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Lily Wang: „Für mich bezieht sich der Begriff ‚Heimat‘ nicht unbedingt auf einen bestimmten Ort“

Name: Lily Ling Yun Wang
Lebt in: Peking, China
Herkunftsland: China/Kanada, schwer zu sagen
Deutschlandaufenthalt: Oktober 2015 bis Juli 2016
Förderorganisation: DAAD
Beruf: Studentin und derzeit GIZ-Praktikantin

Was ist eine echte Einheimische? Lily Wang wurde an der Ostküste Chinas, in Qingdao in der Provinz Shandong geboren. Ihr Vater und ihre Mutter stammen aus dem Norden des Landes, aus Xian, beziehungsweise aus Chongqing im chinesischen Südwesten, und waren nach Qingdao gezogen, um dort ein gemeinsames Leben aufzubauen. Obwohl beide im gleichen Land geboren wurden, liegen ihre Geburtsorte ungefähr so weit auseinander wie Berlin und Barcelona. Daher fühlte sich Lily angesichts der unterschiedlichen Bräuche, Dialekte und Gewohnheiten in ihrer Familie und bei ihren Freunden und Nachbarn selbst in ihrer Geburtsstadt nicht wie eine echte Einheimische.

Als Lily zehn Jahre alt war, verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Montreal in Canada. Plötzlich lebte sie in einem neuen Land,  ohne dessen Sprache zu sprechen, und musste sich an eine neue Umgebung gewöhnen, an neue Menschen und ein ganz anderes Klima, als sie es aus ihrer alten Heimat am Meer kannte. Für sie war das aufregende Gefühl des Neustarts, des Entdeckens neuer Perspektiven, eine Bereicherung. Sie empfand es jedes Mal, wenn sie sich wieder für ein neues Ziel entscheiden musste. Gleich nach Beginn ihres Studiums führte ihre Neugierde sie zu einem Forschungseinsatz nach Sololá in Guatemala. Eine weitere  Station war Freiburg in Deutschland, wo sie mithilfe eines DAAD-Stipendiums studierte.

Menschen verlassen ihr Zuhause: kurzzeitig, um die Welt kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen – oder dauerhaft, um woanders Fuß zu fassen. Manche wollen, andere müssen ihre Heimat verlassen.

Wir wollen wissen, warum Menschen sich über Ländergrenzen hinweg bewegen und wie es ihnen dabei ergeht. Außerdem wollen wir einen Blick auf soziale und politische Fragen werfen, die durch Migration, berufliche Mobilität und Tourismus entstehen.

Schwerpunktthema Ortswechsel

Als Deutschland-Alumna schloss Lily sich dem Alumniportal Deutschland an, um mit Deutschland in Verbindung zu bleiben. Bei der virtuellen Karrieremesse des Alumniportals „Trained in GermanY China 2016“ besuchte Lily den virtuellen Stand der GIZ in China und kam mit den Angestellten des GIZ-Landesbüros ins Gespräch. Diese Unterhaltung führte letztlich dazu, dass sie sich um ein Praktikum bei dem Projekt „Capacity Building für den Aufbau von Emissionshandelssystemen (ETS)“ in China bewarb, das die GIZ in China im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) umsetzt.

Derzeit liegt Lilys Zuhause in Peking, wo sie für die GIZ arbeitet. Dort sprach das Alumniportal mit ihr darüber, was „Ortswechsel“ und „neue Wege“ für sie bedeuten.

„Wenn man nicht als Einheimische angesehen wird, muss man sich anstrengen, um in die Gemeinschaft integriert zu werden“ 

Was bedeutet es für Sie, im Ausland zu leben?

Lily Wang: Normalerweise hätte meine Antwort gelautet, dass es darum geht, ein neues Land kennenzulernen, neue Bräuche und Traditionen, neue Regeln und Normen, neue Sprachen… kurz: alles, was NEU ist! Aber das Wichtigste ist für mich, dass ich so ganz neue Seiten von mir selbst und der Welt kennenlerne, die mich umgibt.

Ein „Ausland“ kann es nur geben, wenn es eine Grenze zwischen verschiedenen  Einheiten gibt. Zumeist sind damit Ländergrenzen gemeint. Schon von klein auf musste ich mich mit diesen unsichtbaren Grenzen auseinandersetzen, die wir Menschen gezogen haben, um die Welt besser regieren zu können. Ich wurde aber dazu erzogen, diese Grenzen und Barrieren zu beseitigen, weil sie die Menschen voneinander trennen. Wirklich „im Ausland“ zu leben, bedeutet daher für mich, in einer Welt grenzenlosen Austauschs zwischen den Menschen zu leben.  

