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Zainah Rahmiati: „Durch Analphabetismus werden Menschen ausgegrenzt und gefährdet“

Name: Zainah Rahmiati
Lebt in: Jambo Timu, Distrikt Lhokseumawe, Provinz Aceh, Indonesien
Herkunftsland: Indonesien
Deutschlandaufenthalt: Mai 2009 bis Mai 2010 in Saarbrücken, Mannheim, Magdeburg, Bremen und Berlin
Förderorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
Beruf: Sozialarbeiterin und nebenberuflich Lehrbeauftragte

Zur Zeit des Tsunami im Indischen Ozean 2004 studierte Zainah Rahmiati in der Provinzhauptstadt Banda Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra. Da auch ihre Familie von der Katastrophe betroffen war, bewarb sie sich als Übersetzerin und Dolmetscherin bei Oxfam Großbritannien. Der Einsatz in einer direkten Notsituation und die Arbeit mit den Familien der Opfer war für sie eine einschneidende und unbezahlbare Erfahrung. Seitdem hat Zainah Rahmiati für die United States Agency for International Development (USAID) und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen gearbeitet, unter anderem das Amerikanische und Französische Rote Kreuz, Indonesiens Agentur für Sanierung und Wiederaufbau (BRR) Aceh-Nias sowie Save the Children.

Von Mai 2009 bis Mai 2010 verbrachte sie ein Jahr in Deutschland und nahm an einem Weiterbildungsprogramm der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) teil.

Welche positiven Erfahrungen haben Sie aus Deutschland mitgenommen, die Sie in Ihrem Werdegang und für Ihr Projekt weitergebracht haben?

Zainah Rahmiati: Ich hätte nie gedacht, dass sich mein persönliches und berufliches Leben während meines einjährigen Aufenthalts so verbessern würde. Nach meiner Ankunft nahm ich an einem dreimonatigen Deutschkurs teil. Während meines Aufenthalts besuchte ich nahezu alle Bundesländer, und nicht nur die großen Städte, sondern auch viele kleinere. So oft wie möglich unterhielt ich mich mit den Menschen dort. Meine deutschen Sprachkenntnisse haben sich durch die Übung mit Muttersprachlern sehr verbessert.

Ich hatte mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Nationen und mit verschiedenen kulturellen Wurzeln zu tun. Ich verstand immer besser, wie man harmonisch zusammenleben kann und dass Glaube, Hautfarbe oder kulturelle Identität keine Rolle spielen. Ich lernte auch, dass Respekt gegenüber anderen sehr hilfreich im Miteinander und der Kommunikation mit anderen Menschen ist, auch wenn es eine Sprachgrenze gibt.

Zudem lernte ich in den Workshops und Kursen der Führungsprogramme Werte, die mir in meinem Projekt sehr geholfen haben. Vor allem sind gute Kommunikationsfähigkeiten sehr wichtig. Diese Kenntnisse haben mir sehr bei der positiven Zusammenarbeit mit meinem Team und anderen Programmbeteiligten geholfen, wie zum Beispiel den Partnern und den Teilnehmern der Programme.

Als Projektleiterin muss ich außerdem gut zuhören können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zwar jeder das Recht hat, Gehör zu finden und seine Meinung zu sagen, dass diese Rechte jedoch oft verletzt und ohnehin in verschiedenen Kontexten und Kulturen unterschiedlich ausgelegt werden. Ich versuche in meiner Organisation, sowohl den ehrenamtlichen Helfern wie auch den Menschen, mit denen wir arbeiten, Raum zu geben, ihre Rechte auszudrücken. Ich glaube, dass die Aufnahme dieser Werte in die Zielsetzungen der Programme eine positive Auswirkung auf die Entwicklung des Projekts haben wird, vor allem auf die Qualität unserer Angebote.

„Jeder hat die gleichen Rechte, besser zu leben und innerhalb der Gemeinschaft gleich behandelt zu werden“

Für welche Organisation arbeiten Sie und welches Projekt leiten Sie dort?

Zainah Rahmiati: Ich arbeite für eine gemeinnützige Organisation namens Rumoh Baca Hasan-Savvas (die Hasan-Savvas-Bibliothek). Sie wurde gegründet, um den Analphabetismus bei jungen Menschen aus Familien mit niedrigem Einkommen zu bekämpfen, die in den Küstenregionen von Jambo Timu und den umliegenden Dörfern im Distrikt Lhokseumawe und Nord-Aceh leben. Wir glauben, dass Analphabetismus und unzureichender Zugang zu Bildung dazu beitragen, dass Menschen ausgegrenzt und gefährdet leben müssen. Als Reaktion auf diese Probleme fühlen wir uns aufgerufen zu helfen, indem wir Alphabetisierungskurse und Aktivitäten für junge Menschen aus der Region anbieten. Unter anderem haben wir eine Bibliothek für junge Menschen in ländlichen Gebieten gegründet, vor allem für Schüler und Studenten. Wir möchten ihnen Zugang zu hochwertigen Büchern verschaffen, damit sie ihr Wissen in bestimmten Bereichen ausweiten können.

