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Goran Bandov: „Einen Ortwechsel sollte man regelmäßig vornehmen“

Name: Professor Goran Bandov
Lebt in: Zagreb, Kroatien
Herkunftsland: Kroatien
Deutschlandaufenthalt: 1991 bis 1992 und 2004 bis 2009
Bildungs- und Forschungseinrichtung: Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg
Beruf: Associate Professor für Internationale Beziehungen und Internationales Recht am Dag Hammarskjold University College of International Relations and Diplomacy in Zagreb, Kroatien

Goran Bandov hat während seines Studienaufenthaltes in Deutschland durchweg positive  Erfahrungen gemacht. Der kroatische Universitätsprofessor lässt viele davon in seine Lehrmethoden einfließen. Im Interview spricht er außerdem darüber, warum jeder Mensch von Zeit zu Zeit seinen Wohnort wechseln sollte.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Goran Bandov: Heimat ist ein Ort, an dem der Mensch zu Hause ist, an dem seine Familie und seine Freunde sind, an dem es einem gut geht und man sich wohlfühlt, an dem man seine eigene Identität verwirklichen kann. Heimat ist ein Ort, der warm ist, auch wenn es schneit, an dem man liebt und geliebt wird.

Sie haben für Ihr Master- und Ihr Promotionsstudium Ihr Heimatland verlassen. Warum haben Sie sich für Deutschland als Studienort entschieden?

Goran Bandov: Deutschland ist bekannt für seine Offenheit, für fortschrittliche akademische Ideen und akademische Freiheiten. Hier werden neue Ideen, Kreativität und Innovation unterstützt und die Umsetzung in die Praxis ermöglicht. Junge Wissenschaftler können daher ihr Potenzial voll entfalten – mir fiel die Wahl nicht schwer. 

Würden Sie denn sagen, dass Deutschland ein Stück Heimat für Sie geworden ist?

Goran Bandov: 1991 musste ich als Kind vor dem Krieg in Kroatien fliehen. Ich landete in Singen am Hohentwiel, einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg. Dort kam ich in eine fürsorgliche deutsche Gastfamilie, der ich für immer dankbar sein werde. Durch diese Familie und durch zahlreiche andere hilfsbereite Menschen ist Deutschland mein zweites Zuhause geworden. Mein Master- und mein Promotionsstudium haben dieses Gefühl verstärkt.

Wir möchten wissen, was Heimat für Sie bedeutet!

Worin manifestiert sich Heimat über den Geburtsort hinaus? Sind es vertraute Menschen oder persönliche Dinge? Bestimmte Orte oder schöne Erinnerungen? Besondere Erlebnisse, Gewohnheiten und Traditionen? Und inwiefern kann ein fremdes Land, also auch Deutschland, ein Stück Heimat werden?

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Welche Herausforderungen waren mit Ihrem Deutschlandaufenthalt verbunden?

Goran Bandov: Zwischen der deutschen und der kroatischen Gesellschaft gibt es gar nicht so große Unterschiede. Außerdem hatte ich ja schon Deutschlanderfahrung – nach ein paar Tagen fühlte ich mich wie zu Hause! Mit ein paar mehr Sonnentagen wäre es mir auch leichter gefallen, das Wetter in Norddeutschland zu mögen...

Wie hat der „Ortswechsel“ nach Deutschland Ihr persönliches und Ihr berufliches Leben beeinflusst?

Goran Bandov: Mein Studienaufenthalt in Hamburg war ein richtiger Schritt in meiner akademischen Laufbahn – davon bin ich überzeugt. Die Unterstützung meines Doktorvaters Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Gießmann und der Kollegen vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg war äußerst professionell und fast mit elterlicher Fürsorge verbunden. Dafür möchte ich herzlich danken!

So konnte ich viele neue wissenschaftliche Kenntnisse und Kompetenzen gewinnen, mit denen ich heute als Universitätsprofessor regelmäßig arbeite. Die gute Mentoring-Beziehung zu den Studenten, die ich aus Deutschland kenne, versuche ich auch zu meinen Studenten aufzubauen. Durch Rückmeldungen weiß ich, dass sie damit sehr zufrieden sind. Ich habe eine Reihe von sehr wertvollen Freundschaften und Kontakten geknüpft, die ich noch heute pflege. Und natürlich konnte ich meinen Horizont erweitern.

Wie konnten Sie nach Ihrer Rückkehr nach Kroatien Ihre in Deutschland gesammelten Erfahrungen einbringen?

