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Dr. Anan Haidar: „Die Philipp Schwartz-Initiative gibt mir die Chance, meine akademische Laufbahn fortzusetzen“

Lebt in: Köln, Deutschland
Herkunftsland: Syrien
Deutschlandaufenthalt: seit 2014 in Wermelskirchen und Köln
Bildungs- und Forschungseinrichtung: „Institute for International Peace and Security Law“ an der Universität Köln
Beruf: Juristin, derzeit Stipendiatin der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung

Dr. Anan Haidar ist 39 Jahre alt und stammt aus Salamiyah, einer Stadt im Westen Syriens. An der Universität in der syrischen Hauptstadt Damaskus erwarb sie zunächst ihren Bachelor in Jura und später ihr Diplom in Strafrecht. 2001 wurde sie an der Universität in Damaskus als Dozentin angestellt. Parallel zu dieser Tätigkeit legte sie ihre Zulassungsprüfung ab, um als Rechtsanwältin – spezialisiert auf Strafrechtsfälle – in Syrien zu arbeiten.

Mitte 2004 ging Anan Haidar für einen Studienaufenthalt nach England. Sie absolvierte an der University of Reading zunächst ein Masterstudium in „Advanced Legal Studies“ und promovierte dann dort in Internationalem Strafrecht. Ende 2010 kehrte sie nach Syrien zurück und begann, als Lektorin an der Universität in Damaskus zu arbeiten. Anan Haidar verließ Syrien im Juli 2014 und floh nach Deutschland. Seit Mitte 2016 ist sie Stipendiatin der Philipp Schwartz-Initiative und setzt ihre wissenschaftliche Karriere in Köln fort.

Die Philipp Schwartz-Initiative ...

... wurde 2015 von der Alexander von Humboldt-Stiftung mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes gegründet und versetzt deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen in die Lage, gefährdete ausländische Forscher für zwei Jahre bei sich aufzunehmen. Seit Sommer 2016 werden solche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mittels Stipendien an Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefördert, damit sie ihre Arbeit dort fortsetzen können.

Für eine Förderung von Forschungsvorhaben im Rahmen von Philipp Schwartz-Stipendien kommen gefährdete Forschende aus allen Fachgebieten und allen Herkunftsländern in Betracht, die

  • über eine Promotion oder einen vergleichbaren akademischen Grad (PhD, CSc oder Äquivalent) verfügen,
  • sich zum Zeitpunkt der Antragstellung grundsätzlich noch nicht mehr als drei Jahre außerhalb des Heimatlandes aufhalten („Bildungsinländer“ sind ausgeschlossen),
  • über Sprachkenntnisse verfügen, die für die erfolgreiche Durchführung des Forschungsvorhabens erforderlich sind,
  • über wissenschaftliche Qualifikationen (beispielsweise Publikationen) verfügen,
  • Potenzial zur Integration in den (wissenschaftsbezogenen) Arbeitsmarkt besitzen.

Für die Humboldt-Stiftung sind weder Herkunftsland noch Aufenthaltsort relevant, sofern die Gefährdung im Sinne der Programminformationen nachgewiesen ist.

Webseite mit Informationen zur Philipp Schwartz-Initiative

Wie haben Sie von der Philipp Schwartz-Initiative erfahren und wie konnten Sie sich erfolgreich dafür bewerben?

Anan Haidar: Ich habe vom „International Office“ in Köln von der Möglichkeit eines Stipendiums durch die Philipp Schwartz-Initiative erfahren. Dort wurde ich mit Professor Claus Kreß in Kontakt gebracht. Er ist spezialisiert auf Völkerrecht und Internationales Strafrecht sowie Direktor des „Institute for International Peace and Security Law“ an der Universität zu Köln. Ohne seine große Unterstützung und die gute Kooperation und Koordination zwischen dem Institut und dem International Office wäre meine Bewerbung nicht erfolgreich gewesen.

Können Sie etwas über Ihr Forschungsprojekt in Deutschland erzählen?

Anan Haidar: Ich möchte meine Dissertation mit dem Titel „Regionalisierung der internationalen Strafgerichtsbarkeit mit besonderem Fokus auf den Mittleren Osten“ („Regionalising International Criminal Justice with Particular Reference to the Middle East“) überarbeiten und meine Argumentation in bestimmten Bereichen vertiefen. Ich beabsichtige, meine Dissertation als Buch oder als eine Serie von Artikeln in der Schriftenreihe „Cologne Studies in International Peace and Security Law“ von Professor Kreß zu veröffentlichen.

Ein zweites Element meines Forschungsvorhabens ist das Verfassen einer neuen Abhandlung. Hier möchte ich mich mit der arabischen Herangehensweise an die internationale Strafgerichtsbarkeit und die Möglichkeit der strafrechtlichen Verfolgung von Völkerrechtsverbrechen in Syrien beschäftigen.

Einfach einen sicheren Ort finden, an dem man ohne Angst leben kann

Hatten Sie irgendwelche Erwartungen an Ihren Deutschlandaufenthalt?

Anan Haidar: Da ich wusste, wie sehr Deutschland von Flüchtlingen überrannt wird, waren meine Erwartungen eher realistisch. Ich wollte einfach einen sicheren Ort finden, an dem man ohne Angst leben kann.

Haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Anan Haidar: Bevor ich im Juli 2016 nach Köln gekommen bin, habe ich in Wermelskirchen (Nordrhein-Westfalen) gewohnt. Dort habe ich nicht nur an einem sicheren Ort gelebt – auch die Nachbarn waren meiner Familie und mir gegenüber sehr nett und hilfsbereit. Wir stehen noch immer in Kontakt. Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, sind nett und freundlich.

Was aber meine Erwartungen am meisten übertroffen hat, waren die Hilfe und die Unterstützung, die ich an der Universität zu Köln erfahren habe. Und natürlich die Förderung durch die Philipp Schwartz-Initiative als Ergebnis der tollen Unterstützung. Dieses Stipendium gibt mir die Chance, meine akademische Laufbahn fortzusetzen. Dafür bin ich dankbar.

Das Leben von Null an beginnen

Welches sind die größten Herausforderungen für Sie in Deutschland?

Anan Haidar: Die größten Herausforderungen sind, dass wir unser Leben von Null an noch einmal beginnen, Deutsch lernen und einen Job finden müssen. Wir möchten in Würde leben und nicht das Gefühl haben, dass wir eine Last sind. Wir möchten, dass wir als Menschen akzeptiert und wahrgenommen werden und nicht als Fremde.

Wie beeinflusst Ihr Aufenthalt in Deutschland Ihr berufliches und Ihr privates Leben?

Anan Haidar: Nachdem ich in Syrien alle Hoffnung verloren und das Land verlassen habe, gibt mir der Aufenthalt in Deutschland eine neue Hoffnung: Ein normales und sicheres Leben mit meiner Familie zu leben – mit meinem Mann und meinem Sohn, der am 30. April 2015 in Deutschland zur Welt kam.

Außerdem hilft mir das Stipendium der Philipp Schwartz-Initiative, wieder auf meinen Weg zu finden und meine wissenschaftliche Karriere fortzusetzen. Das Leben in einem neuen Land bringt viele Hindernisse mit sich – die Kultur, die Sprache, die Menschen und alles, was anders ist als das, was ich kenne. Trotzdem kann der Deutschlandaufenthalt mein Leben bereichern.

Welche Pläne und Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Anan Haidar: Für mich ist es ein bisschen schwierig, klare Pläne für die Zukunft zu haben – ich habe ja gerade erst neu begonnen. Ich möchte Deutsch lernen und weiterhin hart in meinem Job arbeiten, so dass ich meinen akademischen Berufsweg fortsetzen kann. Ich würde mir wünschen, dass in Syrien wieder Frieden herrscht und ich hier in Deutschland in Frieden und Würde mit meiner Familie leben kann.

„Ich weiß nicht einmal, was Heimat bedeutet“

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Heimat“ hören?

Anan Haidar: Das ist schwierig für mich zu beantworten. Ich weiß wirklich nicht, was „Heimat“ bedeutet. Ich habe mich nie zuhause gefühlt, weder in Syrien oder England noch hier in Deutschland.

In Syrien habe ich immer im Widerspruch gelebt zwischen dem, was ich wollte und dem, was sozial oder politisch akzeptiert war. Trotz meiner engen Verbindung zu meiner Familie dort konnte ich mich in Syrien nie zuhause fühlen. In England war ich Studentin und wusste, dass mein Aufenthalt zeitlich begrenzt war. Es war klar, dass ich das Land nach dem Studium verlassen würde. In Deutschland bin ich ein Flüchtling und versuche immer noch, mir eine Existenz aufzubauen und meinen Weg zu finden. Es ist schwierig, sich zuhause zu fühlen, wenn man keinen festen Job und kein stabiles Leben hat.

Ich weiß nicht, was Heimat bedeutet, aber ich weiß, was Heimat NICHT bedeutet: wenn man nicht so leben kann, wie man möchte; wenn man sich nur zeitlich begrenzt irgendwo aufhalten darf; wenn kein stabiles Leben sichergestellt werden kann. Meine Hoffnung ist, dass sich Deutschland in Zukunft für mich wie Heimat anfühlen wird.

Was bedeutet es für Sie, im Ausland zu leben?

Anan Haidar: Im Ausland zu leben bedeutet zweierlei. Erstens bietet es mir die Möglichkeit, von neuem zu beginnen und ein normales und erfolgreiches Leben zu führen; zweitens besteht die Notwendigkeit, härter als andere zu arbeiten, da man viele Hürden überwinden muss wie zum Beispiel die Sprache.

Wie kann ein fremdes Land, auch Deutschland, ein wenig „Heimat“ werden?

Anan Haidar: Die deutsche Willkommenskultur, besonders von der Zivilgesellschaft, hat meiner Familie und mir als Flüchtlingen geholfen, uns ein wenig zuhause zu fühlen. Das lässt mich außerdem hoffen, dass Deutschland unser wirkliches Zuhause werden kann, wenn wir erst einmal Deutsch sprechen und hier arbeiten. Mit Freunden und einem stabilen, normalen Leben könnte Deutschland, glaube ich, unsere zukünftige Heimat werden.

Glauben Sie, dass ein „Ortswechsel“ Vorteile für das private oder berufliche Leben haben kann?

Anan Haidar: In ein neues Land zu gehen, kann Menschen die Chance geben, neue Dinge, eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen und die sich beruflich weiterzuentwickeln. Reisen kann uns helfen, unser Verständnis für unterschiedliche Kulturen zu stärken. Und schließlich kann es unser persönliches und berufliches Leben bereichern.

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Interview: Verena Striebinger

Januar 2017

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