Ostern und Corona am 11. April 2020 hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie ich meine, den Weg aufgezeigt, den wir „danach“ einschlagen sollten: Weg vom „immer nur schneller, weiter, höher“ hin zu mehr Solidarität, zu mehr Menschlichkeit, auch und gerade in Europa. Die Pandemie, so Steinmeier, „ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit“, die nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Regierungen betrifft. Wer könnte ihm das widersprechen.

Wie geht es Ihnen momentan?

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April 2020

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