Ich werde bei der Umsetzung des Projekts von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern und Tutoren unterstützt. Außerdem arbeiten wir eng mit unseren Partnern zusammen, darunter staatliche Institutionen, Schulen und Universitäten in der Region. Seit Beginn des Projekts haben wir von verschiedenen Institutionen und Einzelpersonen aus dem In- und Ausland viele Bücherspenden für unsere Bibliothek erhalten. Daher möchten wir uns in der Zukunft darauf konzentrieren, Finanzmittel zu beschaffen, mit denen wir die ganze Bandbreite unserer Programme umsetzen und damit noch mehr Menschen in der Region unterstützen können.

Was war Ihre Motivation, das Projekt zu starten?

Zainah Rahmiati: In meinem Dorf Jambo Timu herrschten früher bewaffnete Konflikte und 2004 war es vom Tsunami betroffen. Als Überlebende hatte ich das Gefühl, dass mir eine zweite Chance gegeben wurde und ich beschloss, das Beste aus dieser zweiten Chance zu machen. Einige Jahre später hatte ich bei meiner Arbeit die Gelegenheit, Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen kennenzulernen. Ich entwickelte meine persönlichen und beruflichen Fähigkeiten weiter. Außerdem konnte ich verschiedene Länder der Welt besuchen, im Ausland leben und mein Wissen im Austausch mit internationalen Kollegen vergrößern. Ich sah, wie wichtig die Bildung für das Erreichen solcher Ziele ist.

Nachdem ich im Mai 2010 das Weiterbildungsprogramm in Deutschland beendet hatte, beschloss ich, in meine Heimatstadt zurückzukehren und dort zu arbeiten. Ich fand es schade, dass Menschen aus den ländlichen Gebieten oft als ungebildet abgestempelt und anders behandelt wurden und dass sie zu vielen Berufen keinen Zugang hatten. Das war nicht richtig so. Ich sah ein, dass jeder die gleichen Rechte hat, besser zu leben, innerhalb der Gemeinschaft gleich behandelt zu werden und seine Gefühle und Ziele auszudrücken. Ich fand, dass Kinder in ländlichen Gebieten die gleichen Möglichkeiten haben sollten wie die Kinder in den Städten. Die Schulen in den ländlichen Gebieten sind oft sehr schlecht ausgestattet und bieten den Kindern wenig Unterstützung beim Lernen, aber weil die Einkommen der Familien sehr gering sind, können sie ihren Kindern keine gute Ausbildung in der Stadt ermöglichen.

Ich konnte zur Verbesserung der Situation nur meine eigene Qualifikation als Englischlehrerin beisteuern. Im Jahr 2011 begann ich, eine kostenlose Englischstunde für die Kinder in meinem Dorf zu geben. Überraschenderweise kamen auch Kinder aus den umliegenden Dörfern zu uns. Ich habe mich über die positiven Reaktionen der Kinder sehr gefreut. Mir wurde klar, dass jedes Kind mit eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten begabt ist, egal, wo es lebt. Ich konnte ihnen bei der Verwirklichung und der besseren Nutzung ihres Potenzials helfen. Dann fragte ich mich, wie man die Lehr- und Lernaktivitäten unterstützen könnte. Natürlich: Ich brauchte eine Bibliothek.

  • Zainah Rahmiati (c) privat
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Welche positiven Auswirkungen Ihres Projekts sind bereits spürbar?

Zainah Rahmiati: Wir konnten in den sieben Monaten, seitdem die Bibliothek besteht, schon einiges erreichen. So sind zum Beispiel die Begeisterung und das Interesse der jungen Leute an unseren Alphabetisierungsaktivitäten stark gestiegen. Das kann man an der wachsenden Anzahl der Menschen ablesen, die unsere Bibliothek jeden Tag besuchen. Um darauf zu reagieren, bemühen wir uns, für alle Altersgruppen entsprechende Bücher, Lernspiele und Spielzeug bereitzustellen, um noch mehr Kinder anzuziehen. In letzter Zeit wurden wir nicht nur von Kindern aus meinem Dorf und den umliegenden Dörfern besucht, sondern auch von Studenten und Dozenten von verschiedenen Universitäten in der Region. Außerdem haben uns verschiedene Institutionen eine Zusammenarbeit angeboten, darunter die staatliche Fachhochschule von Lhokseumawe, mehrere Grundschulen im Unterbezirk Blang Mangat und eine örtliche NGO (Orphan Kafala Programme), zum Beispiel als Forschungspartner bei einem Projekt zum Engagement in der Gemeinschaft.

