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Unterrichten in Indien: Eine Erfahrung fürs Leben

Denken Sie manchmal darüber nach, etwas ganz Anderes zu machen? Für die Spanierin Begoña Llovet ging mit einem Freiwilligendienst in Indien ein Herzenswunsch in Erfüllung. Hier erzählt die 57 Jahre alte Direktorin der Madrider Sprachschule „Tandem Escuela Internacional“ und DAAD-Alumna davon, wie es dazu kam, dass sie in Indien Deutsch unterrichtete.

„Stell dir vor, du sitzt wie jeden Morgen an deinem Schreibtisch und öffnest wie jeden Tag dein Email-Postfach. Eine der Nachrichten ist vom Madrider Germanistenverband – und sie wird dein Leben verändern:

,Liebe Lehrerinnen und Lehrer, Vicente Ferrer Stiftung möchte Sie über ihr Programm der Freiwilligenarbeit für Deutschlehrerinnen und -lehrer an der Berufsschule für Fremdsprachen des RDT (Rural Development Trust) informieren‘, heißt es in der Nachricht.

Unter diesem Namen kennt man die Vicente Ferrer Stiftung in Indien. Es geht um eine freie Stelle von Anfang August bis Mitte Dezember 2018. Die Berufsschule für Fremdsprachen ist eine Bildungseinrichtung für Universitätsabsolventinnen und -absolventen, die sich auf Fremdsprachen spezialisieren wollen. Die Schule will Akademiker aus benachteiligten Schichten dabei unterstützen, ihre Englischkenntnisse zu verbessern und eine weitere Fremdsprache zu lernen (Französisch, Spanisch oder Deutsch). Sie erhalten Grundlagen der Informatik und Buchhaltung und erlernen Kommunikationsstrategien und Softskills, die ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.

,Die Lehrerinnen und Lehrer, die an unserer Schule tätig waren‘, ‚sind sich darüber einig, dass die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler und der Einfluss unserer Arbeit auf die Region Anantapur den Aufenthalt zu einer einzigartigen und unvergesslichen Erfahrung für jede Lehrerin und jeden Lehrer machen. Wir brauchen Fachleute wie Sie, damit die Jugend von Anantapur eine bessere Zukunft hat und zur Entwicklung der Region beitragen kann.‘

Der Ruf

Es ist schon ein seltsamer Zufall: Ich war zwar mehrere Jahre lang Mitglied des Madrider Germanistenverbands, doch trat ich dann aus und hatte keinerlei Kontakt, bis ich 2017 wieder Mitglied wurde.

Und das war die erste Nachricht, die ich bekam!

Indien (ein jahrelanger Traum), Freiwilligenarbeit (ein langgehegter Wunsch), Deutsch unterrichten (eine geliebte Tätigkeit). Und all das zusammen! Und so plötzlich. Wenn ich an Freiwilligenarbeit dachte, war das eher im Zusammenhang mit Medizin, Ingenieurwesen oder Architektur … Aber sicher nicht Deutschunterricht. Und schon gar nicht in Indien.

Deshalb dachte ich sofort, dass dieser Nachricht eigentlich nur eine Zeile fehlte: ,Begoña Llovet, wir warten auf dich.‘ Es war, als wäre diese Nachricht direkt an mich gerichtet. Wie ein Ruf, dem ich folgen musste, der mich im Innersten ansprach und meinen Träumen und Begabungen entsprach. Und ich begab ich mich auf die Reise.

Zuerst teilte ich den Wunsch meiner Familie mit. Obwohl sie anfangs natürlich überrascht war, unterstützte sie mich vom ersten Augenblick an voll und ganz.

Patenschaften, Mikrokredite, Schulprojekte

Die Vicente Ferrer Stiftung war mir relativ unbekannt. Sofort begann ich mich zu informieren, zu recherchieren. Ich sah Dutzende Videos, las Texte von Vicente und Anna Ferrer, besuchte Webseiten und suchte Erfahrungsberichte im Internet. Alles, was ich fand, war hochinteressant. Eine gereifte, in sich stimmige, handlungsorientierte Organisation mit Programmen in verschiedenen Bereichen – von Patenschaften für Kinder und Frauen, Mikrokrediten, Schulprojekten und Berufsschulen bis zu Projekten im ökologischen Bereich und im Wohnbau.

