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Türöffner in die Vergangenheit

Mauerfall und Wiedervereinigung: Der Ungar Szilárd Mészáros ist unserem Aufruf gefolgt und hat uns erzählt, warum die deutsch-deutsche Geschichte nicht nur in seiner Heimat eine große Rolle spielt – sondern auch ihn persönlich bewegt.

In der ungarischen Heimatstadt von Szilárd Mészáros spielte sich im Sommer 1989 ein aufsehenerregendes Ereignis auf dem Weg zur Deutschen Einheit ab. Oppositionelle hatten zu einem „Paneuropäischen Picknick“ nach Sopron (Ödenburg) eingeladen. An diesem Ort im Nordwesten Ungarns wurde am 19. August 1989 für einige Stunden symbolisch ein Grenztor nach Österreich geöffnet. So wollten die Initiatoren des Picknicks für ein Europa ohne Grenzen werben. Die ungarische Regierung billigte die Aktion. Etwa 700 Menschen aus der DDR nutzten die Aktion, um die Grenze zu überqueren – und gelangten so in den Westen.

„Noch heute kommt man an dem Thema in Sopron nicht vorbei“, erzählt Szilárd Mészáros. Es gibt Erinnerungsveranstaltungen zu dem Ereignis und auch in der Schule und zu Hause ist die symbolische Grenzöffnung immer wieder Thema, sagt der 34-jährige Ungar.

Ausstellungen interessant und sinnvoll gestalten

Die deutsch-deutsche Geschichte spielt aber nicht nur in Mészáros‘ Heimat eine Rolle – auch ihn bewegt das Thema. Im Sommer 2019 war er als Stipendiat beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) der ehemaligen DDR in Berlin, kurz: Stasi-Unterlagen-Behörde. Als Teilnehmer eines Austauschprogramms der Bundesstiftung Aufarbeitung hat er unter der fachlichen Betreuung der Behörde Museen und Gedenkstätten besucht, Konzepte zu Ausstellungen analysiert und Begleitmaterialen für den Einsatz in Schulen studiert.

Der Ungar wollte in Berlin mehr darüber lernen, wie man Ausstellungen interessant und sinnvoll gestalten kann. Und der Aufenthalt hat sich für ihn gelohnt: „Die Zeit in Deutschland hat mir inhaltlich und methodisch sehr viel gebracht“, sagt Mészáros.

Was er gelernt hat, will er nun für seine ehrenamtliche Tätigkeit bei der ungarischen Stiftung „Gemeinsamer Nenner“ nutzen. Die Stiftung möchte mit ihrer Arbeit bei Bürgern dafür werben, sich mit wichtigen Ereignissen in der ungarischen Geschichte auseinanderzusetzen. Hierzu gibt es unter anderem eine Wanderausstellung, an der Szilárd Mészáros mitarbeitet.

Türen in die Vergangenheit

Zu der Ausstellung gehören Türen, die die Stiftung auf öffentlichen Plätzen und in Schulen aufstellt. Jede Tür ist mit einem geschichtlichen Ereignis oder zeitlichen Abschnitt des 20. Jahrhunderts in Ungarn verknüpft. „Wir wollen mit der Ausstellung im wahrsten Sinne des Wortes Türen hin zur Vergangenheit öffnen und die Menschen einladen, sich damit zu beschäftigen“, sagt Mészáros. Denn die Vergangenheitsbewältigung in Ungarn finde noch sehr zurückhaltend statt. „Sie ist aber wichtig für das Miteinander in einer Gesellschaft“, findet der promovierte Jurist, der in Budapest als Übersetzer und Dolmetscher in der Österreichischen Botschaft arbeitet.

In Deutschland sehe die Lage anders aus. „Ich habe den Eindruck, dass es dort bei vielen den Willen gibt, etwas zur Vergangenheitsbewältigung beizutragen“, sagt Mészáros. In Berlin und an anderen Orten stoße man an jeder zweiten Ecke auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, sei es in Gedenkstätten, an Erinnerungsorten oder in Museen.

Fast 30 Ausstellungen und Gedenkstätten in Berlin besucht

In diesem Sommer war Mészáros während seines Stipendiums einen Monat lang in der deutschen Hauptstadt und besuchte fast 30 Ausstellungen und Gedenkstätten zu unterschiedlichen Abschnitten der deutschen Geschichte. „Sie sind oft thematisch und methodisch gut gestaltet“, findet der Ungar. Besonders beeindruckt hat ihn die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Früher befand sich hier die zentrale Haftanstalt der Staatssicherheit.

Wer heute eine aktuelle Sonderausstellung betritt, dem liegt die verborgene Infrastruktur der Überwachung und Verfolgung in Zeiten der DDR regelrecht zu Füßen: Besucher gehen über eine Luftaufnahme Berlins, auf der Orte mit Stasi-Bezug vermerkt sind.

Eingezeichnet sind beispielsweise die mehr als 4000 konspirativen Wohnungen für Treffen von Stasi-Mitarbeitern mit Informanten. Mithilfe von Computer-Tablets erfahren Besucher anhand von Filmen, Fotos und Dokumenten mehr über die Schicksale von Menschen, die in die Fänge des Geheimdienstes gerieten.

Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin
  • Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

    Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

  • Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

    Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

  • Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

    Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

  • Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

    Das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin. © bstu

Informationen besser vermitteln

In Berlin schaute sich Mészáros auch Detailkonzepte zu Ausstellungen an und lernte so mehr darüber, wie man diese konzipiert und umsetzt. So begeisterte ihn beispielsweise eine interaktive Computer-Tafel, auf der Besucher eine zerrissene Stasi-Akte wieder zusammensetzen konnten, in der Ausstellung „Einblick ins Geheime“ der Stasi-Unterlagen-Behörde. „Ich habe bei meinen Besuchen in Berlin viele interaktive Elemente wie diese gesehen, mit denen sich Informationen noch besser vermitteln lassen“, sagt Mészáros. Diese Anregungen will er auch für die Arbeit bei „Gemeinsamer Nenner“ mitnehmen. Auch darüber, wie man Ausstellungstexte verständlicher gestalten kann, habe er viel gelernt.

Intensive Beziehungen zu Deutschland

Einen Bezug zu Deutschland hatte der Ungar schon während seiner Kindheit. Seine Mutter ist Deutschlehrerin, an der Schule lernte er intensiv die Sprache. In Berlin war er bereits 2008 das erste Mal. Damals folgte er in der ehemals geteilten Stadt dem früheren Verlauf der Mauer. Später kam er für ein Praktikum im Deutschen Bundestag zurück in die deutsche Hauptstadt. Und voraussichtlich wird auch der Besuch in diesem Jahr nicht der letzte gewesen sein. Da er sich nur während seines Urlaubs die Zeit für das Stipendium nehmen konnte, war der Aufenthalt in Deutschland begrenzt. „Wenn es geht, komme ich gerne wieder, um noch mehr zu lernen.“

Autor: Hendrik Bensch

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Oktober 2019

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