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Die Vision eines vereinten Landes

In den 1970er und 1980er-Jahren studierte der Ecuadorianer Daniel Medina in der DDR. Schon einige Jahre vor dem Mauerfall war er sich sicher: Die Wiedervereinigung wird kommen.

Wenn Daniel Medina auf seine berufliche Karriere zurückschaut, dann muss er manchmal erstaunt auflachen. Der 70 Jahre alte Ingenieur lehrte von den 1980er-Jahren bis vor kurzem an der Universität der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil an der Fakultät für Architektur und Städtebau. „Dabei wollte ich eigentlich gar kein Ingenieur werden“, sagt Medina. Doch sein Studium in der damaligen DDR lenkte sein Leben in andere Bahnen.
Als Medina in den 1970er-Jahren sein Studium beginnen wollte, stand er vor einem Problem: Die Universitäten in Ecuador waren wegen politischer Streitigkeiten geschlossen. Wann sie wieder öffnen würden, war unklar. Sein Vater zeigte ihm eine Alternative auf: ein Studium in der DDR. Die deutsche Sprache beherrschte Medina zwar nicht, aber nach einem Vorbereitungskurs in Leipzig war er soweit.

„Ein glücklicher Zufall“

Eigentlich wollte er Medizin studieren, doch daraus wurde nichts. Die Behörden in der DDR wiesen ihm einen Studienplatz am Technikum in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern zu, einer Fachschule für Bauingenieure. „Das war ein glücklicher Zufall“, sagt Medina heute. „Wie man Bauten berechnet und konstruiert, das hat mir sofort sehr gefallen.“

Am Technikum lernte er die Theorie und setzte sein Wissen kurz darauf in einem Praktikum als Assistent eines Statikers des damaligen Wohnungsbaukombinats Neubrandenburg um. Die theoretischen und praktischen Kenntnisse halfen ihm, als er in sein Heimatland zurückkehrte. „Ecuador war damals technisch unterentwickelt“, erzählt er. Und so war das Wissen, das er in der DDR gewonnen hatte, ein großer Pluspunkt, um eine Stelle als Dozent an der Universität von Guayaquil zu bekommen.

Auch seine Kontakte zu ehemaligen Dozenten in Neustrelitz waren dafür wertvoll. Ein früherer Dozent gab ihm Tipps für seinen Lehrplan. „Bis heute verbindet mich eine große Freundschaft mit ihm“, erzählt Medina.

„Es herrschte große Unzufriedenheit“

Für ein Zusatzstudium zum Metallbau kehrte er Mitte der 1980er-Jahre in die DDR zurück. In Weimar studierte er an der Universität und arbeitete als wissenschaftlicher Assistent. Gerne denkt er an diese Zeit zurück: An die Kollegen an der Universität und die vielen geschichtsträchtigen Orte, beispielsweise die Häuser berühmter früherer Stadtbewohner wie Goethe, Schiller oder Lucas Cranach der Ältere.

Während seines Aufenthalts in Weimar hatte der Ecuadorianer eine Vorahnung: Irgendwann werde es zu einer friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung kommen. „Ich habe gesehen, dass die Menschen im Vergleich zu Menschen in Ecuador gut gegen Armut abgesichert waren“, sagt er. „Dennoch herrschte große Unzufriedenheit, zum Beispiel weil die Menschen ihre Meinung nicht in der Öffentlichkeit frei äußern durften.“ Dieser Widerspruch müsse sich eines Tages auflösen, dachte sich der Ecuadorianer. Und er sollte recht behalten.

1989: Mauerfall – Der 9. November

Glücklich, dass das deutsche Volk wiedervereint war

Ein paar Jahre nach seinem Studium in Weimar und seiner Rückkehr nach Ecuador erfuhr er aus der Zeitung vom Fall der Mauer. Trotz seiner Vorahnung war Medina überrascht: „Ich war erstaunt, wie schnell es passierte“, sagt er rückblickend. „Und ich war sehr glücklich, dass das deutsche Volk wiedervereint war.“

In Deutschland war der Ingenieur seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Aber er hofft, seine Freunde aus Zeiten in Neustrelitz und Weimar bald wiederzusehen. „Und dann mit ihnen anzustoßen: auf das Leben und die Einheit!“

Autor: Hendrik Bensch

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Oktober 2019

Kommentare

Daniel Medina
6. November 2019

Ich möchte mich so sehr k fūr Ihre publikatión ūber meine Geschite im deutschen Lande bedanken. Dabei nūtze ich die heutige Gelegenheit um mich dem deutschen Volk mein besten Danks zu äußern.

Immer zu Ihrer Verfūgung bleibend mit warmige Grūßen. Ihrer

Mauricio aus Uruguay
6. November 2019

Tolle Erzählungen, Daniel! Ich interessiere mich sehr für die Geschichte Deutschlands nach dem Mauerfall und lese jetzt einige Bücher. Tschüss

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