Meine erste Kontaktperson war der Leiter der Berufsschule, José Antonio Hoyos. Er erklärte mir alles Wissenswerte über die Schule und dabei wurde mir bewusst, dass ich an einem wirklich bedeutsamen Projekt teilnehmen würde: Junge Menschen aus unteren sozialen Schichten oder armen Familien auszubilden, um ihnen Zugang zum Arbeitsmarkt in Bangalore zu ermöglichen, wo internationale Unternehmen wie Amazon oder Oracle ansässig sind. Wo ein Großteil der Arbeit verrichtet wird, der dann über das Internet in die westliche Welt hinausgeht. 

Aufschwung der regionalen Wirtschaft

Für junge Menschen bedeuten Arbeitsplätze in dieser Branche, dass sie ihr eigenes Geld verdienen und ihre Eltern – meist arme Bauern – finanziell unterstützen können. Das stärkt die örtlichen Gemeinden, die dann wiederum mehr Mittel zur Verfügung haben. Die regionale Wirtschaft erfährt einen Aufschwung. Angehörige der unteren Schichten werden gestärkt und können in Würde leben. 

Die Ankunft

Wenn man zur Vicente Ferrer Stiftung kommt, verbringt man die erste Woche damit, sich unterschiedliche Projekte anzuschauen. Ich besuchte Kindergärten, in denen Kinder aus sozial benachteiligten Schichten gefördert werden. Ich lernte ein Projekt für Menschen mit Behinderung kennen, die in einer Werkstatt Kunsthandwerk herstellen und damit Geld verdienen.

Außerdem lerne ich eine Frauenkooperative kennen, die Damenbinden produziert: Die Frauen haben es nicht nur geschafft, eine Kooperative zu gründen und davon zu leben, sondern auch die hygienische Versorgung der Frauen ihrer Gemeinschaft zu verbessern.

Ich besuchte ein Krankenhaus, in dem mittellose Menschen kostenlos und gut behandelt werden, und lernte das ‚Projekt der Sparbüchsen‘ kennen: Arme Menschen, die selbst einmal Hilfe der Stiftung erhalten hatten, haben das Projekt initiiert und überall Spendendosen verteilt – in Dörfern, Schulen, Geschäften, an allerlei Orten, damit Leute etwas zur Arbeit der Stiftung beitragen können. Ich besuchte auch eine Schule für Kinder mit Behinderung: In Indien können Kinder mit Behinderung oft nicht von den eigenen Angehörigen betreut werden, weil diese selbst arbeiten müssen. Die Vicente Ferrer Stiftung nimmt sie auf, erzieht sie und betreut sie.

Die Ärmsten unterstützen

Es gab viele Momente während dieser Besuche, bei denen mir die Tränen kamen. Es sind berührende Momente, in denen mir bewusst wurde, wie gut wir es hier in der westlichen Welt haben und wie wenig wir über diese so andere Welt und ihre Schwierigkeiten wissen. Ich fühlte, dass ich von jetzt an aktiver und tatkräftiger daran mitarbeiten wollte, die Ärmsten zu unterstützen, statt nur an die eigene Rente und die Hypothek zu denken.

Das Schulgelände ist ein sehr angenehmer Ort, eine Oase inmitten von Rikschas, Hupen, Kühen, Hunden und Lastwagen von Anantapur. Hier wohnt auch Anna Ferrer. Und obwohl ich sie nur zwei Mal gesehen habe, spürt man ihre Anwesenheit klar und deutlich. Ich glaube, dass sie es ist, die durch ihren besonderen Werdegang und ihre unermüdliche Arbeit der Stiftung ihren Atem verleiht.

Sich neu erfinden

Während meines gesamten Aufenthalts fühlte ich mich wie zu Hause. Das war ein wunderbares Gefühl, vor allem da auch ich vor meiner Ankunft etwas Angst hatte und fast einen Rückzieher gemacht hätte. Dein eigenes Leben für einige Monate zu verlassen, etwas Neues zu wagen, den komfortablen Alltag aufzugeben, in eine neue Welt einzutauchen, auf gewisse Weise, sich selbst neu zu erfinden, ja, das braucht seine Zeit. Aber kaum, dass ich über die Türschwelle der Stiftung trat, waren all meine Erwartungen übertroffen. Es ist ein Geschenk, dort gewesen zu sein.

