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#MissionResponsible: Evgenia Gavrilova über „Cross Borders“

Name: Evgenia Gavrilova
Lebt in: Germersheim, Deutschland
Herkunftsland: Russland
Deutschlandaufenthalt: seit dem Wintersemester 2013 bis heute (Stand: August 2015) in Germersheim
Bildungseinrichtung: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim

Studierende der Universität Mainz am Standort Germersheim haben die Initiative „Cross Borders“ ins Leben gerufen, die mit kostenfreien Sprachkursen Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland erleichtern soll.

Die Russin Evgenia Gavrilova studiert seit dem Wintersemester 2013 Konferenzdolmetschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Sie ist eine der Ehrenamtlichen der Studierendeninitiative „Cross Borders“, die für ihr Engagement auf den dritten Platz der Alumniportal-Mitmachaktion #MissionResponsible gewählt wurde. Wir haben mit ihr über die Ziele der Initiative, ihre persönliche Motivation und ihre Zukunftspläne gesprochen.

Frau Gavrilova, die Initiative „Cross Borders“ gehört zu den drei Preisträgern des Wettbewerbs #MissionResponsible. Und das war nicht die erste Auszeichnung, die Sie für Ihre Arbeit erhalten haben. Dazu unseren herzlichen Glückwunsch!

Evgenia Gavrilova: Dankeschön! Es ist tatsächlich nicht die erste Auszeichnung. Zuvor haben wir bereits den Preis „Helferherzen“ und die Auszeichnung „Menschen der Region“ erhalten. Aber der #MissionResponsible-Preis ehrt uns besonders wegen der geographischen Reichweite des Wettbewerbs. Alle haben mitgefiebert und freuen sich nun auf die zahlreichen Brettspiele, Hörbücher und Lehrwerke, die wir von dem Preisgeld anschaffen werden und mit denen unser Deutschunterricht noch effizienter und unterhaltsamer wird.

Was sind die Ziele von „Cross Borders“ – und wie versuchen Sie, diese Ziele zu erreichen?

Evgenia Gavrilova: Unser Ziel ist ganz einfach: den Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern und ihnen durch Vernetzung und die Vermittlung von Sprachkenntnissen zu besseren Chancen und mehr Integration zu verhelfen. Unsere Angebote reichen vom Deutschunterricht und Freizeitveranstaltungen bis hin zur Begleitung bei Behördengängen. Gleichzeitig integriert die Initiative Flüchtlinge in das Studierendenleben und bietet ihnen einen Überblick über die Hilfsangebote vor Ort.

Am Anfang gab es noch kein ausgefeiltes Konzept. Alles geschah spontan und ab und zu auch chaotisch: Jede Stunde kamen neue Schüler in die Kurse, überwiegend junge Männer, aber auch Ehepaare, sogar mit Kindern. An ein strukturiertes Lehrprogramm war da kaum zu denken. Das hat sich inzwischen geändert. Wir haben ein klares Konzept mit verschiedenen Lernstufen.

Mittlerweile haben schon mehrere Generationen von Schülern bei „Cross Borders“ mitgemacht. Mit vielen bleiben wir in Kontakt. Und deshalb wissen wir: Die Deutschkenntnisse, die sie bei uns erworben haben, tragen dazu bei, dass sie sich hier wohler fühlen und sich besser zurechtfinden. Und wenn sie später an zertifizierten Sprachkursen teilnehmen, können sie gleich in höhere Stufen einsteigen.

Erhalten sie Unterstützung für Ihre Arbeit?

Evgenia Gavrilova: Lange Zeit hat sich „Cross Borders“ buchstäblich durch Kuchenverkäufe finanziert. Aber in letzter Zeit nimmt die Unterstützung langsam zu. Der Fachbereich hat neulich einen ganzen Satz Bücher für unsere Schüler gekauft, die Stadt hat sich maßgeblich an der Durchführung unseres Spendenlaufs beteiligt. Auch der Verein „Freundeskreis FTSK Germersheim e.V.“ hat uns zuletzt unterstützt. Und wenn wir demnächst als Verein registriert sind, dürfen wir auch Spenden annehmen.

„Als seien die Flüchtlinge nur eine Masse – ohne Namen, ohne Persönlichkeit“

Was waren Ihre ganz persönlichen Motive, sich bei „Cross Borders“ zu engagieren?

Evgenia Gavrilova: Flüchtlinge waren zwar Anfang 2014 nicht annähernd so präsent in den Medien wie heute, aber schon damals gab es in den Nachrichten regelmäßig Berichte über die vollbeladenen Boote, die auf Lampedusa ankamen, oder Menschen, die immer wieder versuchten, meterhohe Zäune mit Stacheldraht zu überwinden, um nach Melilla zu kommen. Ich fand die Berichterstattung oft sehr distanziert: Als seien die Flüchtlinge nur eine Masse – ohne Namen, ohne Persönlichkeit. Man betrachtete sie irgendwie rein statistisch: Wie viele waren es heute, wie viele sind angekommen und wie viele sind ertrunken…

Ich wollte selber hingehen und Flüchtlinge kennenlernen. Mittlerweile bildet dieses Projekt einen wichtigen Bestandteil meines Lebens in Germersheim – viele Schüler sind Freunde geworden und es ist schön, sie jede Woche zu sehen und zu merken, dass sie sich auf diesen Unterricht gefreut haben. Vor allem faszinieren mich aber ihr Mut und ihre Lebensfreude trotz all dem, was sie durchgemacht haben. Durch sie lerne ich für mich selbst immer etwas dazu.

Wie sieht die Zukunft von „Cross Borders“ aus? Und wäre das nicht auch ein Modell, das anderswo ebenso funktionieren könnte?

Evgenia Gavrilova: Alle „Cross Borders“-Teilnehmer wünschen sich natürlich, dass die Initiative zu einem Selbstläufer wird, unabhängig von uns, die kommen und gehen. Bis jetzt hat es ganz gut funktioniert, aber in jedem neuen Semester muss natürlich erneut um Nachfolger geworben werden. Viele haben Bedenken, ob das Ehrenamt mit dem Studium so ohne weiteres vereinbar ist, denn das Arbeitspensum für angehende Übersetzer und Dolmetscher an unserem Fachbereich ist hoch.

Ich glaube aber, dass je mehr Menschen sich nicht scheuen, ein bisschen Zeit und Kraft für diesen wichtigen Zweck zu opfern, desto besser können wir alle diese Aufgabe stemmen. Deswegen könnte und sollte es dieses Modell natürlich an so vielen Orten wie möglich geben. Und das muss nicht unbedingt immer an Universitäten sein.

„Dolmetscher sind dazu da, für Verständigung zu sorgen“

Und wie wird es für Sie ganz persönlich beruflich und privat weitergehen?

Evgenia Gavrilova: Was meine Pläne angeht: Nach dem Studium will ich als Konferenzdolmetscherin arbeiten. Am liebsten in einem Ministerium oder in einer internationalen Organisation. Mein großer Wunsch wäre, meine Dolmetschkompetenz für die Kooperation zwischen Russland und Deutschland einsetzen zu können.

Dolmetscher sind bekanntlich dazu da, für Verständigung zu sorgen. Derzeit beobachte ich mit großer Sorge, wie sich zwischen Russland und Europa immer mehr Gräben auftun. Ich hoffe trotz allem, dass die Vernunft in diesem Konflikt letzten Endes die Oberhand gewinnt. Menschen brauchen doch im Grunde nichts anderes, als ein friedliches Leben und Chancen auf Selbstentfaltung, überall gleichermaßen.

Interview: Andreas Vierecke

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August 2015

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