Von der Arktis bis ins Korallendreieck: Der Klimawandel ist überall spürbar

Welche Faktoren beeinträchtigen die Meere am meisten? Als Moderator José Bolaños den Teilnehmenden einer digitalen Veranstaltung am 10. November 2021 diese Frage stellte, waren sie sich schnell einig: Verschmutzung, Müll, Lärm, Klimawandel. Darin stimmten sie auch mit den vier Expert:innen überein, welche das Alumniportal Deutschland zur Podiumsdiskussion „Der Zustand unserer Ozeane – gefährdete Lebensräume, bedrohtes Klima“ eingeladen hatte.

Henry Wu leitet eine Nachwuchsforschungsgruppe für Korallen-Klimatologie am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung. Ermöglicht wird diese durch das vom Bundesforschungsministerium finanzierte und vom DAAD verwaltete Förderprogramm „Make Our Planet Great Again – German Research Initiative“. Wu wartete mit beunruhigenden Zahlen auf: 95 Prozent der Korallen im östlichen Asien seien gefährdet. Im Atlantik seien es 75 Prozent, im Indischen Ozean 65 Prozent. „Aufgrund des Klimawandels wird es künftig häufiger zur Korallenbleiche kommen“, sagte der Wissenschaftler.

Korallen leben normalerweise in Symbiose mit einzelligen Algen, die ihnen ihre Farben verleihen. Aufgrund der Erwärmung der Ozeane stoßen sie diese ab und verlieren damit ihre Nährstoffquelle. Sie ragen wie bleiche Skelette in die Höhe. An der Bleiche können nicht nur die Korallen selbst zugrunde gehen, sondern auch Lebewesen in ihrer Umgebung.

An der Arktis die Zukunft ablesen

Neben dem Klimawandel als globalem Einfluss nannte Henry Wu auch lokale Stress-Faktoren: nicht regulierte Fischerei sowie durch Pestizide, Plastikmüll und andere Stoffe verunreinigtes Wasser.

Nach Meinung des Meeresbiologen und DAAD-Alumnus Hawis Madduppa gehört auch die intensive Schifffahrt dazu. Er ist Außerordentlicher Professor und leitet das Labor für Marine Biodiversität und Biosystematik an der Agricultural University in der Stadt Bogor. Madduppas Heimatland Indonesien liegt im sogenannten Korallendreieck – einer Weltregion, in der besonders viele Korallen leben.

Klimawandel und Schmutz bedrohen noch weitere Meeresbewohner, wie Clara Hoppe berichtete, ehemalige Feodor Lynen-Forschungsstipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung und heute leitende Forscherin am Alfred-Wegener-Institut am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Mikroalgen, die für andere Lebewesen im Arktischen Ozean eine wichtige Nahrungsquelle sind. Sie leiden an der höheren Temperatur und Versauerung des Wassers. „Wenn man die Effekte des Klimawandels verstehen will, ist die Arktis zentral“, sagte die Wissenschaftlerin. „Die Erwärmung geht dort zwei Mal so schnell vonstatten wie im Rest der Welt.“ Daher könnten die Forscherinnen und Forscher die Arktis für Voraussagen zu globalen Entwicklungen benutzen. Was sie dort feststellten, sei besorgniserregend, so Hoppe.


Die Expertinnen und Experten

  • Clara Hoppe Clara Hoppe
  • Henry Wu Henry Wu

Clara Hoppe war Feodor Lynen-Forschungsstipendiatin und arbeitet heute als leitende Forscherin am Alfred-Wegener-Institut am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Ihr Hauptinteressengebiet sind die Auswirkungen des Klimawandels auf Primärproduzenten in der Arktis. Mit diesem Thema beschäftigte sie sich bereits im Rahmen eines Stipendiums der University of British Columbia in Vancouver (Kanada). Kürzlich nahm sie an der einjährigen Expedition „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“ (MOSAiC) in die zentrale Arktis teil und koordinierte dabei das Programm für die Entnahme von Proben aus dem Ökosystem.

Foto: RBU

Henry Wu leitet zurzeit die Nachwuchsforschergruppe für Korallen-Klimatologie am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen. Ermöglicht wird dies durch das vom BMBF finanzierte und vom DAAD verwaltete Förderprogramm „Make Our Planet Great Again – German Research Initiative“. Wu und seine Gruppe sind auf Korallenriffe, Ozeanografie und Klimatologie spezialisiert und versuchen schwerpunktmäßig, den aktuellen Klimawandel sowie die Umweltvariabilität in der jüngeren Vergangenheit zu verstehen.

Foto: Jens Lehmkühler/U Bremen Research Alliance

  • Marlus Oliveira Marlus Oliveira
  • Hawis Madduppa Hawis Madduppa

Marlus Oliveira ist Rechtsanwalt und hat einen Masterabschluss in Umweltingenieurwesen. Derzeit ist er Promovend der Geowissenschaften. Als ehemaliger Bundeskanzler-Stipendiat verfügt er mittlerweile über mehr als zehn Jahre Arbeitserfahrung im Umweltbereich. Seine Tätigkeit umfasst nationale und internationale Projekte, darunter: (i) ein Sanierungsplan für die brasilianische Guanabara-Bucht, finanziert von der Interamerikanischen Entwicklungsbank, (ii) Beratung der GIZ in Fragen des Abfallmanagements, (iii) Mitgliedschaft in der Jury eines Umweltpreises, (iv) Forschungstätigkeit in Deutschland im Bereich Technologien für das marine Abfallmanagement. Als Anwalt für Umweltrecht arbeitet er bei der Kanzlei Barbosa Müssnich Aragão (BMA).

