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Rachida Zoubid, Sidi Allal Bahraoui, Marokko

Name: Rachida Zoubid
Lebt in: Sidi Allal Bahraoui, Marokko
Deutschlandaufenthalt: März-September 1984 (Aachen), September 1984 bis September 1989 (Germersheim), September 1989 bis 1999 (Speyer)
Forschungseinrichtungen: Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH Aachen); Johannes Gutenberg Universität, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK); Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer
Beruf: Professorin an der Fakultät für Literatur- und Geisteswissenschaften an der Universität Med V Agdal-Rabat

Das Hauptziel meines Deutschlandaufenthaltes bestand darin, zu studieren und mein Studium durch eine Promotion zu krönen. Nachdem ich die Prüfung zum Nachweis deutscher Sprachkenntnisse an der RWTH Aachen absolviert hatte, begann ich das Studium der interkulturellen Germanistik,  Übersetzungswissenschaften und Kulturwissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Da ich neben meiner Muttersprache Arabisch auch Französisch und Englisch beherrsche, arbeitete ich neben dem Studium als Dolmetscherin auf internationalen Messen und während der Semesterferien außerdem als Bürokraft für Informatik. Obwohl ich sehr beschäftigt war, konnte ich mein Studium in acht Semestern beenden. Im Sommer 1989 erhielt ich vom Landgericht Landau die amtliche Genehmigung als Übersetzerin und Gerichtsdolmetscherin.

„In Speyer begann für mich eine neue Ära“

Nachdem ich die Aufnahmeprüfung an der Verwaltungshochschule Speyer bestanden hatte, zogen wir nach Speyer, meine Traumstadt. Dort begann für mich eine neue Ära, die wichtigste Phase meines Lebens – privat, beruflich, menschlich und sozialpolitisch. Ich war die erste Marokkanerin und angewandte Sprachwissenschaftlerin neben einer Hochschulfreundin aus China, die an der Deutschen Verwaltungshochschule Speyer neben hauptsächlich deutschen Rechtsreferendaren ein Aufbaustudium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften machen durfte. Gleich nach dem Magisterstudium in Speyer immatrikulierte ich mich nochmals an meiner ersten Universität im Fach Arabistik und Geschichte des Vorderen Orients, um in diesem Fach zu promovieren.

Das Jahr 1994 stellte den Höhepunkt meines politischen Engagements in Deutschland dar. In diesem Jahr wurde die politische Beteiligung der in Rheinland-Pfalz lebenden EU- und Nicht-EU-Bürger beziehungsweise Ausländerinnen und Ausländer zum ersten Mal in der kommunalpolitischen Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz mit den Wahlen zu den kommunalen Ausländerbeiräten gestattet. Da ich bei der Verlängerung meiner Aufenthaltsbewilligung oft diskriminierend behandelt worden war, wollte ich mich politisch den unterprivilegierten Migrantengruppen wie Asylanten, Flüchtlingen und ausländischen Studierenden widmen und mich vor deutschen Behörden für ihre Belange einsetzen. Meiner Meinung nach war es auch höchste Zeit, uns kommunalpolitisch einzubringen.

„Ich habe fast alle in Deutschland erworbenen beruflichen und zivilgesellschaftlichen Erfahrungen nach meiner Rückkehr einsetzen können“

Mit Ausnahme des politischen Engagements habe ich alle in Deutschland erworbenen beruflichen und zivilgesellschaftlichen Erfahrungen und sonstigen Werte nach meiner Rückkehr in meinem Heimatland einsetzen können. Im Moment bin ich festangestellte Professorin an der Fakultät für Literatur- und Geisteswissenschaften, Abteilung für Deutsche Studiengänge („département des études allemandes“) der Universität Med V Agdal-Rabat.

Da ich wegen eines Rechtsstreits mit der Uni freigestellt wurde, unterrichte ich ehrenamtlich Studenten im Abschlusssemester in juristischer Übersetzung für die Sprachen Deutsch, Arabisch und Französisch an meiner ehemaligen Fakultät für Literatur- und Geisteswissenschaften in Casablanca.

