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Minderheitensprachen: Der Kampf gegen das Vergessen

Er stammt aus Chorugh, einer Bergstadt in Tadschikistan, und er hat ein einzigartiges Problem: Amri Sherzamonovs Muttersprache droht zu verschwinden. Der 40-jährige Familienvater gehört zur ethnischen Minderheit der Pamiris, einer Gemeinschaft von nur etwa 300.000 Menschen, die in der autonomen Provinz Berg-Badachschan des zentralasiatischen Landes lebt. Schugni, eine der von der pamirischen Minderheit gesprochenen Sprache, ist zusammen mit anderen pamirischen Sprachen im UNESCO Atlas der bedrohten Sprachen aufgeführt. Diese könnten vollständig verschwinden, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Zivilgesellschaftliche Netzwerke zwischen Deutschland und der Welt stärken

Aus diesem Grund will Amri Sherzamonov nun handeln. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Linguistik, sein Aufbaustudium befasst sich mit internationalen Beziehungen. Sein Minderheitenhintergrund hat definitiv seine Berufswahl beeinflusst. Um seine Fachkenntnisse zu erweitern, nahm er am CCP-Stipendienprogramm des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) teil, der ältesten deutschen Mittlerorganisation für internationale Kulturbeziehungen. Über die CCP-Stipendien unterstützt das CrossCulture Programm (CCP) jährlich rund 80 Fachleute und engagierte Freiwillige aus über 35 Ländern. Die Teilnehmer absolvieren in Gastorganisationen in Deutschland oder anderen CCP-Partnerländern eine zwei- bis dreimonatige praktische Ausbildung.

 

Dank der finanziellen Unterstützung durch die ifa hatte Amri Sherzamonov die Möglichkeit, ein Praktikum am European Center for Minority Issues (ECMI), in Flensburg, Deutschland zu absolvieren. In dieser Zeit wurde er damit beauftragt, die Gesetzgebung zentralasiatischer Länder zu Minderheitenfragen zu untersuchen und Analysen zu Verfassungen, Gesetzen und normativen Akten vorzunehmen. Dabei eignete er sich viele neue Forschungs- und Methodenkompetenzen an.

Sein CCP-Stipendium und sein anschließendes Stipendium bei den Vereinten Nationen im Büro des Hochkommissars für Menschenrechte halfen ihm dabei, seine Forschung und seine Arbeit bei einer NGO zu verbessern, bei der er seit 2012 in seinem Heimatland als Freiwilliger tätig ist. Vier Personen engagieren sich für diese Organisation. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Menschenrechtssituation zu überwachen, insbesondere wenn es um Minderheitenrechte in der Region geht. In Deutschland lernte Amri, welche Mechanismen in den Vereinten Nationen zum Schutz der Minderheitenrechte zur Verfügung stehen, und bekam die Möglichkeit, an einem jährlichen Forum zu Minderheitenfragen teilzunehmen. Nach seiner Rückkehr konnten er und seine Kollegen die neuen Fähigkeiten erfolgreich einsetzen.


Amri Sherzamonov

Der 40-jährige Familienvater stammt aus Chorugh in Tadschikistan. Er gehört zur ethnischen Minderheit der Pamiri, einer Gemeinschaft von etwa 300.000 Menschen, die in der autonomen Provinz Berg-Badachschan des zentralasiatischen Landes lebt. Schugni, eine der von der pamirischen Minderheit gesprochenen Sprache, ist zusammen mit anderen pamirischen Sprachen im UNESCO Atlas der bedrohten Sprachen aufgeführt. 2018 nahm Amri Sherzamonov am CrossCulture Programm des ifa teil und absolvierte ein Praktikum am European Center for Minority Issues (ECMI) in Flensburg, Deutschland.

Foto: privat (Amri Sherzamonov)


Erstellen eines Alphabets und Drucken von Lehrbüchern

„Als ich an der Universität Linguistik studierte, wurde ich damit beauftragt, eine vergleichende Analyse meiner Muttersprache Schugni und Englisch durchzuführen. Es war eigentlich das erste Mal, dass ich meine Muttersprache aus akademischer Sicht erforschte“, erinnert sich Sherzamonov. Dank dieser Arbeit erkannte er, inwieweit seine Muttersprache gefährdet ist. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Pamiri-Sprachen von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Heute ist es jedoch dringend erforderlich, ein Alphabet zu erstellen und zu verwenden sowie Lehrbücher zu drucken.