Aus welchen Gründen haben Sie Ihr Heimatland verlassen?

Lily Wang: Mit dem ersten Umzug, von China nach Kanada, hatte ich nicht viel zu tun. Ich hatte keine Wahl, sondern zog mit meinen Eltern um, die diese Entscheidung getroffen hatten. Aber schon bevor wir umzogen, fühlte ich mich nie als echte Einheimische. Meine Eltern kamen aus verschiedenen Teilen Chinas nach Qingdao, so dass ich weder von den Vorteilen noch von den Nachteilen für die Einheimischen betroffen war. Wenn man nicht als Einheimische angesehen wird, muss man sich anstrengen, um in die Gemeinschaft integriert zu werden und man hat das Gefühl, dass man nicht richtig dazugehört. Aber ich schätze dieses vermeintlich negative Gefühl, nicht ganz zu passen. Als ich nach Kanada zog, kam es mir vor, als wäre ich etwas Besonderes, eben weil ich anders war als die anderen. Er erschien mir als Privileg, dass ich in meinem Leben Dinge erleben durfte, die ganz anders waren als die Lebensumstände der Menschen um mich herum.  

Ich war gerne eine „Außenseiterin“ mit einer anderen Sicht auf das Leben als die Menschen, die mir begegneten. Diese Erfahrung hat vermutlich viel dazu beigetragen, dass ich immer wieder den Wohnort gewechselt habe, wenn ich Gelegenheit dazu hatte. Immer, wenn ich an einem neuen Ort ankam, begann ich, kritisch über diese neue Gesellschaft nachzudenken, aber auch über die, die ich verlassen hatte. Ich glaube, es ist einfacher, sich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen, wenn man genug Erfahrung hat, verschiedene Lebensweisen und Kulturen einander gegenüberzustellen und zu vergleichen. 

Und ganz praktisch bedeuten Ortswechsel auch immer, dass ich in neue Gemeinschaften eintauchen und ihre Sprache sprechen kann. Es ist schwer, eine Sprache zu lernen, wenn man nicht in einem Land ist, wo sie gesprochen wird. Deshalb habe ich mich entschieden, in Länder zu gehen, wo Spanisch beziehungsweise Deutsch gesprochen wird, um diese Sprachen zu lernen.

„Das Gefühl, zu Hause zu sein, hat für mich auch immer eine starke zeitliche Komponente“

Was waren die größten Herausforderungen beim Umzug?

Lily Wang: Ein neues Umfeld bringt immer neue Herausforderungen und gleichzeitig neue Chancen mit sich. Aber noch mehr als die neuen Kulturen, Sprachen, Gebräuche, Traditionen und so weiter war es für mich immer die größte Herausforderung, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich verändere mich ständig und versuche, die neuen Eindrücke zu integrieren und hoffentlich so selbst ein bisschen besser zu werden. Das ist natürlich kein ganz einfacher Prozess, denn ich muss meine eigenen Ansichten über die Welt und meine Werte immer wieder hinterfragen. Nachdem ich diese Erfahrung jedoch schon einige Male gemacht habe, halte ich dies auf jeden Fall für eine positive Herausforderung.

Wenn man die eigenen Ansichten und Werte ständig hinterfragt, entwickelt man jedoch auch ganz widersprüchliche Gedanken und es kann schwierig sein, sie alle miteinander zu vereinbaren. Das fällt mir vor allem auf, wenn ich zwischen den Sprachen hin und her wechsele, denn man spricht ja nicht nur eine andere Sprache, sondern mit dieser Sprache hängt auch immer ein kulturelles Setting zusammen, dem man sich neu anpasst.  

Eine weitere Herausforderung ist es, mit den Menschen und Dingen in Verbindung zu bleiben, die man zurücklässt. Und: wenn man sich ständig vorwärts bewegt, wie geht man dann damit um, zurückzukehren? Das ist eine weitere Frage, auf die ich noch keine richtige Antwort gefunden habe.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Lily Wang: Für mich bezieht sich der Begriff Heimat nicht unbedingt auf einen bestimmten Ort. Es geht dabei eher um Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen und Menschen. Wenn ich einen Ort als meine Heimat bestimmen müsste, dann wäre es wahrscheinlich Montreal. Dort habe ich meine prägenden Jugendjahre verbracht, habe meine kulturelle Identität entwickelt. Es ist der Ort, mit dem ich mich am meisten identifiziere. Dort sind noch immer meine Familie und meine engsten Freunde.