Was sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Zainah Rahmiati: Es gab auf meinem Weg tatsächlich einige Schwierigkeiten, nicht nur hinsichtlich der knappen finanziellen Mittel und der fehlenden Hilfskräfte (ehrenamtliche Helfer), sondern auch durch die übertriebenen Reaktionen der Leute in unserem Umfeld, die sich davor fürchten, in ihrem Leben etwas zu verändern. Momentan ist das knappe Budget mein größtes Problem. Es fällt mir schwer, das Programm effektiv zu betreiben, denn ich kann die Dinge, die unsere Besucher dringend brauchen, nicht anschaffen. Außerdem brauchen wir dringend ehrenamtliche Helfer für unser Programm, aber in unserer Gesellschaft ist ehrenamtliches Engagement eher ungewöhnlich. Die Menschen haben ihre normale, bezahlte Arbeit und dieser müssen sie den Vorzug geben, weil ihre Einkünfte sonst nicht für den Lebensunterhalt ausreichen. Das ist sehr gut verständlich. Aber es macht es schwierig für mich, meine Zeit so einzuteilen, dass das Projekt aufrechterhalten werden kann. Diesen Mangel an Interesse kann man jedoch auf der ganzen Welt beobachten. Es ist ganz normal, dass die Leute unterschiedlich auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagieren.

Capacity Building für alle

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft des Projekts?

Zainah Rahmiati: Wenn diese Bibliothek verlässliche Geldquellen, qualifizierte Angestellte, Tutoren und ehrenamtliche Helfer bekommt und damit mehr Programme für Frauen und Kinder bieten kann, stehen die Chancen sehr gut, dass sie größer werden und mehr Menschen in den umliegenden Gemeinschaften zugutekommen. Ich bin überzeugt, dass Frauen und Kinder die am meisten gefährdeten Gruppen in den Gemeinschaften sind und dass sie häufig Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind.

Deshalb möchte ich neue Strategien zur Verbesserung der bestehenden Programme entwickeln, vor allem der Alphabetisierungsprogramme, und auch ganz neue anbieten: Ein Programm zur mikroökonomischen Befähigung, das auf die Verbesserung der Fähigkeiten und Kenntnisse von Frauen in ländlichen Gebieten zugeschnitten ist (sowohl junge Mädchen als auch erwachsene Frauen) und ein Programm zum Thema Rechte und Schutz von Kindern.

Um diese Ziele zu erreichen, muss ich vor allem noch mehr Verbindungen mit anderen Menschen und Institutionen aufbauen, sowohl hierzulande als auch international, um aus den Erfahrungen der anderen zu lernen. Außerdem müssen wir die Partnerschaften mit örtlichen Bildungsinstitutionen ausbauen, damit sie langfristig zur Entwicklung unseres Projekts beitragen.

Über das Bibliotheksprojekt hinaus haben Sie weitere Angebote für benachteiligte Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum aufgebaut. Was sind das für Angebote?

Zainah Rahmiati: Das Leben in einer modernen Gesellschaft bringt einige Herausforderungen mit sich. Um im Wettbewerb mit anderen zu bestehen, zum Beispiel bei einer Arbeitsstelle, müssen die Menschen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, egal wo sie leben. Dieser Umstand hat mich dazu motiviert, jungen Menschen aus ländlichen Gebieten durch die Verbesserung ihrer Kenntnisse den Zugang zu Jobs zu erleichtern. Wir bemühen uns, eine Reihe von Capacity-Building-Programmen anzubieten, darunter Fremdsprachenkurse, Kreativunterricht und Kochkurse. Ich hoffe, dass sie durch diese Programme ermutigt werden, sich selbst als unabhängige Personen weiterzuentwickeln und auch für andere in ihrer Gemeinschaft Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.

„Ohne die Unterstützung anderer Menschen kann ich meine Ziele nicht verwirklichen“

Mit diesem Projekt folge ich meiner Leidenschaft, ich teile Freude und tausche Erfahrungen mit anderen aus. Ich weiß, dass ich ohne die Unterstützung anderer Menschen meine Ziele nicht verwirklichen und meine Träume nicht umsetzen kann. Ich freue mich sehr, dass mir das Alumniportal die Gelegenheit gegeben hat, meine Geschichte hier zu erzählen. Ich hoffe, dass sie andere Menschen, die weltweit mit diesem Portal verbunden sind, dazu ermutigt, sich für ein besseres Leben anderer einzusetzen, ungeachtet von Glaubenszugehörigkeit, Kultur, Geschlecht oder Hautfarbe. Ich würde mich freuen, wenn Sie bei unserem Projekt mitwirken möchten. Bitte setzen Sie sich mit uns in Verbindung, wenn Sie daran Interesse haben!

Zum Community-Profil von Zainah Rahmiati

August 2016

Kommentare

Raikhan Shalginbayeva
31. August 2016

Wirklich "werden die Menschen durch Analphabetismus ausgegrenzt und gefährdet". Zainah hat recht und es ist ihr glücklicherweise gelungen, sich zu realisieren und viel Wohltätiges für ihre Einheimischen zu tun. Dazu hat solches immer hilfsbereite Land wie Deutschland viel Beitrag geleistet. Das ist sehr erfreulich.
Viel Spaß, Zainah!

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