„Die Pamiri machen nur 2,7 Prozent der Bevölkerung Tadschikistans aus, die insgesamt 9 Millionen Menschen umfasst“, weiß Sherzamonov. „Wir haben in unserer Muttersprache nicht einmal Zugang zu Grundschulbildung oder allgemeinen Informationen. Das ist sehr beunruhigend. Untersuchungen zeigen, dass Kinder, denen all das vorenthalten wird, keine guten Ergebnisse in der Schule erzielen.“

Obwohl die Verfassung des Landes den Pamiris das Recht einräumt, Grundschulbildung in ihrer Muttersprache zu erhalten, wird dies immer noch nicht umgesetzt. Er fügt hinzu, dass es innerhalb der Regierung von Tadschikistan keine spezialisierte Instanz gibt, die sich mit nationalen Minderheiten befasst. Das bedeutet, dass Sherzamonov nicht direkt mit Regierungsstellen zusammenarbeiten kann, sondern nur über internationale Organisationen wie das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte und die OSZE.


Ein internationales Alumnitreffen in Kiev

Im Oktober 2019 fand das erste Ehemaligentreffen des ifa mit Alumni des CrossCulture-Programms aus Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, Deutschland, Kasachstan, Kirgisistan, der Republik Moldau, Russland, Tadschikistan, der Ukraine und Usbekistan in Kiew, Ukraine statt. Rund 30 Alumni kamen zusammen, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Während der drei Tage wurde den Teilnehmern ein interessantes und abwechslungsreiches Programm geboten. Dieses umfasste Präsentationen von Experten der Zivilgesellschaft, Podiumsdiskussionen und Workshops zu künftigen Möglichkeiten gemeinsamer Initiativen. Die Alumni diskutierten in Gruppen Kernthemen und Fragen zu Vielfalt und friedlichem Zusammenleben und tauschten Erfahrungen zu Jugendpolitik, politischer Bildung und Sozialunternehmertum aus. Während des Treffens gab es viele Möglichkeiten für die Alumni, zu diskutieren, Best Practices auszutauschen, Methoden zu analysieren und Strategien zu entwickeln, um nachhaltige Kooperationen und Netzwerke aufzubauen.


„Ich wollte die deutsche Arbeitsethik hautnah erleben“

Der CCP-Alumnus von 2018 sagt, dass er während seines Stipendiums keinen Kulturschock erlebt hat. Er arbeitete für das OSZE-Büro in Tadschikistan und besuchte zwei Mal im Jahr das Sekretariat in der österreichischen Hauptstadt Wien. Daher war er mit der europäischen Kultur bereits einigermaßen vertraut.

„In unserem Teil der Welt schätzen wir die Deutschen für ihre Pünktlichkeit, Präzision und die Qualität der von ihnen produzierten Waren“, sagt Sherzamonov. Er begann, Deutsch zu lernen, und machte einen ersten Abschluss. „Was ich in meiner Bewerbung an das ifa besonders hervorgehoben habe, war, dass ich die echte deutsche Arbeitsethik kennenlernen wollte.“

Paradoxerweise landete er letztlich in einer Organisation mit einem sehr vielfältigen multinationalen Team – dem nur zwei Deutsche angehörten. Dennoch hat ihm das CCP-Stipendium sowohl bei seiner Forschungstätigkeit als auch bei seinem ehrenamtlichen Engagement sehr geholfen. „Ich habe in meiner Zeit in Europa viel gelernt. Jetzt können wir die Situation zu Hause genauer beobachten, da ich während meiner Arbeit im European Center for Minority Issues und dank des UN-Stipendiums gewisse Kompetenzen erworben habe. Meine Forschungsfähigkeiten haben sich definitiv verbessert.“

Interview: Ismayil Fataliyev (Deutschland Alumnus)

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November 2019

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