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Professor Adnane Abdelghani: „In Deutschland findet die Forschung auf multidisziplinärer Ebene und mit großem Praxisbezug statt“

Name: Professor Adnane Abdelghani
Lebt in: Tunis, Tunesien
Herkunftsland: Tunesien
Deutschlandaufenthalt: 1997 bis 2000 in München
Forschungseinrichtung: Technische Universität München (Forschungsstipendium für Postdoktoranden der Alexander von Humboldt-Stiftung)
Beruf: Wissenschaftler im Bereich der Nanotechnologie

Professor Abdelghani, herzlichen Dank für dieses Interview mit dem Alumniportal Deutschland. Könnten Sie uns wohl zunächst etwas über Ihren bisherigen Werdegang erzählen? Was waren die wichtigsten Schritte in ihrer Ausbildung und welchen Einfluss hatte ihre Zeit im Ausland auf Ihre berufliche Entwicklung?

Professor Adnane Abdelghani: Vielen Dank für die Einladung. Ich habe zunächst an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Monastir studiert, mit einem Abschluss im Jahr 1993. Danach absolvierte ich einen Master-Studiengang im Bereich Forschung in der Elektrotechnik am INSA (Nationales Institut für Angewandte Naturwissenschaft) in Lyon und schließlich erlangte ich 1994 einen Doktortitel am Institut für Ingenieurwissenschaften der École Centrale de Lyon.

Im Jahr 1997 trat ich ein dreijähriges Forschungsvorhaben im Labor für Biophysik an der Technischen Universität München an, unterstützt durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Im September 2000 begann ich meine Tätigkeit als Dozent am INSAT (Nationales Institut für Angewandte Naturwissenschaft und Technologie Tunesiens). Im Jahr 2004 habilitierte ich mich an der Naturwissenschaftlichen Fakultät in Tunis und 2005 wurde ich außerordentlicher Professor am INSAT. Ab 2009 leitete ich den Forschungsbereich der Ingenieurwissenschaften und Technologie am Graduierteninstitut École Normale Supérieure in Cachan und 2011 wurde ich schließlich zum Professor am INSAT berufen.

Video-Interview mit Professor Adnane Abdelghani aus Tunesien

Sie haben also mit Unterstützung der Alexander von Humboldt-Stiftung einen dreijährigen Forschungsaufenthalt in Deutschland absolviert. Welche Unterschiede oder Ähnlichkeiten konnten Sie hinsichtlich der Forschungskultur zwischen Deutschland und Tunesien beobachten?

Professor Adnane Abdelghani: Es gibt einen erheblichen Unterschied. In Deutschland findet die Forschung auf multidisziplinärer Ebene und mit großem Praxisbezug statt, denn in diesem Land gibt es eine reiche Vielfalt an Industrie mit bedeutenden Konzernen wie BMW, Mercedes, BASF, Bayer und Siemens. Dies sind große Unternehmen, die die Forschung finanziell unterstützen können. Grundlagenforschung ist daher stets eng mit der Industrie verbunden und ist für die wichtige industrielle Struktur relevant. In Deutschland lernt man, diszipliniert und gründlich zu arbeiten, immer auf der Höhe der technischen Innovationen zu sein und Sozialkompetenzen zu entwickeln, die in den Bereichen der Kommunikation, der Wissensvermittlung und der Teamarbeit ausgesprochen nützlich sind. Die Sprache war für mich nie ein Hindernis.

Es gibt also große Unterschiede zwischen der Forschung in Deutschland und der Forschung in Tunesien. In Deutschland gibt es zudem eine Vielzahl von Institutionen, die Forschung finanzieren, so zum Beispiel die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) fördert Programme in ihren Sonderforschungsbereichen (SFB). Als Folge werden in Deutschland zahlreiche wichtige Forschungsprogramme durchgeführt.

„Theorie und Versuche gehen Hand in Hand“

Sie sind im Bereich der angewandten Forschung tätig. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in Ihrer Forschung oder Ihrer Lehre? Haben Ihre Erfahrungen in Deutschland dies in irgendeiner Weise beeinflusst?

Professor Adnane Abdelghani: Theorie und Versuche gehen Hand in Hand. Ohne eine theoretische Grundlage kann man keine Versuche durchführen. In Deutschland gibt es Institute wie das Max-Planck-Institut, die sehr viel Theorie- und Grundlagenforschung durchführen, die jedoch auch Verträge mit der Industrie abschließen. Das zeigt, wie wichtig die Grundlagenforschung für die Anforderungen der Industrie ist – Theorie und Praxis sind eng miteinander verbunden.

Im Juli erhielten Sie den Preis des Präsidenten für Wissenschaftliche Forschung. Herzlichen Glückwunsch! Dieser Preis wurde Ihnen für die Internationalisierung der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Nanotechnologie verliehen. Wie sehen Ihre Pläne zur Fortsetzung dieser Arbeit aus?