„Der Gruppe der Männer wird beruflich Vorrang gegeben“

Im Allgemeinen ist die Akzeptanz der in Deutschland ausgebildeten Akademikerinnen verglichen mit der Akzeptanz der Akademiker sehr schlecht, da der Gruppe der Männer beruflich Vorrang gegeben wird, weil sie kulturell gesehen für die Versorgung der Familie zuständig sind. Daher wird ihnen der Zugang zur Erwerbstätigkeit vereinfacht. Mein Ehemann und ich sind zeitgleich aus Deutschland zurückgekehrt. Er  wurde nach einigen Monaten rekrutiert und ich erst nach 5 Jahren, nachdem ich alle Formen von Diskriminierung erlebt hatte. Dadurch bin ich aber stärker, selbstsicherer und nicht zuletzt unerschrockener geworden.

Ich bin im Moment auch dabei, ein internationales Frauennetzwerk aufzubauen, um den benachteiligten und diskriminierten Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen.  

„Mein Deutschlandaufenthalt hat mein ganzes Leben total geprägt“

Ich habe gelernt, demokratisch zu denken und zu handeln, zu teilen und bedingungslos zu helfen, nie zu kapitulieren und immer nach vorne zu schauen. Ich habe gelernt, dass nach dem Regen die Sonne scheint. Das sind Werte, die nur in einem Land wie Deutschland erworben werden können.

An den Deutschen bewundere ich ihr Zeitgefühl und ihre Pünktlichkeit. Für ihren Arbeitseifer, ihre Genauigkeit, ihren Sinn für Ordnung, ihr logisches Denken und ihre Nächstenliebe sind sie weltweit bekannt. Ich werde wegen meiner Pünktlichkeit selbst von den Deutschen in Marokko als „zu deutsch“ bezeichnet.

„Ich liebe Spätzle mit Rindergulasch“

An Deutschland liebe ich die farbenfrohe deutsche Landschaft, die immergrünen Bäume, die zahlreichen Parks und Kinderspielplätze, die selbst einem Erwachsenen Lust auf Spielen machen. Außerdem gefallen mir der Sommer und die Sommerfeste, aber auch die deutsche Kälte, die ebenfalls ihren Reiz hat. Ich liebe Spätzle mit Rindergulasch, die unzähligen leckeren deutschen Brotsorten sowie Käse- und Zwetschenkuchen.

Die deutschen Ausländergesetze gefallen mir nicht, weil diese oft diskriminierend sind. Durch sie werden alle Ausländergruppen in einen Topf geworfen. Ein Ausländergesetz, dass Familien auseinanderreißt – wie es bereits in vielen Fällen passiert ist – und das ausländische Schulkinder auszuweisen versucht, weil ihren Eltern ein Aufenthaltsrecht verweigert wird, verletzt meiner Meinung nach die Menschenrechte.

Rachida Zoubid zum Alumniportal Deutschland

Ich interessiere mich unter anderem für Kooperationen mit deutschen und marokkanischen Schulen, um dadurch den Jugendlichen auf beiden Seiten religiöse und interkulturelle Toleranz sowie grenzüberschreitende Solidarität beizubringen. Wenn beide Seiten sich besser kennen lernen, werden die bestehenden Vorurteile abgebaut und der gegenseitige Respekt gefördert. Toleranz ist nicht angeboren, sondern wird durch Erziehung sowie durch Begegnung und Verständnis füreinander erworben. Interkulturelle Öffnung ist der Grundstein für eine lebenswerte und friedliche Welt. Deshalb ist es wichtig, Diversität und Interkulturalität zu erleben.

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Juli 2013

Kommentare

Gregor
12. August 2013

Ich bin kein Mitglied, möchte aber meine Meinung gerne kundtun. Ich hatte das Glück diese Dame im Rahmen eines beruflichen Aufenthaltes in Marokko persönlich kennenzulernen. Sie ist eine erstaunliche Frau, engagiert sich für ihre Mitmenschen, hat einen großen Gerechtigkeitssinn und ist über alle Maße hilfsbreit. Ich wünschte mir solche Menschen in Machtpositionen.

Mohamed A. Talib
18. Juli 2013

Interressante Geschichte

Aliou
17. Juli 2013

Ich kenne diese Dame nicht. Ihren Stil mag ich sehr. Sie ist direkt und nimmt kein Blatt vor dem Mund, wenn es darum handelt, Prinzipien zu verteidigen. Einfach Hut ab!

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