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„Kenia braucht mich“

Junge kenianische Wissenschaftlerinnen erzählen von ihrem Lebensweg und den Chancen, die sie durch die Förderung des DAAD bekommen haben. Sie wollen andere Frauen zu wissenschaftlichen Karrieren ermutigen und sie dabei aktiv unterstützen. 

Nairobis Verkehr ist eine zähe Angelegenheit. Es dauert, bis man sich mit einem Taxi durch die Straßen der Großstadt bis zum Internationalen Zentrum für Insektenphysiologie und -ökologie (ICIPE) im Nordosten Nairobis gearbeitet hat. Es ist ein heißer Tag im März 2019, kurz vor der Regenzeit. Am Schlagbaum zu der weitläufigen Anlage des Forschungsinstituts wartet Gladys Mosomtai und führt ihren Besuch durch die Hitze über Parkplätze und an Feldern mit Versuchspflanzen entlang bis zu ihrem Schreibtisch.

„Afrikanische Probleme lösen“

„Ich arbeite hier im Schatten mit hochaufgelösten Satellitenbildern“, sagt die Doktorandin. Die Umweltwissenschaftlerin interessiert sich für die Populationsdynamik von Schädlingen auf Kaffeepflanzen. „Ich untersuche die Bedingungen, unter denen Schädlinge und Krankheiten begünstigt werden, und frage nach dem Einfluss von Umweltfaktoren.“ Die Satellitenbilder sagen ihr, wie die Landschaftsstruktur in einer bestimmten Region aussieht und ob der Anbau unter Bäumen oder schattenlos erfolgt, auf einer Anhöhe oder in einer Senke liegt, ob es sich um Mono- oder Mischkultur handelt. Die Geodaten gleicht sie mit Felduntersuchungen ab. „Ziel ist es, Farmern auf regionaler Ebene Empfehlungen zu geben, wie sie mit an die Umweltbedingungen angepassten Anbaumethoden Verluste durch Schädlinge vermeiden.“

Gladys Mosomtai hat an kenianischen Universitäten ein Bachelorstudium in Umweltplanung und Umweltmanagement sowie einen Master in Geoinformationssystemen und Fernerkundung abgeschlossen. „Mit meiner wissenschaftlichen Expertise will ich helfen, afrikanische Probleme zu lösen“, sagt sie. Und zwar vor Ort. Der DAAD unterstützt ihre Doktorarbeit am ICIPE. 2018 erhielt Gladys Mosomtai das „Sub-Saharan Africa Fellowship“ des renommierten UNESCO-L’Oréal-Preises für Frauen in der Wissenschaft. Seither nimmt sie ihre Situation als Forscherin in Afrika anders wahr: „Wissenschaftskarrieren sind für afrikanische Frauen keineswegs selbstverständlich – aber sie sollten es sein.“

„Mein Potenzial entdecken“

Gladys Mosomtai hatte Glück. Ihre große Familie hat sie zu jedem nächsten Ausbildungsschritt ermutigt. Aber als sie 30 Jahre alt wurde, argumentierten viele plötzlich anders: Studium sei nicht alles, hieß es auf einmal, Familie sei doch auch wichtig und Männer würden sich vor Frauen mit Doktortitel fürchten. „Aber Beziehungen haben ein eigenes Timing“, sagt die Forscherin. „Ich bin eher daran interessiert, mein Potenzial als Frau und Wissenschaftlerin zu entdecken.“ 

Für diesen Weg, den ihr auch das Stipendium ebnet, will Gladys Mosomtai Vorbild und Rollenmodell für andere junge Frauen sein. Sie spricht darüber, wie das Leben und Arbeiten als Wissenschaftlerin ist – mit ihren Cousinen auf Familienfesten genauso wie auf dem großen Alumni-Treffen, das die DAAD-Außenstelle Nairobi Anfang März organisiert hatte. Es geht ihr um ein neues Narrativ. „Jemand muss anfangen, die Geschichte afrikanischer Akademikerinnen auf ein neues Level zu heben“, betont sie.    