Professor Adnane Abdelghani: Ja, ich erhielt den Preis des Präsidenten für Wissenschaftliche Forschung am 22. Juli 2015. Das war nicht nur für mich sondern auch für mein Forschungsteam eine große Freude. Nun stehen wir vor der großen Herausforderung, diese Qualität der wissenschaftlichen Forschung aufrecht zu erhalten. Ich werde mich bemühen, das Tempo unserer Fortschritte beizubehalten und mein Team zu noch besseren Leistungen anzuspornen. Derzeit beschäftigen wir uns mit Innovations- und Start-up-Projekten, die auf tunesischer Kompetenz basieren und in Tunesien oder auch in anderen Ländern umgesetzt werden. Ich bin mit Ingenieuren und Wissenschaftlern aus dem Bereich Computertechnologie in Ländern wie Dubai, Deutschland und Spanien im Kontakt. Mein Ziel ist es, ihre Fachkenntnisse mit der Kompetenz unserer Forscher hier zu kombinieren, um ein Start-Up-Projekt im Bereich der Nanotechnologie umzusetzen. Dieses Unternehmen würde sowohl Forschung und Entwicklung als auch einen eigenen Produktionszweig betreiben.

„Forscher müssen lernen, Artikel und Dissertationen zu lesen“

Als Universitätsprofessor haben Sie eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Wissen an die nächste Generation. Was genau möchten Sie ihren Studenten mitgeben?

Professor Adnane Abdelghani: Ich versuche, Ihnen zu vermitteln, wie wichtig es ist, diszipliniert und gründlich zu arbeiten und immer auf der Höhe der technologischen Innovationen zu sein. Außerdem sollten sie gut Englisch und Französisch sprechen, im Team zusammenarbeiten können, sich gut ausdrücken und Fragen verbindlich beantworten können. Sie müssen ihren Zuhörern etwas Interessantes bieten und Kontakte in der Industrie und im akademischen Bereich knüpfen, denn dort sind die Leute, die ihnen helfen und ihren beruflichen Erfolg fördern können.

Welche Fähigkeiten sollten Forscher und Wissenschaftler außer der akademischen Ausbildung und Qualifikation im Laufe ihres Berufslebens entwickeln? Wie können sie ihre Fähigkeiten als Wissenschaftler oder Forscher weiterentwickeln?

Professor Adnane Abdelghani: Forscher müssen lernen, Artikel und Dissertationen zu lesen. Es gibt eine Technik, dies effektiv zu tun: Man kann einen Artikel entweder überfliegen oder genau lesen. Sie müssen lernen, die Qualität der Zeitschrift und der Arbeit einzuschätzen und über die Arbeit verschiedener Labors und Forscher Bescheid wissen. Man braucht eine Datenbank mit Spezialisten aus allen Bereichen in der ganzen Welt. Sie müssen die Fähigkeit entwickeln, zu erkennen, welche Arbeiten sie lesen sollten und welche sich vielleicht nicht lohnen. Sie müssen lernen, gut zu schreiben und zu reden und mit Argumenten zu überzeugen. Sie sollten Risiken eingehen und neue Forschungsprojekte und Unternehmen wagen. Wie Sie wissen, versuchen Forscher zumeist, nach ihrem Abschluss einen Universitätsposten zu finden. Diese sind allerdings nicht leicht zu bekommen und viele Forscher müssen nach Alternativen suchen. Eine Möglichkeit für qualifizierte Wissenschaftler ist es, ein eigenes Unternehmen zu gründen, das sie allmählich aufbauen können.

Deutsch-tunesischer Austausch

Sie engagieren sich sehr für die tunesisch-deutschen Beziehungen. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Prioritäten zur Stärkung des Austauschs zwischen den beiden Ländern?

Professor Adnane Abdelghani: Ja, ich engagiere mich im DAAD. Meiner Meinung nach sollten die Prioritäten in den Bereichen Biotechnologie, Mechatronik, Mechanik, Elektromechanik und Umwelt liegen. Dies sind Schlüsselsektoren und ich glaube, dass Tunesien mit Unterstützung aus Deutschland erfolgreiche Projekte in diesen Bereichen umsetzen kann.

Könnten Sie uns zum Abschluss eine Anekdote oder eine Erinnerung an Ihre Zeit in Deutschland erzählen?

Professor Adnane Abdelghani: Ich habe keine bestimmte Anekdote, aber an zwei Dinge während meines Aufenthalts in Deutschland werde ich mich immer besonders erinnern: Ich habe in Deutschland geheiratet und mein ältester Sohn Darek kam am 15. Juli 2000 zur Welt. Meine drei Jahre in Deutschland waren eine wunderbare Zeit, und München, wo wir lebten, ist eine wunderschöne Stadt. Ich habe großartige Menschen kennengelernt und ich denke dabei vor allem an meinen Professor, Erich Sackmann. Er ist mittlerweile emeritiert und eine wirkliche Koryphäe  im Feld der Biophysik. Ich hoffe sehr, dass er eines Tages den Nobelpreis für Physik erhalten wird.

Haben Sie vielen Dank. Wir wünschen Ihnen für Ihre künftigen Projekte viel Erfolg!

Mai 2016

Kommentare

Prehn
27. Mai 2016

Ein sehr offener und neutraler Betrag der sehr gut die Wege aufzeigt die in der Forschung zu gehen wichtig sind. Sollten sich so einige Studenten verinnerlichen. Danke

Chokriamri
22. Mai 2016

Sehr interessant erfahrung..Aber in Tunisien fehlt immer die verbindung zwichen Forschung und industrie...

Chokri Zoghlami
20. Mai 2016

Es ist sehr interessant die Erfahrung Herr Adnane Abdelghani zu lesen. Dliese Erfahrung kann eine gute Motivation fur die Tunisichen Studienten seine.

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