Goran Bandov: Seit meiner Rückkehr nach Kroatien nehme ich aktiv am gesellschaftlichen Leben teil: Ich werde regelmäßig als Medienkommentator in Kroatien und Südosteuropa angefragt und engagiere mich für verschiedene Initiativen zum Schutz der Menschenrechte, für den Frieden und die Vergangenheitsbewältigung. Gleichzeitig bin ich als Kursdirektor für Postgraduierten-Programme am Inter-University Centre in Dubrovnik tätig. In diesen Kursen wird progressives, kreatives und innovatives Denken junger Menschen gefördert, was letztlich dem Friedensprozess dient.

Glauben Sie, dass Ihnen die neuen Perspektiven bei Ihrer Rückkehr in Ihr Heimatland geholfen haben und Ihnen immer noch helfen?

Goran Bandov: Die wahrscheinlich bedeutendste Idee, die ich in Deutschland kennengelernt habe, ist die Notwendigkeit der Vergangenheitsbewältigung. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung hat mich ermutigt, mich in meinen Forschungen stark auf dieses Thema und auf die Friedensforschung sowie auf Menschen- und Minderheitenrechte zu konzentrieren. Meinen Studenten versuche ich zu vermitteln, wie wichtig diese Themen sind.

„Deutschland ist ein ausgezeichnetes  Land für einen Studienaufenthalt.“

Was vermissen Sie an Deutschland besonders?

Goran Bandov: Ich vermisse sehr viel an Deutschland und an Hamburg – Freiheiten, Spaziergänge an der Alster, die verschiedenen Hamburger Stadtteile, gebratene Heringe, Matjes mit grünen Bohnen und Speckstippe, vor allem aber meine Freunde.

Wie pflegen Sie Ihre Freundschaften und Kontakte in Deutschland?

Goran Bandov: Ich habe in Hamburg und Deutschland weiterhin ein paar sehr gute Freunde, die ich regelmäßig per Telefon oder Facebook höre/lese und ab und zu besuche. Einige davon haben mir auch sehr viel in meiner Studienzeit geholfen.

Ich bin weiterhin mit beiden Stiftungen, die mein Studium in Deutschland gefördert haben, in engem Kontakt. 2013 wurde ich zum Vertrauensdozent der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit berufen, seit 2016 bin ich in der Auswahlkommission des DAAD für die Kandidaten aus Kroatien.  

Was möchten Sie künftigen Deutschland-Alumni aus Ihrem Heimatland sagen?

Goran Bandov: Deutschland ist ein ausgezeichnetes Land für einen Studienaufenthalt. Fortschrittliche Ideen, Interdisziplinarität und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen fordern ein neues, kreatives und innovatives Denken. Die zahlreichen Studiengänge in Deutschland gehören sicherlich zu den besten der Welt. In Kroatien gibt es eine Reihe von Investoren und Unternehmern aus Deutschland sowie aus anderen deutschsprachigen Ländern, so dass Deutschland-Alumni nach ihrer Rückkehr attraktiv für zukünftige Arbeitgeber sind.

Kann ein Gastland, das über längere Zeit zu einem Studien- oder Arbeitsaufenthalt dient, zur zweiten Heimat werden?

Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Deutschland denken?

Goran Bandov: Freiheit. Man kann in Deutschland frei leben, frei sagen, was man wirklich denkt, frei schreiben, ohne Nachteile zu befürchten. Freiheit ist in Deutschland nur durch die Freiheit anderer begrenzt. Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Haben Sie neben Ihrem Deutschlandaufenthalt noch andere Auslandserfahrungen, die Sie beeinflussen?

Goran Bandov: Ich liebe es zu reisen, neue Kulturen, Menschen und Traditionen kennenzulernen. Privat und beruflich bin ich bereits viel durch Europa gereist. Ganz besonders interessiere ich mich aber für die Länder Asiens, vor allem für Indien, Vietnam, Kambodscha, Laos und Thailand. In diesen Ländern war ich zu Forschungszwecken, habe öffentliche Vorlesungen gehalten und mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet. Die fremden Sitten, Traditionen, Musik und das Essen beeindrucken mich aber dort immer am meisten.

Was ist Ihnen zum Thema „Ortswechsel“ noch besonders wichtig zu sagen?

Goran Bandov: Einen Ortwechsel sollte man regelmäßig vornehmen. Der Mensch sollte häufig reisen, seinen Wohnsitz wechseln. Dies ist die effektivste Art des Lernens, neue Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, andere Kultur, ihre Ideen und Denkweisen besser zu verstehen. Jede Reise bereichert, schafft neue Kontakte und Freunde, einen neuen, weiteren Horizont.

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Januar 2017

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