„Forschungsinteresse und Entwicklung verbinden“

Dazu fühlt sich auch Dr. Rose Mutiso verpflichtet. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin des MAWAZO-Instituts in Kenia. Das Institut fördert Frauen in der Wissenschaft und liegt im Norden Nairobis auf einer Anhöhe. Das Büro ist Teil einer Coworking-Einrichtung mit einem großen Park. Ruhe und Schatten laden hier zum Denken ein. Die Arbeitsatmosphäre unter Bäumen oder in einem offenen Café ist inspirierend, genau wie die junge Kenianerin, die in den USA in Materialwissenschaften promovierte und dann beschloss weiterzureichen, was ihr ermöglicht wurde. „Ich stand am Scheideweg: auf eine akademische Karriere in den USA zu setzen oder nach Afrika zurückzukehren und mein Forschungsinteresse mit der Entwicklung der Gesellschaft zu verbinden.“ 

Rose Mutiso war in der Schule so gut, dass sie für das Medizinstudium zugelassen wurde – in Kenia eine Auszeichnung nur für die Klügsten. „Aber ich kann kein Blut sehen“, lacht Rose. Sie schlug die Option aus. Stattdessen widmet sie sich heute Energiefragen, als Forschungsdirektorin des Think-Tanks „Energy for Growth Hub“, und sie trainiert talentierte Wissenschaftlerinnen darin, ihr Führungstalent auszubilden: interdisziplinäres Denken, öffentliches Sprechen, Kommunikation, Präsentation und vieles mehr. Auch Gladys Mosomtai hat davon schon profitiert und einen Trainingskurs besucht, den das MAWAZO-Institut zusammen mit dem DAAD angeboten hat. Hauptjob für Rose Mutiso ist es inzwischen, Ressourcen zu finden, um Forschungsarbeiten von Afrikanerinnen fördern zu können. „Wer sich vor Augen hält, dass in den Topjournalen der Welt lediglich 15 Prozent der Artikel im Bereich Afrikanische Studien von afrikanischen Autorinnen und Autoren stammen, der weiß, wo das Problem liegt.“

Verantwortung übernehmen

Dr. Betty Mayeku kennt sich damit aus, allein an breiter Front zu kämpfen. „Mit meinem Interesse an Mathematik war ich immer allein unter Jungs“, sagt sie und lacht. Probleme sich durchzusetzen hatte sie nie. Das hat die 40-Jährige aber nicht etwa im Umgang mit Brüdern gelernt – im Gegenteil. „Wir waren zu Hause nur Mädchen, mein Vater hatte als Lehrer ungeschickte Hände, also habe immer ich den kaputten Fernseher oder Wasserkocher repariert.“ Ein DAAD-Stipendium führte sie später nach Göttingen, wo sie in Computerwissenschaften promovierte.

Betty Mayeku braucht ihr Durchsetzungstalent jetzt für ihre bildungspolitische Arbeit als Mitglied im County Executive Committee (CECM) für Bildung und Berufsausbildung im kenianischen Regierungsbezirk Bungoma. Amüsiert erzählt sie, wie verwundert alle waren, als die begabte Wissenschaftlerin ausgerechnet an die sehr junge Kibabii-Universität in der kenianischen Provinz ging. „Hier bin ich die Einzige mit Doktortitel, aber Kenia braucht mich mehr als Deutschland.“ Die Computerwissenschaftlerin will Kapazitäten aufbauen, wo keine sind, statt einem gut bezahlten Industriejob im Ausland nachzugehen. Sie will Verantwortung übernehmen, Veränderung bewirken.

Auch Betty Mayeku kennt das Problem, sich als kenianische Frau gegen gesellschaftliche Erwartungen stemmen zu müssen. Sie sollte im öffentlichen Bewerbungsgespräch erklären, dass sie keineswegs vorhabe, ihren kenianischen Pass abzugeben, für den Fall, dass sie ihren deutschen Freund heirate. „Die kulturelle Vorstellung bei vielen ist, dass man bei einer Heirat zum Mann gehört“, schmunzelt sie. Und Rose Mutiso wiederholt immer wieder gegenüber Freunden und Familie: Mit 33 Jahren sei man im Vergleich zu anderen Ländern keineswegs zu alt für eine Familiengründung. „Auch da will ich mal Rollenmodell sein und sagen: Kinder nach der Karriere, das geht auch!“ 

DAAD-Alumni-Konferenz in Nairobi

Gladys Mosomtai, Rose Mutiso und Betty Mayeku trafen sich auf der DAAD-Alumni-Konferenz, die mit knapp 180 Teilnehmenden aus 23 Ländern vom 1. bis 3. März 2019 in Nairobi stattfand. Unter dem Titel „Young Scholars in Africa – Challenges and Opportunities“ tauschten sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm über Karrierechancen und -hindernisse aus und informierten sich über Fördermöglichkeiten.

 

Autorin: Bettina Mittelstraß

Dieser Beitrag wurde ursprünglich in DAAD Aktuell publiziert.

April 2019

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