Vier Monate lang arbeitete ich als Lehrerin einer Gruppe von 29 jungen Männern zwischen 22 und 27 Jahren. Sie waren der Traum aller Lehrer: Sie kamen jeden Morgen mit einem Lächeln in die Klasse, waren höchstmotiviert, höflich, freundlich und begeistert bei der Sache. Sie sind fleißig. Und sie sind lustig. Ich bewundere ihre Lust am Lernen und ihre Fähigkeit, sich immer wieder zu übertreffen.

Alle Menschen werden Brüder

An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, Außerirdische zu unterrichten oder besser gesagt, fühlte ich mich wie ein Marsmensch: Diese jungen Menschen wissen nicht, wer die Beatles sind, sie kennen 85% der Speisen nicht, die im Deutschbuch vorkommen, Fußballspieler wie Lionel Messi sind ihnen kein Begriff.

Und ich wiederum kenne weder ihre berühmten Cricketspieler noch die hinreißenden Bollywood-Stars, kann ihre Mimik und Gestik teilweise nicht deuten und kenne auch ihre Dörfer und Familien nicht.

Und nichtsdestotrotz lernten sie schon am ersten Tag ein Stückchen aus der „Ode an die Freude“ von Beethoven. Sie sangen „Alle Menschen werden Brüder“ und fanden das wunderbar. Wir haben es mit einem YouTube-Video eines Kölner Jugendchors gelernt. Sie lernten Beethoven und Mozart kennen, den Komponisten Andreas Vollenweider und Rammstein. Und ich verstehe jetzt ein paar Sätze ihrer Sprache Telugu, weiß, was ein Biryani-Hähnchen ist, weiß mehr über Cricket, erfahre, dass die Menschen in Anantapur barfuß gehen und wie sie mit dem Kopf ‚ja‘, ‚nein‘ oder ‚ganz im Gegenteil‘ sagen.

Lust am Lernen

Die jungen Männer sind gute und eifrige Schüler. Und doch haben sie manchmal Schwierigkeiten, die gar nicht mit dem Inhalt, sondern der Art der Übungen zusammenhängen, die ihnen nicht vertraut ist. Man muss ihnen genau erklären, was in der jeweiligen Übung gefragt ist, manchmal sogar so einfache Dinge, wie, was auf einem Bild zu sehen ist (Käse, Joghurt oder Marmelade). Und dann muss man ihnen auch erklären, wie unsere Wohnungen aussehen mit all ihren Elektrogeräten und Einrichtungsgegenständen – nicht ohne sich beschämt zu fühlen, da ihre Wohnungen im Normalfall aus einem einzigen Zimmer bestehen. Sie sind an Frontalunterricht in großen Gruppen und ohne Teilnahme gewohnt. Gruppenarbeit wird in indischen Schulen nicht gefördert. Aber meine Schüler sind begeisterungsfähig, motiviert und haben Lust am Lernen. In meinem Unterricht stand die Kommunikation im Vordergrund, verbunden mit vielen Elementen des ganzheitlichen Lernens, worauf ich spezialisiert bin, und dem Einsatz neuer Technologien.

Auf ins Abenteuer

Als ich das Studium der Deutschen Philologie an der Universität Complutense in Madrid abschloss, hatte ich das Glück, ein Stipendium des DAAD zu bekommen und ein Jahr in Deutschland studieren zu können. Ich schrieb dort meine Magisterarbeit über Hölderlin. Ich werde dem DAAD für diese wunderbare Chance immer dankbar sein, die mich ein bisschen mehr zu einer Weltbürgerin machte und außerordentlich motivierte. Die Freiwilligenarbeit in Indien war auch das Ergebnis meiner akademischen und beruflichen Laufbahn: Als Germanistikstudentin, DAAD-Stipendiatin, Mitbegründerin und Direktorin der Sprachschule Tandem und Übersetzerin deutschsprachiger Literatur.

Es ist eine Art, all das zu teilen, was das Leben mir gegeben hat. Diese Freiwilligenarbeit ist mit einem winzigen Sandkorn vergleichbar, es ist ein sehr bescheidener und kleiner Beitrag. Doch ich habe ihn aus vollem Herzen geleistet.

Also, wenn du eines Tages in deinen Posteingang schaust und eine Nachricht von …. siehst: Dann auf ins Abenteuer!

DANKE.“

Ein Beitrag von Begoña Llovet

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Januar 2020

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