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„Wir hatten das große Los gezogen“

Der 9. November 1989, an dem unter dem Druck der Bürgerbewegung in der DDR die Grenze zur Bundesrepublik geöffnet wurde, ist untrennbar mit der Wiedervereinigung im Oktober 1990 verknüpft. Die sogenannte Wende war ein Meilenstein, auch für die deutsche Hochschulentwicklung. Zugleich begann damals eine neue Zeit für Tausende junge Menschen, die gerade ein Auslandsstudium in der DDR absolvierten.

8.000 Studierende und Graduierte aus 76 Ländern

Mit der friedlichen Revolution in der DDR geriet für die ausländischen Studierenden zunächst alles ins Wanken: der weitere Aufenthalt in Deutschland ebenso wie der geplante Studienabschluss. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) half, indem er die Stipendiatenprogramme der DDR fortführte. Insgesamt waren in den Jahren 1989/1990 etwa 8.000 ausländische Studierende und Graduierte aus 76 Ländern an ostdeutschen Hochschulen immatrikuliert.

Einige Staaten wie Nordkorea und Kuba holten ihren wissenschaftlichen Nachwuchs sehr schnell nach Hause. Aber Tausende der ausländischen Stipendiaten blieben. Bis 1996 konnten fast 90 Prozent ihre Aus- oder Fortbildung erfolgreich abschließen. „Ein voller Erfolg“, bilanziert Cay Etzold. Er gehörte damals zu den knapp drei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der „Arbeitsstelle Berlin-Mitte“, die der DAAD von 1990 bis 1996 eingerichtet hatte, um die Rettung der Stipendiatenprogamme zu organisieren.

Marxismus-Leninismus als verpflichtendes Studienfach

Die fortgesetzte Betreuung der ausländischen Studierenden in Ostdeutschland war Teil der Herkulesaufgabe, die Hochschulsysteme Ost und West zusammenzuführen. Beide waren bis dahin geprägt von den konkurrierenden politischen Systemen der DDR und der Bundesrepublik. Im Einigungsvertrag von 1990 hatten sich die beiden deutschen Staaten darauf verständigt, die Struktur des westdeutschen Bildungswesens im Wesentlichen auf Ostdeutschland zu übertragen. Unbestritten war, dass es auch im Westen Reformbedarf gab. Aber für eine Hochschulreform in beiden Landesteilen fehlte angesichts der enormen Aufgaben, die mit der Transformation des ostdeutschen Wissenschaftsbereichs verbunden waren, dann doch die Kraft.

Ziel der Erneuerung des ostdeutschen Hochschulwesens war es, föderale Strukturen zu schaffen, die Freiheit von Forschung und Lehre zu etablieren und die akademische Selbstverwaltung zu sichern. Dies war nötig, um die ostdeutschen Hochschulen auch international wettbewerbsfähig zu machen. Die DDR-Führung hatte ihre Hochschulpolitik nach dem antiliberalen, antidemokratischen und planwirtschaftlichen Muster der Sowjetunion ausgerichtet. Marxismus-Leninismus war verpflichtendes Fach in allen Studiengängen und die „Bildung des sozialistischen Charakters“ der Studierenden erklärtes Ziel der Hochschulpolitik.

Besserer Betreuungsschlüssel, niedrigere Abbrecherquote

Bereits die Zulassung zum Studium geschah nach politisch-ideologischen Kriterien. Die Festsetzung der Studierendenzahl war eingefügt in die Fünfjahrespläne zur Steuerung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der DDR. Auf den Betreuungsschlüssel wirkte sich das positiv aus. Aber mit nur zehn bis 13 Prozent wurden in der DDR auch weniger Schulabsolventen eines Jahrgangs zum Studium zugelassen als in der damaligen Bundesrepublik, wo jeder fünfte den Schritt an die Hochschule schaffte.