 

Foto: Alexander von Humboldt-Stiftung

Hawis Madduppa ist Associate Professor und Leiter des Marine Biodiversity and Biosystematics Laboratory am Department of Marine Science and Technology, der Bogor Agricultural University. Er promovierte in Meeresbiologie und Biotechnologie an der Universität Bremen. Seine Forschungsinteressen beziehen sich auf marine Biodiversität und Erhaltung, Verbreitung und Konnektivität der Meeresumwelt, Ökologie und Biologie von Meeresfischen, Populationsgenetik (Phylogeographie), Biosystematik, Wiederherstellung und Rehabilitation von Fischhabitaten und die Verwendung von Fischen als biologischer Indikator. Er forscht seit 2013 aktiv über Walhaie in Indonesien und ist Berater von Whale Shark Indonesia (WS-ID), einer Gemeinschaftsinitiative zur Beobachtung und Erhaltung von Walhaien in Indonesien. Er ist Vorstand von Biorock Indonesia, die sich für die Wiederherstellung und Rehabilitation mariner Ökosysteme in ganz Indonesien einsetzt. Er ist Mitglied eines Kooperationsnetzwerks – Diversity of the Indo-Pacific Network (DIPnet) – das Kollaborationen und Best Practices der Biodiversitätsforschung fördert. Er ist Adjunct Research Fellow (2016-2018) und Honorary Research Associate (2018-2021) an der Victoria University of Wellington, Neuseeland. 2017 wurde er zum Mitglied der Indonesischen Jungen Akademie der Wissenschaften (ALMI - Akademi Ilmuwan Muda Indonesia) gewählt und ist nun deren Generalsekretär. Derzeit entwickelt er ein Start-up namens Oceanogen, um die Erforschung der marinen Biodiversität in Indonesien seit 2020 zu fördern.

 

Foto: privat


Gemeinsam gegen Müll im Meer

Der vierte Experte bei der Podiumsdiskussion, der Brasilianer Marlus Oliveira, kämpft gegen den Müll im Meer. Der Rechtsanwalt hat einen Masterabschluss in Umweltingenieurwesen und erhielt für seine Forschungen ein Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. „Was mich am meisten beunruhigt: Vielen Menschen ist die Tragweite ihres Handelns nicht bewusst. Ihr Müll ist kein lokales Problem“, sagte Oliveira. Plastikverpackungen, die an seinem Wohnort Rio de Janeiro in den Gulli geworfen werden, könnten bis an die Küste eines anderen Kontinents gespült werden.

„Das Müllproblem kann nicht allein von den Vereinten Nationen, den Behörden und durch neue Technologien gelöst werden“, mahnte der Jurist. „Auch die Menschen müssen umdenken.“ Er berichtete von einigen kostengünstigen und effektiven Denkanstößen, die er in verschiedenen Ländern kennengelernt hat: Ein kleiner, auf die Wand gezeichneter Fisch macht Passantinnen und Passanten in einem Entwicklungsland darauf aufmerksam, dass das, was sie in den Gulli werfen, ungefiltert ins Meer transportiert wird. Gelbe, auf den Bürgersteig aufgemalte Fußstapfen markieren den Weg zum nächsten Mülleimer. Auch das deutsche Pfandsystem habe ihn beeindruckt, sagte Oliveira.

Mehr Investitionen und interdisziplinäre Forschung

Hawis Madduppa mahnte eine intensive Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden und Wissenschaft sowie Umweltbildung für die Bevölkerung an. „Viele Menschen wissen noch immer nicht, was der Klimawandel ist, und was es bedeutet, wenn die Artenvielfalt zurückgeht“, sagte er. So müssten etwa Fischer:innen darin geschult werden, ihre Gerätschaften und Materialien an Land zurückzubringen und sie erneut zu verwenden.

Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2021 bis 2030 zur Internationalen Dekade der Meeresforschung für Nachhaltige Entwicklung erklärt. Auch auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow waren die Ozeane und ihre Rolle in Zusammenhang mit dem Klimawandel Thema. Ihren Zustand zu verbessern, wird ein schwieriger Prozess werden, der nur durch die Zusammenarbeit von Staaten gelingt. Das hat die Podiumsdiskussion eindrücklich gezeigt. Und auch, dass bald etwas geschehen muss, um die Meere und ihre Bewohner zu retten.

 

Autorin: Josefine Janert

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Dezember 2021

Kommentare

Prof. Dr . Dieter Böning
16. Dezember 2021

Im Alter von mehr als 80 Jahren bin ich nicht ganz so pessimistisch wie jüngere Leute, was die Umweltverschmutzung betrifft. Früher rieselte im Ruhrgebiet der Kohlestaub auf die Fensterbänke, die Abgase der Kraftwerke enthielten Schwefel. Mein VW-Käfer verbrauchte 15 l bleihaltiges Benzin auf 100 km. Die Häuser hatten außer in den Bergen nur einfach verglaste Fenster. und waren auch sonst schlecht isoliert. Abwässer flossen ungereinigt in den Boden oder die Flüsse, im Rhein badeten nur robuste Naturen. Heute lebt dort wieder der Lachs. Die Benutzung von Plastiktüten ist nicht nur bei uns, sondern auch in Südamerika zurückgegangen. Noch vor 10 Jahren lagen sie dort in Massen auf den Straßen und an den Stränden. Die Lampen brauchen viel weniger Strom und auf meinem Dach ist eine Solaranlage. Wir können es packen!

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