Aber das Gefühl, zu Hause zu sein, hat für mich auch immer eine starke zeitliche Komponente. Ein Ort kann durch die Menschen, denen man dort begegnet, und die Erlebnisse und Gefühle, die man dort erlebt, zu einem bestimmten Zeitpunkt Heimat sein. Wenn man aber später dorthin zurückkehrt, spürt man diese Verbindung vielleicht nicht mehr, weil die Menschen fortgegangen sind oder man selbst sich verändert hat.

Wir möchten wissen, was Heimat für Sie bedeutet!

Worin manifestiert sich Heimat über den Geburtsort hinaus? Sind es vertraute Menschen oder persönliche Dinge? Bestimmte Orte oder schöne Erinnerungen? Besondere Erlebnisse, Gewohnheiten und Traditionen? Und inwiefern kann ein fremdes Land, also auch Deutschland, ein Stück Heimat werden?

Wir freuen uns über Ihre Statements in der Community!

Community-Diskussion

Eine Auswahl der interessantesten Statements wird auf dem Alumniportal  Deutschland veröffentlicht . Voraussetzung dafür ist ein ausgefülltes Community-Profil.

Könnte ein fremdes Land wie Deutschland zur Heimat für Sie werden?

Lily Wang: Ich hatte einige vorgefasste Erwartungen und Meinungen über Deutschland, wie auch über viele andere Länder, bevor ich dort ankam. Als ich aber einmal da war, musste ich feststellen, dass es ganz anders war, als ich erwartetet hatte. Ich glaube, wenn man zu sehr an seinen Erwartungen festhält, wird es schwer, sich in einem fremden Land zuhause zu fühlen. Für mich ist das Gefühl von Heimat eng mit den Menschen verbunden, die ich treffe, denn durch sie fühle ich mich zuhause, egal wo ich gerade bin.

Es wäre so viel einfacher, wenn wir neue Umgebungen ansehen und aufnehmen würden wie kleine Babys es tun. Die Situation, in der wir uns befinden, ohne Erwartungen und Vorurteile  akzeptieren und sie uns zu Eigen machen würden.

Worin liegen die größten Vorteile eines Ortswechsels? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Lily Wang: In unserer globalisierten und vernetzten Welt wird internationale Erfahrung hoch bewertet. Auf der beruflichen Ebene scheint mir daher der größte Vorteil der „neuen Wege“ zu sein, dass man sich so einen breiteren Arbeitsmarkt erschließen kann.

Auf der persönlichen Ebene glaube ich, dass die vielen Erfahrungen, die ich auf meinen neuen Wegen machen kann, mein Leben um vieles bunter und reicher machen. Abgesehen davon, dass ich die Musik, Literatur, Geschichte, Mentalität und Lebensweisen von Orten wertschätzen kann, die ich vorher noch nicht kannte, genieße ich es vor allem, eine Beziehung zu so vielen Menschen und ihren Erfahrungen knüpfen zu können.

Für meine Zukunft wünsche ich mir, eine lebenslange Karriere im Bereich der internationalen Entwicklung und Zusammenarbeit verfolgen zu können. Wo und wann? Das wird sich auf meinem Weg zeigen… Que sera, sera!

Zum Profil von Lily Wang in der Community

November 2016

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Kommentare

Jakub Hurych
3. Dezember 2016

"Für mich ist das Gefühl von Heimat eng mit den Menschen verbunden, die ich treffe, denn durch sie fühle ich mich zuhause, egal wo ich gerade bin." ... stimme dir ganz und voll, Lil!

Rachida Zoubid
30. November 2016

Eine interessante Umzugsgeschichte von Lily Wang. Ich habe dabei an unserer Rückkehr mit unseren Kindern nach Marokko, womit die beiden gewiss nichts zu tun hatten. Ich jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass sie glaubten, wir machten Urlaub und fuhren zurück. Genau das, was ich beführchtete passierte, als sie verstanden, dass wir doch keinen Urlaub machten. Der jüngste sagte sogar manchmal weinend, wenn etwas ihm nicht passte, dass er kein Marokkaner sondern Deutsche sei und Deuschland sei sein Heimatland, weil er dort seine Freunde hat. Solche Umzüge bringen die Kinder im Schulater richtig durcheinander. Daher bin ich der Meinung, dass der Ort, wo man sich wohl fühlt die eigentliche Heimat darstellt.

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