Als die Mauer 1989 fiel, lehrten an den Universitäten der DDR knapp 7.500 Professoren und Dozenten, die rund 110.000 Studierende unterrichteten. Mit etwa 15 Studierenden pro Lehrendem war dies ein deutlich günstigeres Verhältnis als an den westdeutschen Universitäten. Dort gab es etwa 1,4 Millionen Studierende und rund 30.000 Professorinnen und Professoren; das waren etwa 47 Studierende pro Lehrendem. Nicht zuletzt aufgrund der intensiveren Betreuung waren in der DDR die Studienzeiten kürzer und die Abbrecherquote geringer.

„Wir hatten das große Los gezogen“

Für viele junge Menschen aus dem Ausland ging mit dem Studium in der DDR und den beruflichen Perspektiven, die sich damit boten, ein Traum in Erfüllung. „Meine Eltern haben gejubelt. Wir hatten das große Los gezogen“, erinnert sich Pham Thi Hoai in einem Videointerview.

Mit 16 Jahren wurde sie 1978 von der kommunistischen Regierung Nordvietnams für ein Auslandsstudium ausgewählt. Wie viele ihrer Landleute erfuhr sie erst kurz vor der Abreise, in welchem Land sie studieren würde. Alemayehu Gibissa, der 1986 von der damaligen sozialistischen Volksrepublik Äthiopien zu einem Aufbaustudium in die DDR geschickt wurde, sagt: „Ob Ost oder West, das konnten wir damals nicht unterscheiden. Deutschland war Deutschland.“ Wie Pham Thi Hoai und Alemayehu Gibissa kamen Tausende junge Ausländer aus sozialistischen Bruderstaaten zum Studium in die DDR.

Kontrolle durch Parteifunktionäre

Gleichwohl bildete diese Gruppe nur die Hälfte der 50.000 bis 78.000 ausländischen Studierenden, die von 1951 bis 1989 in der DDR einen Abschluss erwarben. Die Zahlen schwanken, je nachdem welche der zum Teil sehr speziellen Studienoptionen in die Berechnung einbezogen wegen. Auch junge Menschen aus Westeuropa und sogar aus den Vereinigten Staaten nutzten das Studienangebot in der DDR, mit dem die politische Führung auch Imagewerbung für ihr marxistisch-leninistisches Modell betrieb. Es wurden keine Studiengebühren erhoben und auch den Studierenden aus dem Ausland zahlte der Staat einen monatlichen Beitrag zum Lebensunterhalt. Die staatlichen Gesamtkosten dafür wurden für die letzten Jahre vor der Wende auf etwa 100 Millionen DDR-Mark beziffert.

Kehrseite der staatlichen Fürsorge war allerdings, dass auch ausländische Studierende der Kontrolle durch Parteifunktionäre unterlagen. „Ich fühlte mich manchmal beobachtet und ausgefragt“, berichtet ein Student aus Madagaskar. Viele ausländische Studierende sorgten sich jedoch in erster Linie wegen der prekären Lage in ihren Heimatländern; die politischen Verhältnisse in der DDR waren für sie eher zweitrangig. „Manchen fiel die kulturelle Umstellung sehr schwer. Andere hatten Probleme zu Hause. Die instabile politische Situation, ökonomische Schwierigkeiten”, schreibt Aníbal Ramírez aus Nicaragua, der Mitte der 1980er Jahre ein Studium in Leipzig absolvierte.

Mehr Austausch denn je

30 Jahre nach Öffnung der Mauer studieren mehr junge Ausländerinnen und Ausländer denn je an Hochschulen in Ost- und Westdeutschland. Neben der Hauptstadt Berlin verzeichnen die ostdeutschen Länder Sachsen, Brandenburg und Thüringen den höchsten Anteil ausländischer Studierender. Auch wenn die Mauer Deutschland nicht mehr teilt, sind Offenheit und ein tolerantes Miteinander ein wichtiges Anliegen des akademischen Austauschs heute. Die Ende 2019 scheidende DAAD-Präsidentin, Professor Margaret Wintermantel, hebt deshalb hervor: „Es ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, dass eine steigende Zahl von jungen Menschen die Erfahrung eines Auslandsaufenthalts sucht.“

Autorin: Katja Gelinsky

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August 2019

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